Schweizer Filmpreis 2010
Je später der Abend desto V.I. die P.
"Oscarstimmung" ortete der nicht mehr ganz so neue Bundesrat Didier Burkhalter bei seiner Ankunft im Kultur- und Kongresszentrum von Luzern. Neuerdings wird zumindest ein Teil der Gäste der Verleihung des Schweizer Filmpreises in Limousinen mit einem Stern vorgefahren. Der Kulturminister aus Neuenburg, der von seinen Beamten Jean-Frédéric Jauslin und Nicolas Bideau sekundiert wurde, als wären es seine Bodyguards, muss als Kulturminister so euphorisch sein. Nicht ganz zur festlichen Stimmung des Vorgeplänkels zur Award Night wollte aber das bitterkalte Winterwetter passen. Auch unter dem imposanten Vordach des KKL kann es schneien, wie die armen Fotografen, die sowieso schon froren, bemerken mussten. Ganz zu schweigen von den mutig auftretenden Nominierten Marie Leuenberger und Jennifer Mulinde-Schmid. Die sexy Abendkleider der beiden Schauspielerinnen waren der Lichtblick, als das Schneegestöber teilweise nicht einmal mehr die Sicht auf die andere Seite der Luzerner Seebucht ermöglichte. Der brombeerfarbene Teppich der Quartz-Verleihung war garstigeren Konditionen ausgesetzt als der rote an der Berlinale in Berlin.
Im warmen Konzertsaal strahlte die wie immer souverän zweisprachig parlierende Susanne Kunz als Conferencière - musikalisch umrahmt vom wunderbaren Vienna Art Orchestra unter der Leitung von Mathias Rüegg. Die im Vergleich zum Luzerner Symphonieorchester aus dem Vorjahr bedeutend kleinere Jazz-Formation machte eine gute Figur und war besser in den Ablauf integriert als die Musik der letztjährigen Verleihung. Es war eine nüchtern gediegene Veranstaltung, die ohne grosse Showeffekte auskam. Sieht man davon ab, dass eine Dame, immer dann, wenn es im Saal dunkel war während den Einspielern, die Plastikfünfecke, die von der Decke hingen, wieder in Bewegung setzten musste. Das grosse Fest war aber auch etwas trocken, die Dankesreden brav, und dank dem leibhaftigen Sennentutschi (Sara Capretti), das als Anspielung auf die Steinerschen Querelen im letzten Jahr auf die Bühne stürchelte, auch mit einem peinlichen Intermezzo ausgestattet. Sehr gut im Griff hatte man aber die Filmclips zu den Nominationen. Diese waren aussagekräftig und immer passend zur Kategorie, die als nächstes auf dem Programm stand. Dabei half wohl, dass die Verleihung erstmals komplett in Fernsehen übertragen wurde.
Die grossen Gewinnner waren die Welschen. Mit Coeur Animal staubte nur ein Film gleich zwei Quartze ab - für den besten Spielfilm und mit Antonio Buil als bestem Hauptdarsteller. Auch der Preis für das beste Drehbuch ging mit Complices in die Welschschweiz. Da blieb kein Preis mehr übrig für den fünffach nominierten Giulias Verschwinden. Dass dieser Film leer ausging, war die grosse Überraschung des Abends.
Vielleicht lag es am ultraspäten Auftreten von Bruno Ganz. Der Ausnahmeschauspieler kreuzte in allerletzer Minute am Teppich auf, als die meisten Menschen schon im Saal waren. Die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, wollte er sich an den Medienvertretern vorbeischleichen. Auch die für Sinestesia nominierte Melanie Winiger mit Rappergatte Stress kam nur wenig früher. Hier galt für das winterliche Luzern doch noch eine hollywoodsche Devise: Je später der Abend, desto V.I. die P.




