Im Sog der Nacht (2009)
Interview mit Markus Welter

Markus Welter
Markus Welter arbeitete lange als Cutter für verschiedene Filmproduktionen und als Regisseur für Werbungen. Für die Verfilmung des Buches Im Sog der Nacht durfte der gebürtige Deutsche zum ersten Mal als Regisseur bei einer Filmproduktion die Kommandos geben. OutNow.CH traf ihn im Rahmen des Zürich Film Festival und sprach mit ihm über seine Anfänge, über Schwierigkeiten beim Dreh und über magische Momente.
OutNow.CH (ON): Wie bist du zum Film gekommen?
Markus Welter (MW): Ich habe in Deutschland in einer Werbeagentur eine Ausbildung gemacht. Ich bin dann in die Film-, Funk und Fernsehabteilung gekommen und habe mir dort selber das Schneiden von Filmen beigebracht. Ich hab dann weiter eine Ausbildung als Produzent gemacht, parallel habe ich aber immer weiter geschnitten: Musikvideos, Werbungen, irgendwelche Industriefilme. Dann bin ich in die Schweiz gekommen für einen Mövenpick-Film. Die Firma hatte dazumal die Aufgabe den Film "Mövenpick Schweiz" in der Schweiz zu drehen. Und so wurde ich auf Dienstreise nach Zürich geschickt und hatte dort das Glück bei der Filmproduktion "Turnus Film" diesen Spot zu produzieren und weil das sehr postproduktionslastig war und sie gemerkt haben, dass ich ein bisschen was vom Cutten und von der Postproduktion verstehe, haben die dann gefunden: "Eigentlich brauchen wir hier einen wie dich". Dann habe ich von ihnen einen Arbeitsvertrag erhalten. Da ich, und Editoren allgemein, die Angewohnheit haben zu motzen; Dinge wie: warum hast du das nicht so gedreht; hab ich dann selbst begonnen bei Werbungen Regie zu führen. Nachdem ich für einige Zeit in Amerika war und danach zurückkam, hatte ich die Chance Spielfilme zu schneiden (unter anderem Das Fähnlein der sieben Aufrechten und Strähl).
ON: Was hat dich an Im Sog der Nacht" gereizt?
MW: Was mich an der Geschichte gereizt hat, war dieser hoffnungslose Sog, den diese Menschen haben, die darin vorkommen. Das zieht dann richtig mit, sie können ja manchmal gar nichts dafür und wissen gar nicht was für einen Mist sie da bauen. Was mich fasziniert hat, war wirklich dieser hoffnungslose Sog die diese Geschichte auf die Charaktere nimmt. Dieses düstere Herabziehen. Wie ein Stein, der im Wasser versinkt. Die Geschichte beginnt ja bereits recht hoffnungslos und geht dann immer mehr bergab.
ON: Im Sog der Nacht ist dein erster Film, bei dem du Regie geführt hast. Wie war es so zum 1. Mal der Boss zu sein?
MW: Auf der einten Seite bin ich’s mir von der Werbung schon gewohnt. Ich war dankbar, dass ich das machen konnte und machen durfte. Die Hauptaufgabe von mir war es die Crew zu motivieren. Denn man muss niemanden kontrollieren oder der Boss sein. Die Leute, die sind alles "Fachidioten". Diese muss man nur motivieren, denn sie wissen ja was sie tun müssen. Mit Motivation strengen die sich viel mehr an. Das ist so bei Schauspielern, bei Setdesignern bis hin zu den Tontechnikern. Die bombardieren dich auch noch mit ihren eigenen Ideen. Die richtig guten Ideen dann herauszupicken und die Wertschätzung zu geben, das ist mein Job. Der Boss muss man nur sein, wenn das Ganze einem entgleitet.
ON: Gab es solche Momente?
MW: Es gab einen Moment, wo alle müde waren. Die Schauspieler hatten den Text vergessen und im guten Take knallte eine Türe. Da habe ich alle zusammengerufen und kurz eine Standpauke gehalten. Das muss man dann haben, aber man muss das mit Gespür machen. Man kann die Leute nicht platt machen, denn dann haben sie keinen Bock mehr zum Arbeiten. Wir wollen alle nur das Beste. Dann haben wir uns dann wieder gefangen. Man muss auch sehen, dass der Film in 25 Arbeitstagen gemacht wurde, 17 davon in der Nacht. Ein horrendes Tempo also, mit dem gedreht wurde. Gross auf dem Set mit den Schauspielern diskutieren ging da nicht. Das lief so ab: Das haben wir geprobt. Das wollen wir. Habt ihr noch eine Idee? Nicht? Zack. Los. Was machen wir als nächstes? Das nächste Set steht schon, Zack. Weiter. Rüberlaufen. 10 Stunden wurde durchgedreht. Das war der Alltag.
ON: Der Dreh war also sehr stressig und der Film ist ja auch sehr ernst. Gab es dennoch witzige Momente beim Drehen?
MW: Es gibt magische Momente beim Filmen. Lustig ist es immer. Das ist mein Hauptspass. Es muss lustig sein, es muss Spass machen Filme zu drehen und diesen Spass muss man auch transportieren. Es kann ein ernstes Thema sein, aber trotzdem muss man Spass daran haben. Aber es gibt magische Momente. Ein Beispiel: Wir sollten an einem Tag die Autofahrt am Ende, die gesamte Schlussszene und danach noch eine ganze Szene mit einem Förster drehen. Für die ersten beiden brauchten wir sehr lange und kamen nun zur Försterszene. Geplant waren 7 Einstellungen. Die Sonne ging immer weiter unter und wir hatten nur noch für 20 Minuten Licht. Zu diesem Zeitpunkt wollte man diese Szenen dann sogar streichen. Ich sagte dann, dass das nicht gehe, denn die Szene sei wichtig. Dann bin ich mit dem Kameramann zusammengestanden. Dann sagten wir: "Wir nehmen jetzt den Crewbus, nehmen die Rückbank heraus, gehen alle rein (Ton, Kamera) machen das alles in einem Take ohne Proben. Aus der Not wurde die Tugend. Wir konnten es dann 2mal drehen. Es hat funktioniert. Wir sahen die Aufnahmen auf dem kleinen Monitor: Es sah super aus. Und du hattest "Schiessfreud" wenn es fertig war. Das ist ein magischer Moment, wenn du Cut sagst und alle dann aufschreien: "Super gemacht, geschafft". Das sind die Momente auf die man hofft.
ON: Die CH-Filmszene ist ja nicht gerade bekannt für die ihre Actionfilme und dein Film geht nicht gerade zimperlich mit der Gewalt um. Glaubst du, dass in der Zukunft diese Art von Film sich in der Schweiz etablieren kann?
MW: Ich glaube nicht, dass man in der Schweiz einen Torture-Porn à la SAW drehen kann. Das werden wir nie schaffen. Ich glaube aber auch nicht dass Im Sog der Nacht so gewalttätig ist. Er hat diese Elemente, welche die Geschichte in diese notwendige Tragik stossen. Die Gewalt, die dort gezeigt wird, ist ein Mittel die Geschichte zu erzählen. Kein Selbstzweck. In der Schweiz ist es halt so, dass man versucht gute Geschichten oder unterhaltende Geschichten zu erzählen. Es muss einfach Spass machen so etwas zu schauen und drin zu sitzen und die Spannung ertragen zu wollen. Aber Zukunft hat so etwas in der Schweiz.
ON: CARGO, der erste CH-Science-Fiction-Film hatte ja grosse Probleme bei der Mittelbeschaffung. Wie erging es euch bei Im Sog der Nacht?
MW: Katastrophe. Wir brauchten fünf Jahre bis wir das Geld zusammen hatten. Wir sind noch sehr günstig gewesen. Am Anfang haben wir Geld bekommen von der Zürcher Filmstiftung und vom Fernsehen. Und dann hatten wir soviel Geld, dass wir gesagt haben, dass wir Geld zusammen haben für einen Film, es aber zu wenig war um den Film zu drehen. Und zu viel Geld um das Projekt sterben zu lassen. Vom Bund sind wir abgelehnt worden. Dann haben wir versucht mit Österreich eine Co-Produktion zu machen. Diese haben aber kurz vor Drehbeginn gesagt, dass sie doch kein Geld beisteuern können. Dann ist das ganze Kartenhaus wieder zusammengekracht. Mein Vorschlag war dann, dass wir ein grosses Lagerfeuer mit all den Drehbüchern machen und darauf wir noch ein paar Würstchen grillieren, damit es wenigstens etwas gebracht hat. Dann kamen die zwei Deutschen jungen Produzenten, die früher bereits etwas von dem Projekt gehört haben. Diese sind dann eingestiegen. Dann hatten wir noch mehr Geld. Aber es hat immer noch etwas gefehlt. Die Produktionsleiter sind danach nochmals zusammengesessen und haben dann gesagt: du kannst den Film machen, aber nur unter besonderen Regeln: Keine Überstunden, nur 10 Stunden am Tag Arbeiten, max. 25 Drehtage und du darfst von Zürich nicht weiter weg als eine halbe Stunde Autofahrt. Darauf haben wir uns dann eingelassen. So kam es, dass der Grenzpunkt zu Deutschland in Uster, die Passstrasse auf dem Uetliberg und die Berghütte in Glattfelden war. Unser Budget betrug dann 1.5 Millionen. Das ist das Anstrengenste am Filme machen: Das Geld treiben.
ON: Wie habt ihr eure Hauptdarsteller gefunden?
MW: Durch die Co-Produktion wurde das Casting sehr oft hin- und hergeschmissen. Bei der Besetzung kamen viele Namen ins Spiel: Melanie Winiger, Anatole Taubman, ganz lange war Dominik Jann für die Hauptrolle vorgesehen. Dann mussten wir den Drehstart wieder verschieben und dann gab es wieder Terminkollisionen, da Dominik am Schauspielhaus "A Clockwork Orange" spielen durfte. So war kurz vor Drehbeginn die Rolle des Roger noch frei. Beim Hechplatztheater habe ich mich dann mit Nils Althaus getroffen. Ich kannte ihn bereits von Breakout. Er war überrascht wegen der Rolle, aber wir haben uns gut verstanden und dann hat er sehr schnell zugesagt. Da wir auch mit deutschen Mitteln arbeiteten, haben wir auch nach deutschen Schauspielern gesucht. Unsere deutsche Castingbeauftragte Hanna Hansen hat dann Stipe Erceg ins Rennen gebracht. Ihn haben wir auch nicht gecastet, sondern wir haben uns ebenfalls gut verstanden und haben ihn dann genommen.
ON: Im Film ist ein Hirsch omnipräsent. Wieso ein Hirsch?
MW: Der Hirsch hat eine grosse Bewandtnis in dem Film. Der Vater vom Roger ist Jäger und ganz am Anfang des Filmes ist sein Vater mit einem erlegten Hirsch zu sehen. Es steht in dieser Szene auch ein Jägermeister herum. Er ist so wie das Schicksal, dass den Roger begleitet und am Ende auch zuschlägt.
ON: Was sind nun deine Zukunftspläne?
MW: Ich mache momentan einen Sonntagabendfilm fürs Schweizer Fernsehen. Das ist in Planung. Das andere ist ein 3D-Slasherfilm, "One Way Trip", wo es um acht Zürcher Studenten geht, die in den Wald gehen und dort Bekanntschaft mit einem Killer machen. Drehstart Herbst 2010. Es geht wieder um ein Erlebnis, wie schon bei Im Sog der Nacht. Bei Horrorfilmen ist dieses Erlebnis noch heftiger, vor allem bei 3D. Es wird ein Horrorfilm der guten alten Schule.
ON: Zum Schluss habe ich noch ein paar Pop-ups. Ich sage dir einen Begriff und sagst mir, was dir als erstes dazu einfällt: Schweiz
MW: Das Land, indem ich lebe und das ich liebe.
ON: ZFF
MW: Eine tolle Erfindung und ich hoffe dass es weiterhin so weiter geht.
ON: Schweizerdeutsch
MW: Super Sprache, die ich nie lernen werde.
ON: Jägermeister
MW: Ein Stück Deutschland, das ich nie vergessen werde.
ON: Nils Althaus
MW: Ein sehr guter Schauspieler, Freund, fantastischer wortgewandter Sängerbarde.
ON: Actionfilme
MW: Hab ich gern.
ON: Schweizer Film
MW: Hab ich auch gern.
ON: Lieblingsfilm
ON: Polanski
MW: (überlegt). Handwerklich gesehen genialer Filmemacher. Zum Anderen gebe ich keinen Kommentar ab.
ON: OutNow.CH
MW: Stolpere ich immer drüber, denn die haben immer tolle Trailer, wo ich immer gucken gehe, was die Konkurrenz so macht. Ich finde es eine gute Internetpage.






