CARGO (2009)
Interview mit Ivan Engler und Marcel Wolfisberg
Mit CARGO haben Regisseur Ivan Engler und Produzent Marcel Wolfisberg das Kunststück fertig gebracht, einen Science-Fiction Film made in Switzerland herzustellen. Warum das Projekt sich fast über ein ganzes Jahrzehnt hinwegzog und wieso man es trotz Tiefschlägen dran blieb, erzählten sie uns in einem ausführlichen Interview.
» Das Interview mit Martin Rapold.
OutNow.CH (ON): Ivan und Marcel, wie sehen die Ursprünge von CARGO aus?
Ivan Engler (IE): Im Jahr 2000 lief mein Diplomfilm in Locarno in der Sektion "Pardi di domani", Marcel sprach mit an und wir waren uns einig, etwas zusammen machen zu wollen, genauer: Einen Science-Fiction Film zu drehen. Wir wussten natürlich schon damals, dass wir nie die fetten Mittel dafür haben würden. So kam die Idee mit einem geschlossenen Umgebung auf. Wir entschieden uns für ein Raumschiff, und bald war uns auch klar, dass es eine unheimliche Fracht transportieren würde. So bauten wir die Geschichte immer mehr aus, stets mit dem Hintergedanken, dass es ein Kammerspiel werden würde. Dieser ganze Prozess dauerte etwa vier Jahre.
Marcel Wolfisberg (MW): Natürlich ist es nicht so, dass wir damals nur an diesem Projekt gearbeitet haben. Ich ko-produzierte zwischendurch ja noch Achtung, Fertig, Charlie, Ivan drehte Werbefilme. Das Projekt lief parallel mit. Man war immer dran, aber nicht monatelang am Stück. Man musste wieder warten, bis man gewisse Leute treffen konnte, bis wir die erste Drehbuchfassung hatten, bis die Grundzüge der Welt gezeichnet waren. In der ersten Phase machte CARGO einfach einen grossen Teil unserer Freizeit aus. Als es an die Finanzierung des Ganzen ging, hatten wir dann eine komplette Welt zusammen. Noch niemand vom BAK oder von einer Filmstiftung hat so etwas Umfangreiches je vorgelegt bekommen. Sonst besteht eine Eingabe zum grössten Teil aus Zahlen und einem Drehbuch.
ON: Dieser Aufwand war wohl auch nötig, damit euer Projekt überhaupt ernst genommen wurde.
MW: Absolut. Und dass waren dann eben nicht nur drei Zeichnungen, das waren Tausende von Seiten, von durchdesignten Bauplänen, die ein Architekt erstellt hat. Die Leute sahen, dass wir das ernsthaft machen wollen. Auch hatten wir bereits namhafte Sponsoren an Board.
ON: War auch schon das Cast in diesem Paket enthalten?
MW: Ja. Der Ivan ging schon sehr früh ans Cast. Wir hatten ja auch relativ wenige Rollen zu besetzen und traten früh mit Ruth Hirschfeld in Kontakt.
IE: Es ist ja ein Kammerspiel, darum musste es als Ensemble funktionieren. Zudem wollten wir eine ethnische Durchmischung, da es in CARGO keine Länder mehr gibt, sondern nur noch Menschheit.
ON: Wie ist das bisherige Feedback zum Film und Projekt CARGO?
IE: Super!
MW: Wir sind überrascht, dass wir überall – ausser bei OutNow.CH – sehr gute Kritiken erhalten haben. Man hört natürlich, dass alles Visuelle sehr amerikanisch daherkommt. Uns war es aber wichtig, einen Schweizer Film machen. Das Feedback ist sehr positiv. Es gibt Teenager, die meinen, dass es noch mehr Action sein dürfte. Das Gros aber ist dankbar, dass nicht alle zehn Bilder ein Schnitt gesetzt ist. Man hat so Zeit, in die Welt einzutauchen.
IE: Nach der Premiere kamen fünf Jungs zu mir. Die sind echt durchgestartet! Die wollten Autogramme und konnten nicht fassen, dass wir den Film gemacht haben. Der eine meinte, er mache eine Grafikerlehre, und möchte später unbedingt auch bei einem Film mitarbeiten. CARGO habe ihm grossen Mut gegeben. Ich finde, nebst dem, dass es ein cooler Film ist, ist es sicherlich wichtiges Werk, um den Jungen zu zeigen, was in der Schweiz möglich ist.
ON: Darf man also CARGO sozusagen als "giant leap for the Swiss film industry" bezeichnen?
IE: Ja aber natürlich! Das ist es ja auch. Es ist ein Meilenstein. So etwas wird es in den nächsten 20 Jahren nicht geben. Wir haben ja selber fast 10 Jahre daran gearbeitet. Da müsste morgen einer anfangen, und zwar so hardcore wie wir.
MW: Wenn jemand unglaublich viel Geld hat, kann er die ganze Arbeit natürlich zeitlich komprimieren. Wir hatten diese Mittel nicht. Ich und Ivan haben oftmals auch zusammen gelitten, haben diese sieben Jahre nicht einfach so durchgerockt. Hätte einer von uns beiden gesagt, er hätte keine Lust nicht mehr, dann wäre das Projekt gestorben.
IE: Uns liess es einfach nicht los. Egal was kam, wir machten trotzdem immer weiter.
MW: Mehrere Male konnten wir einfach nicht mehr wegen der Dauerbelastung. Doch die Leute und die Medien sprachen über das Thema. So mussten wir auch mal liefern. Viele Sachen waren zudem Neuland für uns, und darum war es enorm schwer, gewisse Sachen zu budgetieren. Eine Postproduktion in dieser Art hat noch nie jemand in der Schweiz gemacht.
ON: Kann der Schweizer Film nur durch aufopfernden Idealismus in neue Sphären gelangen?
MW: Einen Film wie CARGO ohne Idealismus zu machen, ist unmöglich. Es braucht Idealimus, und es braucht Besessenheit.
IE: Wir hoffen, dass CARGO Erfolg haben wird, denn dieser würde natürlich den Weg ebnen für weitere Produktionen.
ON: Wenn ihr die ganze Produktion anschaut: Was war die schwerste Komponente?
IE: Das schwierigste fand ich immer die Story. Sie ist das Fundament, und wenn dieses nicht rock-solid ist, dann nützen dir die schönsten Special-Effects nichts. Es ist aber schwer, hier gute Autoren zu finden. Mit sechs Leuten hatten wir verhältnismässig viele, die am Skript arbeiteten. Und zum Teil haben wir haarsträubende Sachen zurückbekommen.
MW: Verrückt war, dass sich niemand an das Genre herangetraut hat. Wir haben mit vielen sehr guten Autoren geredet, die auch Storytelling verstehen. Aber die sagten alle nein.
IE: Viele verstanden auch nicht, um was es in diesem Genre geht. Und da es ein Genrefilm ist, muss man sein Publikum kennen. Wenn mir jemand dann ein Sozialdrama schreibt und sagt, der visuelle Aspekt sei nicht wichtig, dann hat er nichts begriffen.
ON: Kann CARGO als Genrefilm auch ein breiteres Publikum ansprechen?
IE: Ja, denn der Film beinhaltet aktuelle Themen: Terrorismus, Umweltkollaps, der Einfluss von Maschinen auf Menschen. Science Fiction ist ja immer eine Parabel auf den heutigen Zustand.
MW: Mit einer starken Frauenrolle sprechen wir sicherlich auch das weibliche Publikum an. Und natürlich auch durch Martin Rapold, der grossartig spielt.
ON: Ivan, du hast die Regie mit Ralph Etter geteilt. Wie kann man sich diese Arbeitsteilung vorstellen?
IE: Ich war eine zeitlang krank und konnte nicht garantieren, dass ich jeden Tag auf dem Set stehen würde. So suchte ich Unterstützung und stiess dabei auf Ralph. Er nahm sich zurück und half mir, meine Vision umzusetzen, was ich gross von ihm fand. Er kam ja erst zwei Monate vor dem Dreh ins Projekt. Ich hingegen hatte es bereits sieben Jahre vorbereitet. Es war also sowieso alles schon in Stein gemeisselt. Vor jeder Szene haben wir uns besprochen. Dann drehte er und zeigte mir das Resultat. Nach dem Dreh habe ich dann wieder voll übernommen. Seine Sache hat Ralph aber wirklich sehr gut gemacht.





