Baba's Song (2009)
Interview mit Franka Potente

Franka Potente
In Locarno feierte der unter der Regie von Wolfang Panzer entstandene Film Baba’s Song eine erfolgreiche Premiere. Runde zehn Minuten Standing Ovation von einem begeisterten Publikum bestätige, dass sich der enorme Aufwand gelohnt hatte. Zurück in Zürich erhielt OutNow.CH die Möglichkeit, Franka Potente zu einem Interview zu treffen. Diese hatte im Film zwar nur eine Gastrolle, doch von der Arbeit am Film nahm sie viele Eindrücke und Erlebnisse mit nach Hause. Darüber und auch von der Wichtigkeit der Musik erzählte die sympathische Schauspiererin in entspannter Atmosphäre.
OutNow.CH (ON): Baba’s Song ist schon rein von der Art des Filmes ein ungewöhnliches und auch interessantes Projekt. Wie bist du darauf gekommen?
Franka Potente (FP): Ich habe schon vor 1.5 Jahren mit Wolfang Panzer gearbeitet und bin seither mit ihm befreundet und auch in Kontakt geblieben. Als er mir von seinem Kulturzentrum in Malawi erzählte, sagte ich ihm, dass er sich melden solle, falls er mal Hilfe bei einem Projekt benötigte. Das hat er dann auch spontan gemacht und mir grob erzählt worum es bei Baba’s Song geht. Ich sagte zu, weil ich einfach gerne dabei sein wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt, war ich ausserdem noch nie in Afrika und aus Erfahrung weiss ich, dass, wenn man in einem solchen Land arbeitet, man in realtiv kurzer Zeit die Möglichkeit hat, nicht nur die Gegend, sondern auch die Leute etwas kennen zu lernen, und an Orte kommt, wo man als Tourist nicht hinkäme.
ON: War dieser Hintergedanke, Afrika zu besuchen und die Leute kennen zu lernen auch einer der Entscheidungsgründe gewesen? Im Film ist deine Rolle ja eine kleine Gastrolle.
FP: Es war mehr das Gesamtprojekt, denn für mich ist die Screentime nur eine von vielen Parametern. Letztendlich ist es viel wichtiger, dass es ein guter Film geworden ist, an dem man mitgewirkt hat. Für mich ist es einfach der schönste Luxus, wenn man sich auf möglichst verschiedene Arten ausdrücken kann. Ich habe zum Beispiel gerade an einem Buchprojekt mitgearbeitet, da habe ich Cartoons gezeichnet, oder ich schreibe an einem Drehbuch und reise auch sehr gerne. So kann man sich auf viele Arten ausdrücken und lernt auch viele Menschen kennen. So wie bei Wolfgang Panzer. Ich mag ihn total gerne, und deshalb wollte ich einfach sein Projekt unterstützen. Da ist die Grösse der Rolle eher nebensächlich.
ON: Malawi gehört zu den ärmsten Länder des Kontinents und hat, wie auch der Film zeigt, viele soziale Probleme. Vor den Dreharbeiten warst du noch nie in Afrika, war es für dich ein Kulturschock?
FP: Es war ein sehr intensives Jahr, aber da ich schon vorher viel gereist war, war ich bereits in einem Reiserhythmus drin. Bevor ich nach Malawi kam, reiste ich von Spanien über La Paz (Bolivien) nach Berlin und erlebte bereits sehr extreme Unterschiede. Bevor ich aber nach in Malawi kam, kannte ich nur das übliche Halbwissen, das man aus Nachrichten kennt, in denen über Ätiopien oder dem Sudan berichtet wird. Erst vor Ort wurde mir klar, wie vielseitig und verschieden Afrika wirklich ist und es nicht nur viele verschiedene Kulturen, sondern auch ganz unterschiedliche Orte gibt. Malawi zum Beispiel, hat im Vergleich zu Kapstadt so gut wie keinen Tourismus, und so haben grosse Städte wie Blantyre auch ganz andere visuelle Reize. Zum Beispiel wenn wir jetzt durch Zürich gehen würden, sähen wir an allen Ecken Läden, die etwas anbieten und uns auch animieren, um darüber nachzudenken. Doch in Malawi hast du das überhaupt nicht. Du kannst durch die Strasse gehen und siehst lediglich Leute, die etwas tragen, keine Schuhe anhaben und viele Kinder, die ohne Erwachsene unterwegs sind. Da wird man schon etwas stutzig, doch vor allem eines ist mir erst mit der Zeit aufgefallen: In den Strassen siehst du keine alten Menschen. Du siehst höchstens Menschen, die etwa so alt sind wie ich. Die Sterberate ist enorm hoch, und die wenigsten werden älter als 34 Jahre, was sehr irritierend ist.
(Anm. der Redaktion: In dem Moment stiess Regisseur Wolfgang Panzer zum Interview dazu und erzählte, dass bereits wieder Mitglieder des Castes verstorben seien. Unter anderem der Handyschmuggler, mit dem Jo und Baba im Film einige Geschäfte machen.)
ON: Ist dir ein Moment der Dreharbeiten speziell in Erinnerung geblieben, war ein Erlebnis speziell eindrücklich?
FP: Für mich war eigentlich alles irre intensiv. Jeden Ort, den wir besucht haben, war völlig neu für mich. Sei es Blantyre oder andere Orte in Malawi, ich dachte nie "so etwas ähliches kenn ich schon". Zum Beispiel war ich mit Gilles Tschudi und Sabina Schneebeli auf dem Markt. Da brachten uns einige Kinder einen riesigen Pilz. Zuerst dachte ich, das sei ein Special Effect-Pilz und wollte ihn fotografieren, doch dann sind die Kinder schreiend weggerannt. Da dachte ich noch, was habe ich jetzt falsch gemacht? Oder als wir im Waisenhaus drehten, beobachtete ich, dass die vielen Kinder nur einen Ball zum Spielen hatten, den sie aus verschiedenen T-Shirts zusammengebastelt hatten. Doch als wir dann kurz vor der Abreise waren, haben sie uns – wie auch im Film – auf einem selbstgebastelten Drumkit etwas vorgespielt und gesungen, das war total schön. Das sind Momente, die fesseln, weil sie zum einen sehr schön und auch sehr traurig sind. Da kann man noch so viel über ein Land wissen, dies vor Ort zu erleben ist etwas völlig anderes. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man doch gar nicht so lange im Flieger gesessen hat. Hier gelten ganz andere Gesetze. Uns geht es so gut, dort leben die Leute in einer solchen Armut, sterben mit 34, und obwohl das Land eigentlich sehr fruchtbar wäre, baut keiner etwas an. Das ist eine wahnsinnige Ungerechtigkeit.
ON: Das ist auch das, was an den Bildern des Filmes so eindrücklich ist. Doch durch die Musik erhielt er auch eine gewisse Leichtigkeit. Hast du das dort auch so erlebt?
FP: Ja, genau so hab ich das empfunden, das Leichte, wie auch das Traurige liegen sehr nahe beieinander. Da gibt es eine unglaubliche Lebensfreude – ganz im Gegensatz zu Deutschland, denn bei uns meckern ja die Leute ständig rum – doch in Afrika, wo man eigentlich aus dem Meckern gar nicht mehr herauskäme, haben die Leute dennoch einen enormen Zusammenhalt, eine Wärme und eben auch eine Lebensfreude. Und das in Umständen, bei denen man sich überlegt, wie sie überhaupt noch lachen können, er ist eigentlich unglaublich. Genau dies habe ich auch im Film wieder gefunden, die Textur des Filmes, in der sehr Trauriges und Schwieriges auch eng neben sehr schönen und leichten Momenten existieren.
ON: Im Film ist die Musik ein sehr wichtiges Element für Baba, um sein Trauma über den Verlust seiner Eltern zu überwinden. Wie wichtig ist Musik für dich?
FP: Musik finde ich wichtig für die Stimmung. Ich höre Morgens auch andere Musik als Abends. Doch ich muss nicht immer Musik hören, ich find’s auch mal schön, wenns ruhig ist. Man setzt sie auch ein, wenn Freunde kommen, oder zum arbeiten – da höre ich zum Beispiel am liebsten Bach, das stimuliert mein Hirn – oder beim Einparkieren schalte ich die Musik bewusst aus, das ist so ein Aberglaube von mir. Die Musik im Film ist ja auch etwas ganz anderes als bei uns. Wir hören oft amerikanische Musik, die deutsche ist ja nicht mal die populärste, doch die Musik im Film ist sehr afrikanisch, geprägt von Geschichten und der dortigen Lebensweise.
ON: Was bei uns eher Ablenkung ist, ist da auch eher eine Lebensphylosophie eine Ausdrucksweise.
FP: Das glaube ich auch, sicher eine Lebens- und auch eine Ausdrucksweise, die auch einen entsprechenden hohen Wert in der Familie hat. Man sieht das ja auch in Babas Figur sehr schön, wenn einer bei uns zum Beispiel ein Instrument spielen will, sich dies aber nicht leisten kann, dann lässt er es meistens sein, doch Baba bastelt sich sein Instrument selber, was wir ja auch beim Waisenhaus erleben. Ihnen ist es egal, was für ein Instrument es ist oder ob es selbst gebastelt ist, sie wollen einfach musizieren, und sie haben auch den Drang dazu.
ON: Was sind deine nächsten Projekte, auf was kann man sich freuen?
FP: Ich habe jetzt gerade zwei Folgen Dr. House abgedreht und mache jetzt zuerst Urlaub. Ich hab noch ein Buch, das ich fertig schreiben muss, welches sich um Geschichten aus Japan handelt. Hier muss ich mich erst hineindenken, denn es schreibt sich nicht von selbst. Ansonsten werden wir sehen, was sich noch entwickelt.
ON: Worauf wir natürlich gespannt sind. Leider ist die Zeit schon bald wieder um. Wir machen am Ende des Interviews jeweils PopUp Fragen. Nenne einfach das erste, was dir einfällt: Afrika
FP: Babas Song
ON: Schweizer Film
FP: Wolfgang Panzer
ON: Adoption
FP: Schwierige Frage
ON: Wolfgang Panzer
FP: Guter Freund
ON: Musik
FP: Wichtig
ON: Vielen Dank für das Gespräch.





