Alle Anderen (2009)
Interview mit Maren Ade

Maren Ade
Einer der besten Filme im Wettbewerb der Berlinale 2009 war Maren Ades Alle Anderen. Der kleine, aber feine Zweitling der Deutschen ist ein Beziehungsfilm, wie er sein sollte. Intim. Gut beobachtet. Mit hohem Wiedererkennungswert. Ein sehr persönlicher Film. Mit grossartigen Darstellern. Keine grosse Kiste, aber wahrhaftiger als manche Romantische Komödie.
OutNow.CH traf die Regisseur in Zürich zum Gespräch und sprach mit ihr über silberne Bären, ihre Darsteller Birgit Minichmayr und Lars Eidinger und wie die Geschichte in Alle anderen weitergehen könnte.
OutNow.CH (ON): Du bist gerade auf Tournee mit Alle Anderen - quer durch Deutschland mit einem Abstecher nach Zürich. Überraschen Dich die Reaktionen des Publikums?
Maren Ade (MA): Der Film spaltet das Publikum. Darüber bin ich glücklich. Man kann mit der Frau oder mit dem Mann mitgehen. Dabei ist es überhaupt nicht geschlechterspezifisch, oft sogar andersrum, als ich mir das gedacht habe. Es gibt Männer, die mit der Frau mitgehen und umgekehrt. Auch altersmässig gibt es keine Einschränkungen.
ON: Macht es Spass, Alle Anderen als einen Vertreter des Sommerfilms während der wärmsten Jahreszeit zu promoten?
MA: Ich bin vor allem froh, dass der Sommer nicht so gut ist. Kino ist ja sehr wetterabhängig. Deshalb läuft der Film ziemlich gut. Er hat jetzt schon soviel eingespielt, wie mein letzter Film während seiner ganzen Laufzeit.
ON: Dabei hilft sicher auch der Gewinn der beiden Silbernen Bären. Was bedeuten die Berlinale-Preise für dich?
MA: Der Hammer. Ein wahnsinniges Geschenk. Ich war glücklich, nur schon in den Wettbewerb zu kommen. Es ist eine Wertschätzung meiner Arbeit. Ich kann zufrieden sein mit meiner Arbeit, auch wenn ich eigentlich nie zufrieden bin.
ON: Weshalb vergingen sechs Jahr zwischen Der Wald vor lauter Bäumen und Alle Anderen.
MA: Ich mache halt viel selber. Auch das Drehbuch habe ich selber geschrieben. Ein Thema finden, ist auch nicht einfach. Insgesamt dauerte der Prozess vier Jahre: zwei Jahre am Buch geschrieben, ein Jahr Drehvorbereitungen, ein Jahr Schnitt und Postproduktion. Es ist sicherlich ein grosser Luxus, so lange Zeit für etwas zu haben. Aber es ist auch abwechslungsreich, weil es verschiedene Berufe sind.
ON: Was hat Dich zu Alle Anderen inspiriert?
MA: Das Thema hat mich interessiert und ich empfand es als Herausforderung, einen Film zu drehen, der sich um ein Paar dreht. Einen Film über die Kleinigkeiten einer Beziehung zu machen: Die Ansprüche, Sehnsüchte, Rituale. Auch die Sachen, die jenseits der Öffentlichkeit stattfinden.
ON: Wann hast du bemerkt, dass Birgit Minichmayr und Lars Eidinger das ideale Paar für den Film waren?
MA: Es gab viele Castings. Die beiden mussten zusammen funktionieren. Schon wenn zwei Schauspieler zusammensassen, bevor sie zu spielen begannen, sah man, ob es funktionierte. Birgit und Lars sind beide starke Typen.
ON: Es gibt den saloppen Spruch "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus". Wie umschifft man ausgelutschte Beziehungsklischees in einem Pärchenfilm?
MA: Man darf keine Angst vor Ihnen haben. In Klischees steckt immer auch etwas Wahres. Ich war beim Schreiben immer bemüht, auch die Gegenseite mitzudenken, um das Täter/Opfer-Thema auszuhebeln. Die beiden Figuren sind auch sehr reflektierend, ihr Denken und Handeln liegt weit auseinander.
ON: Sind Urlaube tatsächlich Beziehungskiller?
MA: Ich hatte schon solche und solche Urlaube. Das muss man auch mal aushalten. Die Ansprüche sind schon sehr hoch an "die schönste Zeit des Jahres". Jeder kennt aber auch die Situationen, auch wenn sie banal sind. Und man kann im Urlaub nicht flüchten. Das macht es so dramatisch.
ON: Warum denken wir oft darüber nach, wie wir auf andere wirken? In Alle Anderen sieht man das ja in Relation zum Partner gegenüber, aber auch beim Vergleich der beiden Pärchen.
MA: Da herrscht ein Konflikt. Man hat heute so viele Möglichkeiten und Lebensmodelle. Man muss sich seine Regeln selber machen und sucht deshalb nach Rollenvorbildern.
ON: Würdest du zustimmen, dass der Akt der Selbstverwirklichung mit der eigenen Anpassungsfähigkeit verknüpft ist?
MA: Man kann ja nicht alles an sich selbst erfinden. Man weiss halt oft nicht mehr, aus welchen Einflüssen man das Produkt ist. Aber das sollte man einfach akzeptieren können.
ON: Stört es dich eigentlich, wenn man Alle Anderen als Generationenbild versteht, das den 30-Somethings den Spiegel vorhalten will?
MA: Ich hab Freude, dass es so wahrgenommen wird. Diese Furcht war beim Schreiben schon da. Ich habe aber auch die Hoffnung, dass der Film etwas Universelles erzählt - keine Geschichte von 30-Jährigen für 30-Jährige. Ich will, dass man unabhängig von Alter und Geschlecht dem Paar und den Beziehungsmechanismen folgen kann.
ON: Wo stehen Gitti und Chris in zehn Jahren?
MA: Am Ende des Films trennen sie sich nicht meiner Meinung nach. In zehn Jahren sind sie wohl nicht mehr zusammen, aber ihre Beziehung war sehr wichtig. Wir haben uns während des Drehs seltsamerweise viel mehr überlegt, was in zehn Jahren sein würde, als was davor war.




