4. Zurich Film Festival 2008

Roter Teppich: Closing Night am 4. Oktober 2008

Das Defilee

Am Roten Teppich gaben sich die Stars nochmals die Klinke in die Hand.

Kalt war's am Teppich

Kalt war's am Teppich

Zur vierten Verleihung des "Goldenen Auge" wurden die Gäste ins Zürcher Kaufleuten geladen, und bereits ab halb sieben bringen sich am roten Teppich die ersten Fotografen und Berichterstatterinnen in Position. Es ist beissend kalt, und man möchte nicht mit den prominenten Damen tauschen, die hier gleich in freizügigen Abendkleidern vorbeidefilieren werden. Zum Glück erweisen sich die grellen Scheinwerfer als beinahe so effizient wie Heizpilze. Die Parkuhr hat ein Mäntelchen mit Goldschleife erhalten. Wahrscheinlich will man verhindern, dass eine Ex-Miss neben abgelaufener Parkzeit ins Bild gerückt wird.

Er ist neidisch aufs Opernhaus

Er ist neidisch aufs Opernhaus

Ab 19 Uhr treffen dann die ersten Gäste ein. Als eine der ersten erscheint Doris Fiala. Und eine Erscheinung ist sie wirklich, die Zürcher FDP-Nationalrätin, wie sie da strahlend über den roten Teppich schwebt. Sie ist zum vierten Mal dabei am ZFF, und obwohl sie wegen der Herbstsession keine Filme sehen konnte, ist sie sicher, dass das Zurich Film Festival über Zürich hinaus strahlt. Frau Fiala freut sich besonders darüber, dass mit Wolke 9 das Thema Liebe im Alter enttabuisiert wird, denn – so meint sie – Liebe könne in jedem Alter wie eine Naturkatastrophe über einen hereinbrechen. Auch ihr Partei- und Nationalratskollege Filippo Leutenegger, der wenig später der Abendmode entsprechend ganz in Schwarz gekleidet über den Teppich geht, hatte wegen des stressigen Sessionsprogramms leider keine Zeit, ins Kino zu gehen. Schauspieler Stefan Gubser gibt sich beeindruckt darüber, was in vier Jahren entstanden ist. Er ist der Meinung, dass der Film in der Schweiz stiefmütterlich behandelt werde, insbesondere im Vergleich beispielsweise zum Opernhaus.

Sie erproben den Hippie-Hopper-Look

Sie erproben den Hippie-Hopper-Look

Die Organisatorin des Festivals, Nadja Schildknecht, schleicht sich derweil fast unbemerkt hinter den Reporterinnen und Reportern zum Eingang. Vielleicht war ihr doch etwas zu kalt? Cécile Bähler im hellgrauen Abendkleid meint zum Wetter, es sei kalt, aber der Mantel komme gleich nach. Die anwesenden Mitglieder der Dokumentarfilm-Jury, Walter Hügli und Christan Frei loben das hohe Niveau der Wettbewerbsbeiträge und sagen dem ZFF eine grosse Zukunft voraus. Dann verlagert sich die Aufmerksamkeit auf die Ex-Missen Jennifer Ann Gerber und Melanie Winiger. Letztere ist mit Stress da, und das Paar im „Hippie-Hopper-Look“ braucht für den Teppich-Parcours annähernd so lange wie später Peter Fonda. Auch Tanja Gutmann und natürlich Karina Berger haben sich sehen lassen.

Er hatte es höllisch streng

Er hatte es höllisch streng

Dieter Meier konnte sich für diesen Abend einmal losreissen von Restaurant und Vermarktung seines argentinischen Biofleischs. Er hat die Filme zwar nicht gesehen, ist dennoch informiert und weiss, dass das ZFF mit der Spezialisierung auf junge Filme und junge Filmer und Filmerinnen die richtige Strategie gewählt hat. Denn diese jungen Leute werden auch später wieder kommen. Das Festival habe dank sehr sorgfältiger Auswahl der Filme an Profil und Glaubwürdigkeit gewonnen. Dann kommen noch die beiden unbestrittenen Stars des Abends: Peter Fonda mit oranger Krawatte und farbigem Foulard im Revers blinzelt hinter seiner Sonnenbrille in die Scheinwerfer und findet, die Woche sei schön aber streng gewesen, hätten sie doch manchmal bis zu vier Filme täglich gesehen. Und Costa Gavras fühlt sich geehrt, dass er, der alte Mann, den "A Tribute to…"-Award bekommt, an einem Festival, das sich dem jungen Film verschrieben hat.

Ein hoher "Glamuuur"-Faktor

Ein hoher "Glamuuur"-Faktor

Die Preisverleihung

Im Kaufleuten-Saal wurden die "Goldeneye"-Statuetten verteilt.

Der Saal für die Preisverleihung ist bis zum letzten Platz besetzt. Die Bühne wird von zwei riesigen „Hochsteck-Gebinden“ gesäumt, die leicht an Marge Simpsons Frisur mahnen. Ansonsten wurde auf üppige Verzierungen verzichtet. Nadja Schildknecht dankt zuerst allen Sponsoren und holt in ihrer – leider abgelesenen – Rede zu einem kleinen aber unmissverständlichen Seitenhieb gegen die anderen grossen Schweizer Filmfestivals aus: Glamour – sie spricht das französisch aus „Glamuuur“ – sei noch lange kein Zeichen für fehlende Qualität, genauso wenig wie die Absenz von Glamour sich positiv auf die Qualität der Filme auswirken würde. Karl Spoerri freut sich, dass viele der gezeigten Filme bereits einen Verleiher gefunden haben und betont, dass das ZFF sich nach wie vor als Nachwuchsfilmfestival verstehe. Damit leitet er über zu den Shooting Stars und dem Start der eigentlichen Verleihung.

Shooting-Stars am Lesepult

Shooting-Stars am Lesepult

Maryam Housseini und Joel Basman halten als erstes die Laudatio für den Empfänger des Publikumspreises, der via SMS-Abstimmung gewählt wurde. Gewinner ist Stephan Komandarev, der in Bulgarien weilt und den Preis leider nicht selber abholen kann. Sein Film The World Is Big And Salvation Lurks Around The Corner ist eine Koproduktion der Länder Bulgarien, Deutschland, Ungarn und Slowenien. Den vom Magazin Variety gestifteten "New Talent Award" erhält Christophe van Rompaey für den belgischen Spielfilm Moscow, Belgium. Im Publikum wird gejubelt, und der Regisseur ist sichtlich gerührt.

Erfolg dank Blinder Liebe

Erfolg dank Blinder Liebe

Die Dokumentarfilm-Jury, vertreten durch Walter Hügli und Christian Frei, hat, so lassen die beiden Laudatoren wissen, einen einstimmigen Entscheid gefällt. Das Goldene Auge, ein Preisgeld von 20'000 Franken und eine Verleihförderung von nochmals 50'000 Franken gehen an Jurai Lehotsky für seinen Film Blind Loves. Er findet den Preis „very nice“, nicht nur, weil man sich darin so schön spiegeln kann, und bedankt sich beim ZFF, der Jury und vor allem beim Publikum. Der Film, das ist bereits entschieden, wird 2009 in den Schweizer Kinos zu sehen sein. Die Dokumentation The Art Star And The Sudanese Twins von Pietra Brettkelly wird mit einer Lobenden Erwähnung, oder wie es im Zurich Filmfestival Sprachgebrauch natürlich heisst, mit einer Special Mention ausgezeichnet.

Sie haben entschieden

Sie haben entschieden

Die Spielfilm-Jurymitglieder Andrea Staka und Stephen Nemeth halten darauf die Laudatio in der Kategorie Debütspielfilm. Die Entscheidung sei brutal gewesen, denn alle Filmer seien auf ihre Art Sieger. Gewonnen hat Arash T. Riahi für seinen Film Ein Augenblick, Freiheit. Der Regisseur zeigt sich sehr glücklich, nicht nur, weil die Entstehung des Films sieben bis acht Jahre gedauert habe. Er widmet den Preis allen Iranerinnen und Iranern, die für den demokratischen Wandel kämpfen, im Iran und ausserhalb. Selber ein Flüchtlingskind, ist es ihm wichtig zu zeigen, dass Freiheit nicht überall selbstverständlich ist, sondern dass vielerorts dafür gekämpft werden muss.

Die Sonnenbrille bleibt drauf

Die Sonnenbrille bleibt drauf

Für die Verleihung des Goldenen Auges für den besten Spielfilm gesellt sich auch der Rest der anwesenden Jurymitglieder auf die Bühne, und Peter Fonda, immer noch mit Sonnenbrille, erwähnt, wie hart umkämpft auch hier die Entscheidung war. Der Preis geht an Sergey Dvortsevoy für seinen Film Tulpan. Auch Dvortsevoy kann die Auszeichnung nicht persönlich entgegen nehmen, da er an einem Filmfestival (!) sei.

Er sah sich als Abbildner der Gesellschaft

Er sah sich als Abbildner der Gesellschaft

Das Goldene Auge für das Lebenswerk wird an Costa-Gavras verliehen. Der griechische Regisseur habe in seinen Filmen immer wieder den Kampf des einzelnen gegen das System, gegen eine höhere Macht zum Thema gemacht und dabei stets für die Freiheit des Individuums plädiert, so Antoine Monot jr., Mitbegründer des ZFF und selber schon als Schauspieler für Costa-Gavras tätig. Monot lobt denn auch die „Gentillesse“ des Regisseurs gegenüber den Schauspielerinnen und Schauspielern, und zwar auf französisch. Costa-Gavras sagt, dass Kino nicht nur der Unterhaltung diene, sondern dass er in seinen Filmen versuche, die Gesellschaft abzubilden, wie das auch Bildhauer oder Maler täten, die Auszeichnung sei für ihn eine Ehre, ein Vergnügen und eine grosse Emotion. Standing Ovations für Costa-Gavras runden die Preisverleihung stimmungsvoll ab.

Es gab sogar was zu essen

Es gab sogar was zu essen

Nun heisst es noch für alle Geehrten, in die Kameras der Fotografen zu lächeln, und im hinteren Teil des Saals rätseln Leonardo Nigro, Michael Steiner und Konsorten, ob es wohl an der anschliessenden Party etwas zu essen gebe. Sie müssen nicht verhungern. Im Anschluss an die Preisverleihung begibt man sich in den Nebensaal zur gepflegten Stehparty mit feinen Samosas, Crevettenspiessli und zweierlei Curry mit Reis. Ob nach der Verpflegung noch so richtig abgefeiert wurde, ist jedoch nicht bekannt.

25.09.2008 / ema (Text), db (Bilder)