Nordwand (2008)
Interview mit Philipp Stoelzl

Philipp Stölzl
Werbespots, Musikvideos, Opern - Was im Repertoire des 41-Jährigen bis jetzt noch gefehlt hat, ist ein abendfüllender Spielfilm. Mit dem Grossprojekt Nordwand gibt er jetzt sein Debut in dieser neuen Sparte.
OutNow.CH (ON): Du hast schon sehr viel gemacht, über Commercials, Videoclips bis zu Operninszenierungen. War dieser Film trotzdem eine neue Erfahrung für dich?
Philipp Stölzl (PS): Ganz klar. Beim Filmemachen hast du die generellen Beschwernisse, und dazu kamen hier noch die Aspekte Wetter und Sicherheit. Die Bergsequenzen waren natürlich eine sehr spezielle Herausforderung.
ON: Wie bist du zu diesem Projekt gekommen?
PS: Das Drehbuch wurde mir zugeschickt, nachdem mich meine Agentin dem Produzenten vorgeschlagen hatte. Er meinte, er brauche für diesen Film einen Regisseur, der ein bisschen Spass hat am Ausfuxen, wie etwa 40 Drehbuchseiten Schneesturm in der Steilwand hinzubekommen. Ich habe mich sofort für das Drehbuch begeistert. Das war ein Fest für ein Filmemacher: Ein Abenteuerfilm, grausig, dramatisch, mit dieser politischen Zeitgeschichte drum rum, ein tolles Thema, richtiges Kino. Das hast du ja selten. Meistens sind es Drehbücher, da sagst du: Nett, könnte aber auch ein Fernsehfilm sein.
ON: Du redest von Spass: War es das nach Wochen im Kühlhaus immer noch?
PS: Es war an der Grenze. Ich hatte ein extrem motiviertes Team und motivierte Schauspieler. Sie wussten, auf was sie sich einlassen. Wir haben einen Teil im Kühlhaus gedreht bei minus 10 Grad. Das ist eben schon was anderes, als wenn du Bergsteigen gehst und immer in Bewegung bist. Es gab es so eine Schleuse aus Sperrholz, auf die irgendjemand in der zweiten Woche "Das Tor zur Hölle" drauf geschrieben hatte. Du hast gemerkt, dass die Leute Woche um Woche weniger Lust hatten, in die Kälte rein zu gehen. Letztendlich überwiegt jedoch gegenüber der körperlichen Anstrengung die Frustration, wenn du halt tagsüber die Schüsse nicht bekommst. Ein Drehtag kann total hart sein, aber wenn du am Ende deine Schüsse drin hast, ist das befriedigend. Aber wenn du einen Tag lang aufs Wetter wartest, und kannst nicht drehen, das ist viel furchtbarer.
ON: Ihr habt also selber eure kleinen Dramen erlebt.
PS: Psychische Dramen, aber sonst ist glücklicherweise nichts passiert. Einmal ist ein Stein runter gekommen, da hatten wir Glück. Die Bergsachen kosteten im übrigen so viel Zeit und Geld, dass wir für die lässigen Sachen am Boden kaum mehr Zeit fanden.
ON: Sind Sachen weggefallen, die unbedingt hätten drin sein sollen?
PS: Nein, das nicht, aber es sind vor allem Szenen im ersten Teil weggefallen. Man sagt immer: Einen Film schreibst du, einen Film drehst du, einen Film schneidest du. Man erfährt eben immer wieder neue Sachen über einen Film. Wir stellten nach dem Dreh fest, dass man den ganzen Film lang drauf wartest, dass der Berg bestiegen wird. Und deshalb haben wir im ersten Teil zwei, drei Szenen rausgenommen. Das war auch wegen der Länge notwendig.
ON: Kannst du generell mit der Bergwelt und dieser Bergsteigekultur etwas anfangen?
PS: Nun, ich war relativ vertraut damit, ich bin ja aus München. Ich war früher viel Skifahren und kenne die bayrischen Berge. Vor allem in Berchtesgaden gab es einige Berge, die ich als Junge bestiegen habe. Das waren aber eher Wanderberge. Mit dem Film näherte ich mich dem richtigen Alpinismus. Als Abschluss des Projekts bestiegen wir den Eiger, das hatten wir uns so vorgenommen. Natürlich nicht über die Nordwand, aber es gibt so eine Route über den Ostgrat, und die ist auch nicht ohne. Eine tolle Erfahrung.
ON: Die Männer setzten sich anno dazumal grossem Druck aus: Man wollte als erster die Wand bezwingen, wollte zu Helden werden. Das waren ja keine vermögenden Leute, es ging auch die Existenzsicherung.
PS: Der soziale Druck und diese Suche nach Ruhm, oder einfach derjenigen nach dem Sinn des Lebens trieb diese Art des Alpinismus sehr stark an. Und wenn man die Erstbesteiger anguckt, die die Wand zwei Jahre später bezwangen, sieht man: Die haben alle ihr Glück gemacht.
ON: Du warst ja nun ein paar Mal in der Schweiz...
PS: Ja, ganz viele Male.
ON: ...hast du was mitbekommen von unserem kleinen Land?
PS: Ich bin ja auch Opernregisseur und habe anfangs Jahr in Basel inszeniert. Da möchte ich auch nächstes Jahr wieder arbeiten. Ich kenne auch Zürich ganz gut. Mittlerweile habe ich auch schon ein Schweizer Handy. Es ist ein wunderschönes Land, mit einer speziellen Kultur, aber die ist ja sehr verschieden. Basel kannst du nicht mit dem Berner Oberland vergleichen. Aber ja, ich bin ein Schweiz-Fan geworden.




