Nordwand (2008)
Interview mit Florian Lukas

Florian Lukas
Nach der Komödie Stellungswechsel ist der 35-Jährige wieder in einer ernsten Rolle zu sehen. In Nordwand spielt er den Berchtesgardener Kletterer Andreas Hinterstoisser, der mit seinem Kameraden Toni Kurz die Eigernordwand bezwingen will - und dabei tragisch scheitert.
OutNow.CH (ON): Du bist in Berlin geboren und aufgewachsen, also an keinem Ort, der von Bergketten umgeben ist. Wie hast du dich dem Projekt Nordwand und damit dem Alpinismus genähert?
Florian Lukas (FL): Als ich vom Projekt erfuhr, war ich zunächst skeptisch. Ein Bergfilm? Wie sollte der denn aussehen? Und dann kriegte ich einige Wochen später zufällig dieses Buch zu lesen. Ich stellte fest, dass es sich um eine der faszinierenden alpinen Geschichten überhaupt handelt. Es war wahnsinnig spannend geschriebenl, und ich sagte zu mir: Wenn jemand wie ich aus Berlin kommt, nichts mit dem Alpinismus am Hut hat, und trotzdem so fasziniert ist von dieser Geschichte und dem Schicksal ihrer Protagonisten, dann wird sie auch viele andere Leute interessieren.
ON: Die tragische Geschichte hast du also vorher gar nicht gekannt?
FL: Nein. Ich las die Namen und dachte: Kurz, Hinterstoisser, wer sind die denn? Dabei musst du dir nur ein x-beliebiges Buch über den Alpinismus nehmen. Überall werden die erwähnt!
ON: Du hast deine Vorbereitungen in einem Blog festgehalten. Am Anfang steht da, dass du nur schon vom Herumstehen Herzrasen bekommen würdest. Wie hast du dich auf den Film vorbereitet?
FL: Ich ging in eine Kletterhalle und nahm mir den Trainer, den mir Benno empfohlen hatte. Ich startete ganz simpel, mit dem Kennenlernen des Materials. Dann schaute ich mir Filme an, las Bücher, beschäftigte mich immer intensiver mit dem Thema. Gerade die Bücher wurden ja von Leuten geschrieben, die begeistert sind von den Bergen. Das steckt natürlich wahnsinnig an. Einmal ist die Liebe zu den Bergen, aber auch die Furcht, die sich in gefährlichen Situationen ergibt. Joe Simpsons Geschichte, die in Touching The Void verfilmt wurde, war zum Beispiel etwas, was uns alle wahnsinnig fasziniert hat. Und dann die Nordwand an sich: Wie ist die Erstbesteigung verlaufen, welche Leute waren vorher in der Wand, wie war der Routenverlauf? Erst ein Jahr später kam ich dann nach Grindelwald. Ich dachte beim Reinfahren: Das gibt’s ja nicht, dieser Berg ist so unglaublich gross! Und dann stehst du erst mal vor der Nordwand, und auf einmal ist sie dir ganz vertraut. Vor einem Jahr wusstest du nicht einmal, wo der Berg war, und jetzt weisst du: Ah, da ist dieses Segment, da ist die Rotenfluh, du kannst den Routenverlauf sehen. Eine richtig schöne Erfahrung.
ON: Diese ganze Vorbereitungszeit und der Film, haben die aus dir einen Bergfan gemacht?
FL: Ich bin in Berlin gross geworden, bin also ein Grossstädter. Aber wenn ich es mir recht überlege, die schönste Zeit als Kind hatte ich immer, wenn ich ausserhalb der Stadt war. Und das ist nach wie vor so. Ich war nie jemand, der sein Leben auf den Strassen von Prenzlauerberg gefristet hat. Ich bin auch schon seit einer Weile aus der Stadt raus gezogen. Was mich wirklich glücklich macht – das klingt immer so pathetisch und abgedroschen – ist, in der Natur zu sein. Da kommt nichts dran. Dass das Bergsteigen bleibt, da bin ich mir ganz sicher. Ich sehe das als den Auftakt.
ON: Dann lässt zu auch die körperlichen Zügel nicht mehr schleifen? Sind Zigaretten passé?
FL: Ich dreh’ jetzt schon wieder, es ist echt schwierig. (Lacht). Aber ich halt’s noch durch. Und man merkt, wie gut man sich fühlt.
ON: Nach dem Dreh sind du und einige von Team auf den Eiger gestiegen. Hätte was gefehlt, wenn du das nicht gemacht hättest?
FL: Nein, hätte es nicht. Ich bin ja auch kein Gipfelknipser. Aber beim Eiger muss man eine Ausnahme machen, weil der so aufgeladen ist mit den Legenden und mit der Zeit, die wir damit verbracht haben. Das waren im Ganzen zwei Jahre. Dann kennst du die Orte und jeden Gipfel, man fühlt sich schon fast zuhause. Und dann dort oben zu stehen und das wirklich geschafft zu haben, das war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens.
ON: Du scheinst tatsächlich angesteckt worden zu sein.
FL: Absolut. Was ich schön finde ist die Aufgabe, die sich auf dem Weg bietet, die du meistern musst. Und manchmal ist es nur ein Schritt, denn du sehr kontrolliert setzen musst. Und dann musst du eine gute Bewegung machen. Trotzdem interessiert es mich nicht, auf dem Mount Everest zu stehen. Ich glaube das ist einfach eine entsetzliche Quälerei, dass müsste ich mir echt nicht antun.
ON: Deine Figur will in verbissener Art und Weise den Berg besteigen. Kennst du diese Gefühle?
FL: Nein, so bin ich nicht. Ich bin dann: Vergiss’ es, wir versuchen es morgen nochmals. Ich habe Verantwortung für andere Leute, habe Familie, und es gibt keinen Grund, unnötiges Risiko einzugehen. Natürlich wäre es ungefährlicher, zuhause zu bleiben. Aber das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, dass macht eben auch den Reiz aus.
ON: Habt ihr die Kletterszenen alle in im Kühlhaus gedreht oder auch an der Nordwand?
FL: Wir haben an der Nordwand gedreht, aber an sicheren Stellen. Wir haben auch gesehen, wie Unwetter toben. Dann ist die Wand ein Inferno. Durch die Klimaerwärmung fällt da im Sommer noch viel mehr raus als damals. Die Winterbegehungen der Nordwand sind daher viel sinnvoller, aber das konnte damals keiner machen, weil man die Ausrüstung dafür nicht hatte. Ich wäre gerne auch mal zum Hinterstoisser-Quergang gegangen. Das ist etwa eine Tagestour für mich, das hätte ich machen können. Nur es war einfach nicht das Wetter dafür. Es ist zu warm, und da geht auch kein Bergführer gerne mit dir rein. Und dann haben wir am Rotstock neben der Nordwand Sachen gedreht, in Österreich am Dachstein, und im Kühlhaus.
ON: Deine Figur des Andy Hinterstoisser ist eine sehr extrovertierte Person. Es fällt auf, dass du öfters solche Rollen spielst. Liegen dir die besser, machen die dir mehr Spass?
FL: Das stimmt, die machen mir sehr viel Spass. Die Leute sehen dich in Rollen und denken, da könnte der Florian auch drauf passen. Natürlich ist aber auch das Angebot eingeschränkt, weil sie sich auf Rollen beziehen, die man schon gemacht hat. Es sind aber oft keine Langweiler, das stimmt.
ON: Möchtest du mal einen Langweiler spielen?
FL: Hm, ich denke, dass ist total schwer. Das, was Jeff Bridges in The Big Lebowski macht, diese Passivität, dass ist eigentliche Schauspielkunst.
ON: Was ja für Benno Fürmann spricht, der sonst auch nicht so wortkarge Typen verkörpert.
FL: Klar. Das war eine grosse Herausforderung für den Benno, und er hat’s super hinbekommen.
ON: War die Rollenvergabe von Anfang an fix?
FL: Ja. Und tollerweise auch ohne Casting. Was bei einem Projekt in so einer Grössenordnung umso erstaunlicher ist. Das war ein Angebot, dass ich unheimlich gerne annahm. Wäre ja blöd gewesen, wenn ich das nicht getan hätte. (Lacht)
ON: Was nimmst du aus diesem Projekt mit?
FL: Ich habe mich auf die Berge gefreut, aber dass die mich so glücklich machen, hätte ich dann doch nicht gedacht. Wir hatten auch so ein Traum-Frühjahr erwischt. April und Mai waren absolute Traummonate. Wir sind die ganze Zeit durch Postkartenlandschaften gelaufen. Das war eine total schöne Abwechslung. Fast schon schade, dass ich nicht besser Bayrisch kann, dann würde ich eine Bergdoktor-Serie machen. (Lacht)
ON: Apropos Bayrisch: Mir ist aufgefallen, dass nur der Benno seine Figur mit einem Bayern-Akzent versah.
FL: Ja, wir haben lange überlegt, was wir das machen. Es gab aber zeitlich nicht die Möglichkeit, einen bayrischen Dialekt zu entwickeln. Wir hätten den alle auf dem gleichen Level sprechen müssen, auf die gleiche Art. Da hatten wir uns so eher auf eine Art Hochdeutsch geeinigt, was auch völlig in Ordnung ist. Ich glaube, für die Berchtesgadener ist das nicht so lustig, aber wir wollten halt keinen Mundartfilm machen, sondern einen Film, den man überall in Deutschland versteht. Und auch beim Schweizerdeutsch gab es Diskussion; wie sprechen die Schweizer Bergführer zu den Deutschen, wie untereinander, versteht man das?
ON: Du warst ja jetzt einige Male in der Schweiz. Wie hast du sie kennen gelernt?
FL: Nun, ich habe natürlich die schönen Seiten der Schweiz gesehen. Da erscheint es mir als das Traumland. In Basel war ich auch, da habe ich ein Hörspiel gemacht letztes Jahr. Und ich war auch öfters mal in Zürich für Promotion von Filmen. Ich habe sogar schon eine Schweizer Telefonkarte. Ich weiss auch dass ich oft wieder hierherkomme. Klar, ich bin ein Freund der Schweiz geworden.




