Nordwand (2008)

Interview mit Benno Fürmann

Benno Führmann

Benno Führmann

Nach der Komödie Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken ist der 36-Jährige wieder in einer ernsten Rolle zu sehen. In Nordwand spielt er den Berchtesgardener Kletterer Toni Kurz, der mit seinem Kameraden Andreas Hinterstoisser die Eigernordwand bezwingen will - und dabei tragisch scheitert.



OutNow.CH (ON): Du bist ja ein geübter Kletterer. Musstest du dich trotzdem auch ein bisschen anstrengen? So leicht sah ja das im Film nicht aus…

Benno Fürmann (BF): Ich bin vorher schon geklettert, stimmt, aber natürlich nicht in diesem Masse. Wenn du in so einem Film, der mehr als die Hälfte an einem Berg spielt, körperlich nicht fit daherkommst, machst du dir keine Freunde. Ein ganzes Team wartet schliesslich auf dich. Da mal eine halbe Stunde Pause zu machen, weil man nicht mehr kann, das geht nicht. Darum haben ich und Florian uns zusammen vorbereitet, indem wir in die Türkei und nach Chamonix fuhren. Das war toll. 4000 Meter hoch oben sein, neben dir der Montblanc-Gipfel, strahlender Sonnenschein: Besser geht’s nicht. Es war neben einem Boxerfilm, den ich mal gemacht habe, die bisher tollste Vorbereitungszeit, die ich je erlebt habe.

ON: Kannst du die Faszination des Bergsteigens nachvollziehen, und die Bereitschaft, dafür Kopf und Kragen zu riskieren?

BF: Der Toni Kurz, den ich spiele, ist ein Mann, der die Grenze ganz klar zieht zwischen kalkuliertem Risiko und Idiotie. Dann kann ich sehr gut nachvollziehen. Sich Hindernissen auszusetzen, die seinem eigenen Können angemessen sind. Durch Reibung spürst du dich, und daran wächst du. Die damaligen Zeit war die Zeit der Pioniere. Zu sagen: "Da oben war noch kein Mensch" - das ist natürlich ein Versprechen, das hat Poesie. Für mich hatte das immer was von Kopernikus: Und sie dreht sich doch! Und das geht doch! Das Unmögliche will man möglich machen. Dazu kommt die soziale Komponente. Damals waren die Verhältnisse karg, die Zeiten nicht sentimental. Du willst eine Spur, eine Kerbe hinterlassen. Du willst im wahrsten Sinne des Wortes hoch hinaus.

ON: Was viele Leute auch in den Tod trieb, weil sie der Versuchung erlagen und den Zeitpunkt zur Umkehren verpassten.

BF: Nun, das gibt es ja heute noch. Jüngst verunglückte der Unterkirchner im Himalaya. Nach dem Unglück habe ich ein interessantes Interview mit seiner Frau gelesen. Sie meinte: "Natürlich wäre es mir lieber, wenn er zuhause geblieben wäre, aber dann wäre er nicht er gewesen. Ich habe mich in ihn verliebt, weil er der ist, der er ist. Und die Berge waren ein grosser Teil davon. Mein Trost ist, dass er da starb, wo er am glücklichsten war." Gross, wenn man so was sagen kann. Ich denke, es muss jeder Einzelne für sich selber entscheiden, für welche Träume man bereit ist, sein Leben zu riskieren. Da gibt es kein Messstock, mit dem man moralisch ansetzen kann. Ich selber würde nie ohne Seil oder ungesichert die Eigernordwand hochrennen. Auch wenn ich so gut klettern könnte.

ON: bist du selber schon mal an deine Grenzen gestossen?

BF: Ich habe angefangen zu klettern, da haben wir die Niebelungen in Südafrika gedreht. Zusammen mit Julian Sands, einem englischen Schauspieler und Alpinisten haben wir uns neue Routen am Tafelberg gesucht, auch richtig schwierige. Einmal machte ich eine ohne Seil – und überschätzte mich komplett. Da hing ich in dieser Wand, ausgesetzt, es war nass weil an der Nordseite, wo keine Sonne rein schien. Und in der Mitte dieser Wand haben meine Beine das gemacht, was man in der Klettersprache als „Nähmaschine“ bezeichnet: Wenn du einfach durch das Adrenalin und die Anspannung deine Muskulatur nicht mehr kontrollieren kannst. Ich beging einen Anfängerfehler, habe meine Kraft verpufft. Ich hab’s dann doch geschafft mit wackligen Händen und Füssen oben am Plateau anzukommen, nachdem ich mich eine halbe Stunde hochgekämpft hatte. Da lag ich mit zitterndem Körper, adrenalinüberschüttet, schweissgebadet und dachte: Was bist du mit 30 Jahren noch für ein verdammter Vollidiot?

ON: Du hast vorher angesprochen, dass die Bergsteiger vor allem eine Spur, eine Kerbe hinterlassen wollten...

BF: Nicht vor allem. Wenn du zehn verschiedene Bergsteiger fragst, kriegst du zehn verschiedene Antworten, warum sie klettern. Einer würde sagen, um sich selber zu spüren, der andere würde sagen, dass dies ein Bewegungsablauf ist, der seinem Körper sportlich am nächsten liegt.

ON: Ok. Worauf ich aber hinaus wollte: Willst du auch in deinem Beruf als Schauspieler, in dem du dich nicht der Gefahr des Berges, sondern der Reaktionen der Masse stellst, eine Kerbe hinterlassen? War dass vielleicht sogar dein Antrieb, diesen Beruf zu wählen?

BF: Wenn ich als Mensch in mich reinhöre und mich frage, ob es mir wichtig ist, etwas zu hinterlassen, kann ich ehrlich sagen: Es wäre mir scheissegal, wenn mit meinem Tod sämtliche Filme, an denen ich mitgearbeitet habe, in Rauch aufgehen würden. Aber natürlich ist da ein Zusammenhang von meiner Arbeit und dem Verlangen, dass diese auch gesehen und wertgeschätzt wird. Schliesslich mache ich Filme für ein Publikum, insofern ist mir meine Aussenwirkung nicht egal. Aber die halbe Miete sind bei mir dann auch die Momente des Drehs, und die kann mir keiner nehmen - egal, ob der Film erfolgreich ist oder nicht. Insofern ist da auch eine Menge Egoismus dabei. Den Luxus kann ich mir als Schauspieler erlauben, den kann sich der Produzent nicht erlauben. Und wenn das bei mir zehnmal hintereinander in die Hose geht und die Filme keiner sieht, dann werde ich mir diesen Luxus auch nicht mehr erlauben können, weil mich dann keiner mehr besetzt.

ON: Aber deinen Status hast du ja noch immer, da du erfolgreiche Filme machst.

BF: Auf Holz klopfen. (Lacht)

ON: Wie gehst du den schmalen Grat der Projektauswahl? Die Grossen sollen ja die Popularität verschaffen, die dir dann auch das Mitwirken in kleinen Filmen ermöglichen. So, wie das etwa bei George Clooney der Fall ist.

BF: Clooney finde ich unglaublich, ein Paradebeispiel. Fantastisch, wie er dieses Business handhabt. Ich versuche mir Filme auszusuchen, die mich von der Thematik her interessieren, die aber auch die Menschen draussen ansprechen. Eigentlich eine ganz einfache Rechnung.

ON: Bist du jemand, der gerne mit dem Publikum zusammen den Film ansiehst, um die Reaktionen direkt wahrzunehmen?

BF: Ich will ihn sicher erst einmal selber sehen. Aber die Reaktionen interessieren mich sehr. Es sind schon ein paar Filme zusammen gekommen in den letzten 17 Jahren. Und doch ist es immer wieder nervenaufreibend, einen Film, bei dem ein grosser Teil von dir drin steckt, den Leuten zu zeigen. Es ist eine schwierige Situation, weil es eine sehr persönliche Sache ist. Und weil die so persönlich ist, habe ich eigentlich auch gar keinen Bock, darüber zu reden. Es ist jedoch ein Spagat, der mir leichter fällt als früher.

ON: Kurz zurück zum Film. Deine Figur ist ein sehr wortkarger Charakter. War es angenehm, auch mal jemanden zu spielen, der nicht ständig die Klappe aufreisst?

BF: Ich muss sagen, bisher war es ein tolles Jahr. Vorher habe ich Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken gedreht, bei dem ich einen Typen spiele, der eigentlich nur lauter Blödsinn von sich gibt, und darauf folgt eine solche Rolle. Das ist fantastisch, wenn du in komplett gegenseitige Richtungen schiessen kannst. Bei Nordwand war es mein Anliegen, eine junge und doch vom Alter gezeichnete Person darzustellen. Während der Dreharbeiten kriegte ich auch ein Gefühl dafür, wie es ist, mit zerfrorenen Händen zu versuchen, einen Karabiner zu öffnen. Es war zwar widrig, es war kalt, und es schmerzt wirklich. Dass sind Dinge, die wir Schauspieler lieben, weil wir eine Aufgabe haben, mit der man einfach umgehen muss. Eine meiner Lieblingsserien ist Sopranos. Da gibt es eine Folge, die Steve Buscemi inszeniert hat. Tony und Christopher sollen diesen Russen kaltmachen, der rennt ihnen jedoch weg. So setzen sie sich in ein altes, klappriges Auto, weil sie ihres nicht mehr finden. Und so grossartig das gespielt ist, du merkst, es wurde in einem warmen Studio gedreht. Du siehst es einfach! Bei uns war diese ganze Strecke am Berg konstant auf minus 10 Grad runtergezogen, damit du keine Sekunde hast, wo es dich raushaut.

ON: Wirst du nach diesem ernsten Film jetzt deine Comedyseite wiederbeleben?

BF: Da brauchst du eine sehr gute Vorlage. Ich find Männer und Frauen einen gelungenen Film, und der hat mir einen Heidenspass gemacht. Gerade habe ich vorher mit einem eurer Kollegen gesprochen, und der meinte: Komödie zu spielen sei doch wohl viel leichter. Da sage ich: Auf keinen Fall! Wenn du um sechs Uhr morgens nach vier Stunden Schlaf wieder den Li-La-Launebär geben musst, dass ist unglaublich anstrengend, dass kannst du gar nicht miteinander vergleichen! Entweder sitzt die Pointe oder nicht. Natürlich spiele ich vorwiegend in dramatischen Stoffen mit. Aber nicht, weil ich Komödie nicht mag, sondern weil eine gute Komödie erst einmal geschrieben werden will.

10.10.2008 / uas