Syndromes and a Century - Sang Sattawat (2006)
Interview mit Apichatpong Weerasethakul
Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul (kurz: Joe) ist spätestens seit seinem in Cannes preisgekrönten Film Tropical Malady ein Shooting Star auf dem internationalen Festivalparkett. Am Freiburger Internationalen Filmfestival war er allerdings nur sehr kurz zu Gast, und sein Besuch war für ihn eher frustrierend. Anscheinend war Syndromes and a Century dem grossen Publikum am Vorabend in einem falschen Format gezeigt worden, und da nützten alle Entschuldigungen des künstlerischen Festivalleiters nichts - Joe war ausgesprochen down. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass zuhause die thailändische Zensurbehörde ebenfalls drauf und dran war, sein neustes Opus zu zerpflücken. Vier Schnitte wurden verlangt - für westliche Verhältnisse absolut unnachvollziehbar - und da sich Weerasethakul weigerte, diese Schnitte vorzunehmen, bleibt der Film nun in Thailand vorerst unsichtbar. Wer diese Tatsache genauso Scheisse findet wie OutNow.CH, kann hier eine
OutNow.CH (ON): Apichatpong Weerasethakul, dein neuer Film Syndromes and a Century trägt offensichtlich autobiografische Züge - wir lernen hier Figuren kennen, die Ihre Eltern verkörpern.
Apichatpong Weerasethaku (AW): Das stimmt, aber es handelt sich gleichzeitig auch um eine Fantasie meinerseits, denn die Geschichte spielt schliesslich vor meiner Geburt - ja sogar, bevor meine Mutter und mein Vater überhaupt ein Paar wurden. Der Film ist eine Mischung aus ihrer Liebesgeschichte, so wie sie mir erzählt wurde, und aus meiner eigenen Geschichte; über die Menschen, die ich kenne und die Orte, die ich mag. Es ist also nicht einfach autobiografisch, sondern vielmehr eine Interpretation von Erinnerungen.
ON: Auch eine Interpretation der Vergangenheit?
AW: Absolut, von Leuten und von Orten die ich kenne, und von Dingen, die mir erzählt wurden. Aber es geht in dem Film weniger um eine Handlung, sondern um Gefühle, um Rhythmus. Alles ist gegenwärtig - es gibt hier ein Dorf und eine Stadt.
ON: Und zwischen diesen Orten gibt es eine Art Trennung - wobei diese Trennung meist nicht sehr klar verläuft, es kommt an den beiden Orten zur Wiederholung von ganzen Szenen. Kann man das musikalisch verstehen, quasi wie die Verfremdung eines Motivs?
AW: Das könnte sein, ja. Aber mir geht es vor allem um den Lebenszyklus, so einfach ist das. Ich möchte einfach das Gefühl vermitteln, das es ein Geschenk ist, etwas von der vorhergehenden Generation mitzubekommen und etwas Vergleichbares an die nächste Generation weitergeben zu können. Ich hoffe, dass die Leute, wenn sie aus dem Kino kommen, so etwas wie ein Glücklichsein über das Fortschreiten des Lebens und der Zeit empfinden - auch wenn sie nicht genau verstanden haben, worum es im Film ging.
ON: Neben der zentralen Geschichte des Films - wenn man dem so sagen darf - kommen auch noch zahlreiche weitere Figuren vor, die dem Publikum schnell ans Herz wachsen, etwa ein Mönch und ein singender Zahnarzt. Diese Personen sind ausgesprochen witzig angelegt - war dies Absicht?
AW: Die Situationen im Film beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen. Ich habe tatsächlich einmal einen singenden Zahnarzt kennengelernt, darauf beruht diese eine Figur. Und der Mönch ist ein Schauspieler aus meinen früheren Filmen, der wirklich früher ein Mönch war. Darüber haben wir gesprochen, und so habe ich ihn als Mönch auftreten lassen. Ich verwerte also meine persönlichen Erlebnisse, die ich mit solchen Menschen habe - nicht unbedingt, um witzig zu sein. Wobei es stimmt schon, ich persönlich finde das alles sehr lustig, aber der Grundgedanke ist dann doch die Weitergabe von Erfahrungen. Sie müssen wissen, ich bin ein sehr vergesslicher Mensch [lacht], und ich brauche das Medium Film, um solche Erinnerungen festzuhalten.
ON: Es geht also um das Festhalten von Erinnerungen, aber auch um die Weitergabe von Erfahrung. Das ist ja dann auch beim Mönch im Film so - als er von einer Ärztin untersucht wird, gibt er ihr als Gegenleistung seine eigenen gesundheitlichen Ratschläge mit auf den Weg. Diese Vermittlung von Erfahrung ist also auch ein Geben und ein Nehmen.
AW: Der Grundgedanke beruht auf meinen Jugenderinnerungen, denn meine Eltern waren Ärzte in einer Klinik, und da kamen viele Menschen aus dem Dorf vorbei; vielfältige Leute, die mich als Kind geprägt haben, und über die ich mich amüsiert habe. Heute ist das alles anders in der medizinischen Praxis, es ist weniger intim. Das wollte ich gegenüberstellen, denn es gibt diesen altertümlichen, traditionellen Ansatz des Heilens immer noch, gleichzeitig wie die moderneren Ansätze.
ON: Mir ist aufgefallen, dass auch in der modernen Spitalpflege, so wie sie im Film gezeigt wird, eigentlich nie Stress herrscht - die Menschen haben alle Zeit für einander, es gibt in Ihrem Film keine Notfälle, keine Hektik.
AW: Ich würde aus meiner persönlichen Erfahrung nicht sagen, dass ein Spital ein hektischer Ort ist - das habe ich als Kind nicht so gesehen, und das habe ich auch kürzlich wieder so erlebt, als ich für den Film ein riesiges Spital in Bangkok besucht habe. Was Sie meinen, ist vielmehr die dramatisierte Version des Spitalgeschehens, so wie man es etwa in Serien wie Emergency Room zu sehen bekommt. Das stimmt für mich aber nicht, im Gegenteil - für mich ist ein Spital immer ein Ort, wo die Dinge sehr viel langsamer geschehen, und darum hat mich das fasziniert.
ON: Herzlichen Dank für das Gespräch.




