Letters from Iwo Jima (2006)

Interview mit Tsuyoshi Ihara

Tsuyoshi Ihara

Tsuyoshi Ihara

An der Berlinale wurde Letters From Iwo Jima ausser Konkurrenz gezeigt. Schade, denn der Film erwies sich als einer der Besten des ganzen Festivals. Nach der Premiere konnte sich OutNow.CH mit den drei Hauptprotagonisten unterhalten. Während Ken Watanabe bereits einige Hollywood-Erfahrung mitbringt und 2004 sogar für den Oscar nominiert war, sind Tsuyoshi Ihara und Kazunari Ninomiya für die westliche Filmwelt unbeschriebene Blätter. In unserem Interview sorgte vor allem Ninomiya für das eine oder andere verdutze Gesicht.

OutNow.CH (ON): Das ist deine erste Rolle in einem Hollywood Film. Was sind die Unterschiede zu deiner Arbeit in Japan?

Tsuyoshi Ihara (TI): Das kann ich nur schwer beantworten, da ich in Japan erst in einer grossen Produktion mitgewirkt habe. Was für mich neu war, war das Fehlen der Testszenen. Ich zog mir meine Uniform an, und schon wurde gefilmt.

ON: Wie präsent ist das Thema "Iwo Jima" in Japan?

TI: Die Japaner denken nicht oft über die Geschehnisse nach. Mit diesem Film wurde das Interesse aber dafür und über den Zweiten Weltkrieg allgemein geweckt. Es ist sehr wichtig, dass dieser Film gedreht wurde.

ON: Was wusstest du vor dem Filmdreh über die Geschehnisse auf Iwo Jima?

TI: Ich kannte nur den Namen Iwo Jima, und dass dort einmal eine Schlacht stattfand, mehr nicht.

ON: Aber wieso ist dieses Thema nicht so präsent in Japan? In Europa etwa ist der Krieg auch heute noch ein vieldiskutiertes Thema.

TI: Ich persönlich mag es, über solche Dinge zu reden, aber dass ist in unserem Land nicht üblich. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, darüber zu schweigen.

ON: Ich nehme an, dass es in Japan nicht viele Kriegsfilme gibt.

TI: Es gibt einige japanische Kriegsfilme, diese werden aber nur in Japan gezeigt. Deren Plots sind meist sehr überdramatisiert. Die Filme sind auch immer so ausgelegt, dass Japan dazumal im Recht war.

ON: Politische Filme liegen gerade im Trend. Denkst du, dieser Film wird etwas bewirken?

TI: Ich hoffe wirklich, dass der Film nicht als blosse Unterhaltung angesehen wird. Bereits haben ihn einige Politiker gesehen - es wird sogar darüber diskutiert, ihn im Geschichtsunterricht zu zeigen. Ich denke schon, dass dieser Film etwas bewirken wird, vor allem bei uns. Er zeigt nicht, dass Japan den Krieg verloren hat, sondern es geht darum, dass Krieg schlecht ist und er keinen Sinn ergibt.

ON: Hattest du Zugang zu den Briefen von Iwo Jima?

TI: Ich las die Briefe von Baron Nishi, die er an seine Familie schrieb.

ON: Was war dein Gefühl, nachdem du diese Briefe gelesen hattest?

TI: Was mich wirklich erstaunt und beeindruckt hat, war die Tatsache, dass der Inhalt der Briefe sehr oberflächlich war, als wären sie die Zusammenfassung eines Tagebuchs. Als Leser dachte ich nicht, dass er sich gerade in einer Schlacht befand. Er schrieb nicht viel über den Krieg. Die Briefe reflektieren viel mehr die Liebe und die Besorgnis um seine Familie. Etwas, was ich als Vater sehr gut nachfühlen kann.

ON: Wie alt sind deine Kinder?

TI: 13, 10 und 4 Jahre alt.

ON: Dann sind sie wohl noch ein bisschen zu jung, um den Film zu sehen?

TI: Die beiden ältesten sahen den Film, der jüngste noch nicht. Ich möchte aber, dass auch er den Film sehen wird. Der 13-Jährige meinte danach: "Ist das wirklich passiert?"

ON: Wie sahen deine Vorbereitungen auf die Rolle aus?

TI: Ich wusste nichts über Iwo Jima. Ich musste viel recherchieren, viele Bücher lesen. Ausserdem traf mich mit dem Sohn von Baron Nishi. Er ist jetzt 83 Jahre alt. Er sprach mit mir über viele private Dinge. Eine Geschichte war sehr interessant: Als Baron Nishi in China positioniert war, besuchte ihn sein Sohn. Dieser fühlte so viel Liebe vom Vater wie nie zuvor. Diese Liebe gegenüber der Familie versuchte ich in der Rolle zu reflektieren. Ausserdem sprach er über Dinge, die er nie in den Briefen erwähnte. Aus den Büchern wurde mir veranschaulicht, wie populär er damals in Japan, aber auch in Amerika war. Er war sehr sozial eingestellt und ein Volksheld. An den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles gewann er sogar eine Goldmedaille im Reiten.

ON: Kennt man Baron Nishi heute noch in Japan?

TI: Baron Nishi ist leider in Vergessenheit geraten. Für Reiter ist er aber eine legendäre Person, denn er war der einzige Japaner, der im Reitsport eine Goldmedaille gewann.

ON: Du musst im Film mehrere Male reiten. Musstest du dir das aneignen?

TI: Ich kann zwar reiten, aber nicht mit dem Pferd springen. Darum übte ich das jeden Tag, einen Monat lang.

ON: Die Szene, in der Baron Nishi den Brief des amerikanischen Soldaten liest, ist eine der intensivsten des Films.

TI: Die Szene ist wichtig, weil die Japaner zum ersten Mal den Feind von nahem sehen, und merken, dass sie die gleichen Gefühle haben. Auch die Amerikaner hatten Familie, an die sie permanent dachten.

ON: Wie war es für dich, die meisten Szenen in einem Take zu drehen?

TI: Zuerst fühlte ich mich sehr nervös. Nach dem Dreh war ich aber überzeugt, das diese Technik die beste war. Ich steckte all meine Energie in das eine Mal hinein.

12.02.2007 / uasuas