The Good Shepherd (2006)

Der Gute Hirte

Interview mit Martina Gedeck

Martina Gedeck

Martina Gedeck

Sie zählt zu den Top-Schauspielerinnen Deutschlands, ausgezeichnet mit Bayrischem Fernsehpreis, Goldener Kamera oder Deutschem Filmpreis. Der Kinodurchbruch gelang Martina Gedeck als schöne Köchin in Bella Martha, der demnächst als US-Remake namens No Reservations mit Catherina Zeta-Jones ins Kino kommt. Nach Sommer 04 und Elementarteilchen spielte sie im oscarnominierten Das Leben der Anderen mit. Jetzt engagierte sie Robert De Niro für sein CIA-Drama The Good Shepherd. OutNow.CH traf sie an der Berlinale 2007.

OutNow.CH (ON): Vor zwanzig Jahren hatte die Band "Bananarama" den Song "Robert De Niro's Waiting" hat er tatsächlich auf dich gewartet oder wie hast du die Rolle bekommen?

Frau Gedeck im Gespräch

Frau Gedeck im Gespräch

Martina Gedeck (MG): Das Angebot verdanke ich meiner Rolle in Bella Martha, der sich in der Filmbranche von Amerika sehr herumgesprochen hatte. Auch die Casting-Agentin von De Niro hatte mich dort gesehen und hat mich offensichtlich gemocht.

ON: Wie hast du erfahren, dass De Niro dich will?

MG: Ich bekam keinen Anruf von Robert De Niro. Meine Agentur bekam von seiner Produktionsfirma eine E-Mail - die allerdings im Filter hängen geblieben ist und erst einige Zeit später entdeckt wurde. Irgendwann ist die Nachricht dann zum Glück aber doch noch bei mir gelandet.

ON: Wie war Ihre erste Reaktion auf das Angebot reagiert?

MG: Es ist noch bis heute für mich ganz merkwürdig, dass ausgerechnet dieser Robert De Niro mich engagierte. De Niro ist der Schauspieler, den ich am längsten und am meisten schätze. Er ist der Grossmeister der Schauspielkunst. Von ihm hätte ich absolut jedes Angebot angenommen.

ON: Wie verlief das erste Zusammentreffen mit der Schauspiel-Legende?

MG: Ich hatte mir vorgestellt, dass mein erstes Vorsprechen in einem grossen Raum stattfindet mit zwanzig Leuten. Tatsächlich war es dann nur ein sehr kleines Zimmer, in dem nur De Niro und Leonardo Di Caprio waren, der ursprünglich die Rolle von Matt Damon spielen sollte - da stand ich also ganz allein diesen beiden hochkarätigen Schauspielern gegenüber. Sobald wir begannen, die ersten Szenen zu spielen, lief aber alles ganz entspannt.

ON: Wie gross ist die Nervosität beim Bewerbungsgespräch mit einem De Niro?

MG: Man ist da schon in einem etwas anderen Zustand. Man hat einfach grossen Respekt vor der grossartigen Arbeit von solchen Menschen. Die Möglichkeit, unter solch einem genauen und guten Auge zu spielen, ist schon eine ziemliche Herausforderung - denn beim Schauspielen kennt sich De Niro aus wie kein anderer. Wenn er dann zufrieden ist mit den Angeboten, die man ihm macht, ist das schon sehr euphorisierend.

De Niro hinter der Kamera

De Niro hinter der Kamera

ON: De Niro ist für seinen Perfektionismus berühmt und berüchtigt - wie wirkt sich das beim Dreh aus?

MG: Wir haben alle Szenen sehr intensiv und oft gespielt. De Niro bricht nicht ab nach einer Einstellung, sondern lässt die Kamera immer weiter laufen und die Schauspieler beginnen einfach wieder von vorne. Dadurch gibt es atmosphärisch keine Unterbrechungen: niemand bessert die Maske nach oder kommentiert etwas - der Schauspieler bleibt immer in der Situation.

ON: Deine Rolle fällt mit drei Minuten nicht ausgesprochen lange aus - ist das nicht ein bisschen Vergeudung?

MG: De Niro hat es gar nicht so leicht in Amerika, er brauchte fünf Jahre, um dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Umgekehrt konnte er dadurch jene Schauspieler besetzen, die er haben wollte - genau darin liegt die grosse Auszeichnung für mich. Natürlich könnte man als Schauspielerin sagen, das ist mir zu klein, aber die Herausforderung war für mich gross genug. Meine Figur hat eine Geschichte, und sie hat eine Funktion in dem Film, was für mich bei einer Nebenrolle wichtig ist. Die Rolle von Angelina Jolie, immerhin ein Superstar, fällt ja auch nicht gerade sehr gross aus: Das ist eben nun einmal ein Männerfilm.

ON: De Niro weiss sicher um sein Image, wie weit muss man sich Atmosphäre am Set vorstellen: Wird er als Gott behandelt?

MG: Ich bin einen sehr gut funktionierenden Mikrokosmos hineingekommen. Man ist voller Respekt und geht schon anders um mit ihm. Man redet De Niro zum Beispiel nicht einfach so an - das würde niemandem einfallen. Es herrscht ganz automatisch eine natürliche Achtung. De Niro bleibt immer sehr ruhig, auch wenn bestimmte Dinge schief laufen. Er geht immer sehr ökonomisch mit seiner Energie um und würde sich nie lange mit Wutanfällen aufhalten. Er tut, was zu tun ist.

Bella Martha - Das Original

Bella Martha - Das Original

ON: Was hältst du vom amerikanischen Remake von Bella Martha, bei dem nun Catherine Zeta-Jones deine Rolle übernimmt?

MG: Es wäre schwierig für mich gewesen, diese Rolle nochmals zu spielen. Ich weiss allerdings nicht, ob ein Remake überhaupt notwenig war, weil der Film so, wie er ist, sehr schön ist. Ich fürchte, dass man unseren Film gar nicht mehr wiedererkennen werden wird - was man schon daran erkennt, dass in der ursprünglichen US-Version das Kind gar nicht mehr vorkam. Erst Zeta-Jones konnte das Kind wieder durchsetzen.

ON: Ist The Good Shepherd, nur ein Ausflug oder der Beginn einer Hollywood-Karriere?

MG: Mit Hollywood hat dieser Film gar nicht so viel zu tun, weil es ganz klar eine Independent-Produktion ist. Es würde mich sehr wundern, wenn ein europäischer, geschweige denn ein deutscher Schauspieler, jemals eine Protagonistenrolle im amerikanischen Raum einnimmt. Das hat Marlene Dietrich geschafft, aber die ist schon mit 18 Jahren nach Amerika gegangen.

ON: Kannst du dich eigentlich noch an deine Rolle in Ein Schweizer namens Nötzli erinnern?

MG: Ja. Ich hab da im zarten Alter von zwanzig Jahren eine Bordellmutter gespielt. Ich dachte mir, super ein Schweizer Kinofilm, das wird die unbedingte Entdeckung für mich zur Folge haben. Aus heutiger Sicht war das natürlich völliger Blödsinn.

09.02.2007 / rm