La Tigre e la neve (2005)

Der Tiger und der Schnee

Das Interview mit Nicoletta Braschi (Produzentin und Schauspielerin)

Nicoletta Braschi

Nicoletta Braschi

Mit dem Diktionär in der Hand kam Nicoletta Braschi, die Ehefrau und Produzentin von Roberto Benigni, zum Interview. Nachschlagen musste sie darin aber nie, während des kurzen Gesprächs mit OutNow.CH in Berlin. Kennen gelernt haben sich die beiden schon 1983 beim ersten Film von Benigni, Tu mi turbi. Seither sind sie ein Paar und haben 1991 geheiratet. Melampo Cinematografico nennt sich die ihre Produktionsfirma, die für Hits wie Johnny Stecchino, Il mostro und La vita è bella verantwortlich war.

OutNow.CH (ON): Wie wurdest du Produzentin?

Nicoletta Braschi (NB): Ich habe die Produktionsfirma Melampo gegründet, weil mich Jim Jarmusch und andere Freunde inspiriert haben dazu. Gelernt habe ich die Schauspielerei, niemals wie man eine Produzentin wird. Ich bin froh, dass es bis jetzt recht gut geklappt hat. Aber es ist sehr intensive Arbeit. Ich weiss nicht, wie lange ich es noch machen werde, denn ich habe auch noch andere Sachen vor, Theaterprojekte und dergleichen. Bis jetzt habe ich auch nur Filme produziert, bei denen Roberto mitgewirkt hat.

ON: Inwiefern hat der Oscar deine Karriere verändert?

NB: Der Preis hat uns ermöglicht, den Film in verschiedenen Ländern zu zeigen. Das ist natürlich ein grosses Glück für uns.

ON: Die meiste Zeit im neuen Film verbringst du im Bett. Ist das schwierig, oder so einfach wie es aussieht?

NB: Ich gehe immer mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an meine Rollen. Auch das ist Schauspielerei und wie bei jedem Beruf, muss man sich dafür anstrengen.

Roberto schreit gegen den Krieg.

Roberto schreit gegen den Krieg.

ON: Was soll La Tigre e la Neve aussagen?

NB: Der Film ist wie ein Märchen und kann als gutes Beispiel für uns alle gelten. Attilio gibt auch in den hoffnungslosesten Situationen niemals auf und wird dafür belohnt. Weil er ein Poet ist, zitiert er oft aus Gedichten. Die Poesie bildet so die Grundstruktur des Films. Sie kann uns erleuchten und zu Wahrheiten führen.

ON: Benignis Filme sind oft wie Märchen.

NB: Ich denke, La vita è bella und La Tigre e la Neve entsprangen derselben Quelle. Benigni gräbt als Autor in ihr. Beide Filme spielen vor einem realen Hintergrund, dem Krieg, dem Schlimmsten, was wir kennen. Es wird ein Menschenleben gerettet, und somit auch die Menschlichkeit. Der Film ist ein Aufruf gegen Krieg.

ON: Aber auch eine Rückkehr zum Erfolgsrezept von La vita è bella nach dem Flop Pinocchio.

NB: Pinocchio war eine geradlinige Hommage an die Märchen. Da gab es nichts zu interpretieren. Ich bin stolz auf den Film. Die einen mögen ihn, andere weniger. Es gibt viele Kinder, die den Film lieben. Und Pinocchio ist einer der wenigen italienischen Literaturklassiker von Weltruhm.

Pinocchio

Pinocchio

ON: In America wurde Pinocchio aber nie in die Kinos gebracht, weil die Weinsteins sich mit Benigni darüber stritten.

NB: (Sie überlegt lange und lächtelt dann.) Ich versuche immer nett zu bleiben, aber du hast recht. Der Film kam nie in die Kinos. Jeder hatte da seine eigenen Gründe weshalb. Ich kann nur sagen, dass wir den Film mit ganzen Herzen gemacht haben. Und es ist müssig nun einen Schuldigen für den Misserfolg zu suchen.

ON: Was ging dir als erstes durch den Kopf, als du hörtest, dass Roberto Benigni einen Film im Irak drehen wollte?

NB: Das war nicht einfach. Es war unmöglich, tatsächlich im Irak zu drehen. Das Risiko für das Team wäre viel zu gross gewesen.

ON: Seid ihr zwei politische Menschen?

NB: Sehr sogar. Aber jeder soll sich sich zu seiner politischen Ansicht äussern, wie er kann. Es gibt nicht nur die Antikriegsdemonstrationen. Der Film ist ein kleiner Schrei für den Frieden. Fuad, die Figur, die Jean Reno spielt, begeht als Autor Selbstmord wegen des Krieges. Saddam Hussein hat ja auch die irakische Kultur zerstört. Ähnliches macht auch Silvio Berlusconi mit seiner Medienmacht in Italien.

Beide sind gegen Berlusconi!

Beide sind gegen Berlusconi!

ON: Ist der Film also auch gegen Berlusconi gerichtet?

NB: In gewisser Weise schon. Wie gesagt, versuchen wir in allem, was wir tun, auch unsere politischen Ansichten einzubringen.

ON: Wie kann aber Berlusconi die Kultur zerstören?

NB: Indem er die Kontrolle über die Medien hat und sie immer oberflächlicher werden lässt. Auch indem er jeden Tag wieder etwas anderes behauptet und damit durchkommt, weil es keine ethischen Werte mehr zu geben scheint.

ON: Besten Dank für das Gespräch.

18.02.2006 / rm