La Tigre e la neve (2005)

Der Tiger und der Schnee

Das Interview mit Roberto Benigni

Roberto Benigni

Roberto Benigni

Interview mit einem Gispel. Wer den Italiener einmal reden gehört hat, kann sich vorstellen, wie schwer sich ein Interview mit ihm gestalten könnte. Trotz der Fremdsprache Englisch war Roberto Benigni nicht zu stoppen, wenn es um das feurige Werben für seinen neuen Film La Tigre e la Neve ging. Der erste Schauspieler, der für nicht englisch-sprachige Rollen sowohl einen Oscar als auch den weniger beliebten Razzie Award geholt hat, traf sich mit OutNow.CH in Berlin und sprach über Krieg, die Liebe und den weltweiten Erfolg der Bibel.

OutNow.CH (ON): Wolltest du mit La Tigre e la neve in erster Linie eine Liebesgeschichte oder einen Kriegsfilm drehen?

Roberto Benigni (RB): Natürlich ist es eine Geschichte über die Liebe. Ohne die Liebe geht erst mal gar nichts. Denn zuerst ist da immer die Leidenschaft, welche den Funken springen lässt. Leider wird aber auch der Krieg mit Leidenschaft betrieben. Es geht nicht immer um Öl oder Bush oder Bin Laden. Ein Künstler hat die Pflicht in die Herzen der Menschen zu gehen und diese Leidenschaft zu analysieren. Es geht aber nicht darum, Einsicht zu erlangen wie in einem Dokumentarfilm, warum ein Krieg stattfindet. Das Ergebnis ist jedoch kein schnulziger Liebesfilm. Attilio ist von der Leidenschaft besessen. Sie ist unkontrollierbar. Deshalb wollten die Faschisten auch, dass alle sich konformistisch verhalten. Denn die Liebe ist die grösste Kraft gegen Diktaturen und Kriege.

ON: Ist Attilio aber nicht zu sehr mit der Liebe beschäftigt, dass er vom Krieg gar nichts mitbekommt?

Kamele unter sich.

Kamele unter sich.

RB: Natürlich bekommt er den Krieg mit. Aber er ist ein Poet und redet nicht ideologisch über den Krieg. Sowas geht beim linken Ohr rein und rechts wieder raus. Er redet philososphisch über den Krieg, so dass es das Herz berührt und dort auch bleibt. Die Nachrichten berichten oberflächlich über den Krieg. Blablabla. Busch ist doof etc. Das wissen wir doch alle schon. Ich erzähle eine schöne Geschichte, deren Botschaft indirekt ins Herz geht. Die Botschaft meines Protagonisten ist das Leben selbst. Ich liebe es zu leben. Sterben ist das Letzte, was ich in meinem Leben tun werde. Lebe, liebe und sei frei! Das ist die Message. Du siehst jemanden, der lebt, der lacht und der es liebt am Leben zu sein. Die Liebe ist seine Religion und niemand kann ihn kontrollieren.

ON: In den romantischen Komödien stehen Frauen immer auch auf die lustigen Typen. Weshalb?

RB: Lachen ist sehr erotisch. Wenn jemand lacht, sieht man sein wahres Gesicht. Gott hat die Frau als Letztes erschaffen. Sie ist deshalb die Krone der Schöpfung. Nachdem er Eva erschuf, hat er gelächelt. Das weiss man nur nicht. Die Bibel ist sehr feministisch. Sie ist auch religiös und erotisch. Das ist das wahre Geheimnis des Erfolges der Bibel. Erotik und Religiosität. Dasselbe sieht man auch bei Dantes Göttlicher Komödie oder Shakespeare.

ON: Inwiefern ist die Bibel feministisch?

RB: Es geht um Frauen und Sex. Die Frau ist das Allerheiligste.

ON: Hattest du nie Bedenken, Komödien vor dem Hintergrund menschlicher Tragödien wie den KZs oder dem Krieg im Irak zu drehen?

Von den GIs nicht erkannt.

Von den GIs nicht erkannt.

RB: Das Problem ist, dass die Leute La Vita è Bella immer als Komödie betrachten. Es ist aber eine Tragödie. Der Hauptdarsteller ist ein Komödiant, aber die Struktur der Geschichte ist tragisch. Die grossen Komödianten wie Chaplin haben die Leute nicht einfach zum Lachen gebracht, sondern auch versucht, das Unbeschreibliche zu verstehen, in dem sie mit lustigen Figuren experimentierten.

ON: La Tigre e la Neve hat aber keine tragische Struktur.

RB: Doch. Zuerst ist da die Harmonie und dann stürzt das Übel über die Protagonisten. Danach sind sie geläutert.

ON: Wie ist es, mit der eigenen Ehefrau zusammen zu arbeiten?

RB: Wunderbar. Ich liebe meine Frau. Sie ist wie ein Haufen Schnee, den ich vor der Sonne beschützen muss. Wir arbeiten schon seit 25 Jahren zusammen. Heute sind wir ein bisschen wie Mickey Mouse und Minnie. Wir unterscheiden uns schon. Es beginnt damit, dass sie eine Frau ist und ich ein Mann. Aber das macht den Reiz aus. Es ist nicht einfach für eine Frau, einen Film mit einem Clown zu tragen. Wenn der weibliche Gegenpart zum komödiantischen Hauptdarsteller nicht funktioniert, geht auch auch der Film baden.

ON: Wie ist es als Intellektueller und Komödiant in Berlusconis Italien zu leben?

RB: (Er lacht). Für einen Komiker ist er wunderbar. Immer wenn ich ihm am Fernsehen sehe, macht er einen Witz. Gerade im letzten Monat behauptete er, er sei Napoleon. Ist das nicht wundervoll?

ON: Wann machst du einen Film über Berlusconi?

RB: Das überlasse ich lieber Nanni Moretti oder Sabina Guzzanti. Ich mache mich am Fernsehen lustig über ihn. Aber einen Film über Berlusconi zu machen, das traue ich mir nicht zu. Schliesslich hat er auch sehr viel Macht.

ON: Wie sehr hat der Oscar deine Karriere verändert?

Oscar, Roberto und Oscar (v. l. n. r.)

Oscar, Roberto und Oscar (v. l. n. r.)

RB: Ach der Oscar! Der hat viel verändert. Diese Manifestation der Freude. "Exuberance is Beauty" wie schon William Blake gesagt hat. Ich platzte vor Freude wie eine pralle Wassermelone und sprang über das Publikum wie von einem Stein zum anderen. Bis ich auf Steven Spielberg traf. Bei der Filmlegende musste ich stoppen, sonst wäre ich auch über seinem Kopf weiter bis zur Bühne gehüpft. In meinem professionellen Leben war das sicher ein Höhepunkt. Privat gab es natürlich noch schönere Momente. Danach kamen Angebote aus der ganzen Welt für Projekte. Besonders aus den USA wurden mir Rollen als Mafioso oder Pizzaiolo angeboten. Oft auch Pizza backende Mafiosi oder Pizzabäcker in der Mafia.

ON: Wo steht der Oscar?

RB: Bei mir zuhause in einer Schublade. Ich habe ihn nicht ausgestellt. Ich wäre peinlich berührt, wenn mich einer meiner Gäste danach fragen würde.

18.02.2006 / rm