Sehnsucht (2006)

Interview mit Valeska Grisebach

Valeska Grisebach

Valeska Grisebach

Der Film Sehnsucht. Ein Liebesfilm von Valeska Grisbach wird seinem Titel gerecht - grosse Gefühle lenken das Geschehen, aber leider in eine ziemlich ungünstige Richtung. Ist das, was wir hier sehen, nur ein Seitensprung, oder wird es zur Dreiecksbeziehung? In einem Dorf in der Nähe von Berlin steht der Schlosser Markus vor diesem Dilemma, seit er nach einem Ausflug mit der Freiwilligen Feuerwehr in einem fremden Bett aufgewacht ist.

OutNow.CH traf die Regisseurin zum Pressetermin in einem gemütlichen Café in Zürich. Trotz dem engen Zeitplan und den sich von Journalist zu Journalist wohl oft wiederholenden Fragen nahm Valeska die Sache gelassen und gab bereitwillig und ausführlich über ihr jüngstes Herzensprojekt Auskunft. Die Dame plaudert offensichtlich gern und hört auch gerne zu - was uns zur ersten Frage führt...

OutNow.CH (ON): Dem Presseheft entnehme ich, dass Du zur Vorbereitung für Sehnsucht rund 200 Privatpersonen interviewt hast. Wie muss man sich das vorstellen?

Valeska in Zürich

Valeska in Zürich

Valeska Grisebach (VG): Ich hab nicht gezählt, vielleicht waren's mehr, vielleicht weniger. Wenn ich ein Projekt beginne, dann habe ich meist ein Thema oder eine Stimmung, die mich beschäftigt, und dann suche ich nach der passenden Geschichte. Ich funktionier halt nicht so gut allein in einem stillen Kämmerchen zum Schreiben. Mir tut das gut, rauszugehen und mich mit Sachen zu konfrontieren, die ich mir nicht einfach so ausdenken kann. Ich habe dann Leute auf der Strasse angesprochen und mich mit denen später zu vertraulichen, relativ ausführlichen Interviews getroffen. Dabei ging es konkret um Alltag, aber auch um Träume, Sehnsüchte und Wünsche. Ich hab ja das Projekt begonnen mit dem Wort Sehnsucht, weil man sich da alles und nichts hinein denken kann, weil Sehnsüchte etwas sehr persönliches sind und sehr viel aussagen über einen Menschen, und weil sie eine unglaubliche kreative Kraft haben, aber auch immer was Bittersüsses. Mich hat dann in den Gesprächen die Wucht dieser Sehnsüchte umgehauen, und ich war beeindruckt, dass ganz oft Liebesgeschichten die Orte für Sehnsüchte sind. Das war einer der Anfangspunkte für das Projekt.

ON: Manche sagen ja, dass die Menschen sich ausschliesslich nach Dingen oder Menschen sehnen, die sie beim besten Willen nicht haben können. Bist Du da oft draufgestossen - diese von vorn herein gegebene Unerfüllbarkeit der Sehnsucht?

VG: Schon, aber manchmal gibt es auch Sehnsüchte nach Dingen, die eigentlich da sind, aber halt versteckt, oder da, wo man sich nicht hintraut. Zum Teil sind es Sehnsüchte nach der anderen Möglichkeit, aber oft auch nach sehr nahen Dingen, wo der Schritt eigentlich gar nicht so gross wäre. Oft hat das mit der Suche nach Lebensintensität zu tun, man will mehr fühlen, mehr erleben und das Leben nicht einfach so vorbeistreichen lassen.

ON: Auf die eigentliche Geschichte des Films bist Du dann in Frankreich gestossen.

VG: Ja, das war verrückt. Ich wusste ja, dass ich irgendwann einen Moment brauche, in dem es knallt - und da ist mir diese Geschichte aus Frankreich wieder eingefallen. Die hat mir jemand in einem kleinen Dorf in der Bourgogne erzählt. Da hat ein Schreiner gewohnt, der war verheiratet, hat dann aber auf einer Dienstreise eine andere kennen gelernt, und die hatten was miteinander, aber seine Frau hat das herausbekommen und hat ihn verlassen, und da hat er eine Schrotflinte für die Hasenjagd genommen.... [Valeska gibt an dieser Stelle eine Schlüsselpassage ihres Films preis. Der Spoiler wurde entfernt.] Diese Geschichte hat bei mir Spuren hinterlassen. Es hat mich auch beeindruckt, dass in einem Dorf, wo kaum einer seine Gefühle zeigt, wo alle recht spröde und verschlossen sind, dass da einer hingeht und sich mit einer so gewaltigen Geste inszeniert. Mir schien das dann der richtige Rahmen zu sein, um das zu erzählen, was ich erzählen wollte.

ON: Du hast die Geschichte nach Brandenburg verlegt, sie aber in einem ländlichen Kontext belassen. Hat das damit zu tun, dass ein Dorf eine weniger anonyme Sache ist, wo ein Seitensprung stärker auffällt und neben den psychischen Problemen auch eine Rufschädigung nach sich ziehen kann?

Brandenburg

Brandenburg

VG: Naja, ich war für die Geschichte vor allem auf der Suche nach einer altmodischen Bühne, die Story ist ja schlicht und simpel, wie ein Countrysong, sehr holzschnittartig. Ein Mann, eine Frau, ein Haus, eine Strasse, die Liebe. Da ist ein Dorf schon der richtige Platz dafür, weil man nicht in der Fülle von Geschichten versinkt. Und Brandenburg fand ich persönlich interessant, weil das vielschichtig und brüchig ist. Da stehen auch unterschiedliche Zeiten nebeneinander, vom Theodor-Fontane-Dorf über die DDR bis zum heutigen Tag, das fand ich hilfreich für die Geschichte.

ON: Der Film kriegt ja auch eine Zeitlosigkeit durch seinen Epilog, in dem eine Art Kinderchor sich die Geschichte nochmals erzählt und über deren Ausgang spekuliert.

VG: Ohne diese Szene hätte ich die Geschichte gar nicht erzählen können. Es war mir ganz wichtig, dass zum Schluss nochmals eine Tür aufgeht und wieder Licht in die Geschichte kommt. Dass der Mann durch das Glück und das Unglück, das ihm widerfährt, plötzlich zu einer Legende wird, dass die Kinder und die Jugendlichen voller Spannung und Aufregung wissen wollen, was mit ihm geschehen ist. Ich sehe das dann aber auch als eine Art von Legende, die der Wirklichkeit gerecht wird, und es bleibt halt ein Geheimnis, was wirklich mit dem Mann passiert ist.
Ein spannendes Prinzip finde ich immer auch, wie Glück und Unglück nebeneinander stehen, dass man manchmal leidet wie ein Hund, und dass kleine Dinge sehr vieles auslösen können.

ON: Bei aller Legendenhaftigkeit wirkt Sehnsucht ja sehr realitätsnah, also wirklich aus dem Leben gegriffen.

VG: Der Film wird in diesem Punkt sehr unterschiedlich aufgefasst. Also für mich ist das keineswegs ein rein realistischer Film, sondern ich fand gerade diese Mischung extrem aufregend, also gleichzeitig Realismus oder Naturalismus und auf der anderen Seite eine märchenhafte Erzählung und Überhöhung. Dass man quasi auch in den Alltag die melodramatische Geste einfügt.

ON: Das hat ja dann auch mit Deiner Bildersprache zu tun, und die ist sehr unaufdringlich - man merkt Deine Kamera kaum.

VG: Es gibt sicher ab und zu Momente, wo man mehr Distanz einnimmt, wo man auch von der Geschichte Abstand zu gewinnen will, obwohl es ja eigentlich um Nähe geht, damit es jeder mit der eigenen Erfahrung verbindet. Da will man natürlich nicht zeigen: Ich bin Film. Jeder Film hat andere Bedürfnisse, und hier fand ich es vor allem wichtig, dass die Kamera nicht zu aufdringlich oder zu absichtsvoll ist, sondern ruhig und erzählerisch im Hintergrund bleibt, damit es auch altmodisch und episch wirken kann, statt einfach über schnelle Handkamera den Eindruck zu vermitteln, wir sind jetzt im Jahr 2005 live dabei. Das war vielmehr der Versuch, etwas Zeitloses zu erreichen.

ON: Zeitlos aber unglaublich nahe an den Menschen dran - an den Laiendarstellern, mit denen Du gearbeitet hast.

Alles Laien.

Alles Laien.

VG: Das hat viel mit Zeit zu tun. Tja, manchmal lernt man sich auch einfach in fünf Minuten so kennen, dass man sofort eine Szene miteinander drehen kann, aber grundsätzlich war es wichtig, dass wir ein halbes Jahr vorher schon geprobt haben, und dass auch das Team bereit war, schon bei den Proben dabei zu sein, damit der Sprung von den Proben in die Filmmaschine dann nicht so gross war. Und es war auch wichtig, mit einem kleinen Team zu arbeiten, das nie den Raum eines Wohnzimmers gesprengt hat - das hat natürlich auch mit der Nähe während des Machens zu tun.

ON: Wer musste wem mehr vertrauen? Du den Schauspielern oder sie Dir?

VG: Das war wirklich gegenseitig und gleichberechtigt. Man trägt ja die Geschichte gemeinsam und versucht sie zu verstehen, man fragt sich, wie kann man das ausdrücken, wie kann man eine Situation vor der Kamera herstellen, die funktioniert.

ON: Gab es Momente, wo Du künstlerische Kompromisse machen musstest, weil Du gemerkt hast, das geht mit den Schauspielern so nicht, oder wo Du drauf verzichtet hast, um den Teamgeist nicht zu gefährden?

VG: Eigentlich nicht. Wir haben uns schon an einzelnen Szenen die Zähne ausgebissen, mehrere Anläufe gebraucht und geflucht dabei. Das war ja auch eine fast familiäre Situation, und da ist man halt manchmal freundlich, und manchmal rumpelt es dann aber auch ganz schön. Wir haben da schon einige Hürden genommen, und jeder einzelne hatte auch unterschiedliche schwierige Stellen, aber von einem Kompromiss würde ich nicht reden - wir haben nach unseren Möglichkeiten gemacht, was wir machen wollten, auch wenn es manchmal echt anstrengend war.

ON: Eine Frage zum Schluss - in einer sehr schönen Szene kommt das Stück Eisbär von Grauzone vor, in einer sehr eigenwilligen Version, als Kinderlied. Wie kam es dazu?

Bei der Hausmusik.

Bei der Hausmusik.

VG: Ich war immer auf der Suche nach dieser komischen Situation an dem Keyboard in der Küche, und die fangen da an so rumzuklimpern...

ON: Hausmusik quasi.

VG: Genau, Hausmusik find ich auch so ein charmantes Wort in diesem Zusammenhang. Ich war halt auf der Suche nach einem Lied, das mit Jugend und mit den 80ern zu tun hat, wo man sich denken kann, das verbindet die beiden vielleicht von früher. Und der Text hat ja auch etwas Ruppiges, es hat mit Kälte zu tun, aber es liegt sehr viel Gefühl drunter. Diese Kombination fand ich auch spannend für die Geschichte.

ON: Das lässt sich also auch auf die männliche Hauptfigur übertragen.

VG: Genau, der Mann und der Eisbär. [lacht]

11.09.2006 / juz