Golden Door - Nuovomondo (2006)

Interview mit Charlotte Gainsbourg

Charlotte Gainsbourg

Charlotte Gainsbourg

Wie wahrscheinlich jeder weiss, ist Charlotte Gainsbourg die Tochter des französischen Chansionniers Serge Gainsbourg und der britischen Schauspielerin Jane Birkin. Schon von Kindesbeinen an stand sie im Rampenlicht. Doch ungeachtet der in die Wiege gelegten Berühmtheit, hat sie sich zu einer ernstzunehmenden Schauspielerin entfaltet und spielte schon in so manchen Filmen aus Frankreich, England, USA und, wie in diesem Fall, aus Italien mit. Um ihre Schauspielkarriere noch zu übertreffen, versucht sie sich erfolgreich als Sängerin und hat kürzlich ihr erstes Musikalbum mit Eigenkompositionen aufgenommen. OutNow.CH traf die gelassen wie zurückhaltend wirkende Schauspielerin in Venedig, als sie ihren Film vorstellte.

» The interview in English.

OutNow.CH (ON): Besitzt deine Rolle im Film Nuovomondo autobiographische Züge, da dein Vater auch aus Russland stammt?

Charlotte Gainsbourg (CG): Seine Eltern verliessen Russland exakt zu der Zeit, als die russische Revolution stattfand und entschieden sich in Frankreich niederzulassen. Doch einige Onkels von mir wanderten bis weiter nach Amerika aus, so haben sie möglicherweise ihre Reise ähnlich wie die meiner Filmfigur erlebt.

ON: War das für dich ausschlaggebend bei diesem Film mitzutun?

CG: Vielleicht. Ich war am Abenteuer und am mir unbekannten geschichtlichen Zeitabschnitt interessiert. Mir war die Abfertigung auf "Ellis Island" unbekannt. Ich wusste nichts von den Postkarten mit dem riesigen Gemüse darauf. Alles das machte das Filmprojekt sehr reizvoll.

Wirklich wie eine Zeichnung.

Wirklich wie eine Zeichnung.

ON: Wie hast du dich gefühlt in einem Kostümfilm?

CG: Es war, als würde man Teil eines grossen Kunstbildes sein. Jeder Statist war ebenso wichtig wie die Besetzung. Jeder Statist trug eine Lebensgeschichte mit sich. Jede Seele hatte über die damalige Zeit und über die Einwanderung, da die Generation davor sie ebenfalls durchlebten, viel zu berichten. Es war sehr eindrücklich.

ON: Der Regisseur Emanuele Crialese verglich dich mit einer Statuette von Alberto Giacometti.

CG: Das ist sehr schmeichelhaft. Ich liebe Giacometti. Der Regisseur wollte schon immer eine solche Körperart haben, die grösser gewachsen als die Frauen aus der damaligen Zeit sein sollte. Und er wollte das Haar anders haben. Wir diskutierten viel, um die Filmfigur andersartig zu gestalten. Er war sehr zuvorkommend und hörte sich auch meine Sicht an, wie ich die Filmfigur gestalten und welche Farben ich gerne benutzen würde. Die erste Version des Skripts sah die Figur mit einem rasierten Kopf vor, um eben andersartig zu wirken. Doch brachte er dann die Idee mit den roten Haaren ein, und das passte perfekt.

ON: Man weiss wenig über die von dir gespielte Filmfigur. Machte dies das Schauspiel schwieriger oder einfacher?

Die isolierte Charlotte

Die isolierte Charlotte

CG: Am Anfang war es schwierig. Es brachte mich aus der Fassung, nicht mehr über die Filmfigur zu wissen. Emanuele beantwortete nicht all meine Fragen, und ich hatte viele. Doch wir erfanden meiner Figur eine plausible Vergangenheit. Alles mieche Sinn - sie könnte eine Prostituierte, eine Aristokratin oder aus einer schlimmen Begebenheit geflüchtet sein. Vielleicht wollte mich der Regisseur unsicher haben, da das Leben der Filmfigur es ebenfalls war. Es war seltsam so zu arbeiten, hat aber auch dazu beigetragen, dass ich mich am Set sehr isoliert fühlte.

ON: Magst du diese Arbeitsweise?

CG: Es ist schwierig. Nur schon das Unvermögen, über einige Wochen hindurch ein einfaches Gespräch zu führen, war mühsam gewesen. Es brachte mich in eine verzwickte Lage, da ich der italienischen Sprache wenig mächtig bin. Ich fragte Emanuele, ob ich einen "Voice-Coach" bräuchte, um mein Italienisch zu verbessern. Er aber liess mich eine italienische Zeitung lesen und meinte anschliessend: "Perfekt. Nimm keine Stunden." Ich glaube kaum, dass es ihm bewusst war, wie schwierig für mich es war, als er die Dialoge immer wieder im letzten Augenblick änderte. Ich glaube, er mochte meine totale Unsicherheit.

ON: War die Vorbereitungszeit gegenüber anderen Filmen länger?

Wo ist Charlotte?

Wo ist Charlotte?

CG: Ich fuhr einen Monat vor Drehbeginn nach Buenos Aires zu einer wirklich originellen Drehprobe. Der Regisseur wollte an keiner bestimmten Szene arbeiten. Da das Budget für die Sturmszene begrenzt war - der Film besitzt keinerlei Spezialeffekte oder ähnliches - übten Statisten und Cast eine dazu passende Choreographie ein [Anmerkung d. Redaktion: Stürme auf dem Meer sind im Film nur als Turbulenzen im Innern des Schiffs zu erahnen]. Von Beginn an waren die Proben physisch sehr anspruchsvoll. Wir durften uns nicht unterhalten, aber gegenseitig anfassen. Das war ein spassiges und aussergewöhnliches Vorgehen.

ON: Du scheinst einen Film nach dem anderen zu drehen. Einer deiner nächsten Filmprojekte heisst I'm Not There von Todd Haynes und handelt von Bob Dylan. Was spielst du darin?

CG: Im Film kommen sechs verschiedene Figuren vor, die jeweils irgendeine Facette von Bob Dylan repräsentieren. Ich spiele die Frau einer Figur zwischen 1965 bis 1973. Das Skript ist sehr fesselnd, weil darin auch Musiktexte von Dylan vorkommen. Doch sollte ich lieber nicht zu viel aus dem Nähkästchen plaudern - wir beginnen schon nächste Woche mit dem Drehen.

ON: Bist du ein Bob Dylan Fan?

CG: Oh ja! Schon mein Vater sagte zu mir: "Wenn du dir ein Musikstück kaufst, dann muss es ‘Lay Lady Lay‘ sein." Das war sein Lieblingsstück.

ON: Dein neues Musikalbum ist gerade erschienen. Was fällt einem leichter - das Aufnehmen oder das Schauspielen?

Album Cover "5:55"

Album Cover "5:55"

CG: Im Aufnahmestudio setzte ich mich sehr unter Druck. Niemand erwartete etwas von oder verlangte überhaupt nach mir. Ich war auf mich alleine gestellt. Ich wollte es nur mir recht machen. Anfänglich war ich ziemlich unsicher. Es brauchte seine Zeit, um befreit Vertrauen zu schöpfen und am Vorgang Gefallen zu finden. Dennoch gestaltet sich eine solch persönliche Erfahrung völlig anders und ist viel intimer, denn nie mehr als fünf Personen sind dabei anwesend. Einen Film mit einer Crew zu drehen läuft anders ab. Ich finde Gefallen daran, von jemandem geführt zu werden und seinen Anweisungen zu folgen. Mit dem Musikalbum glaubte ich, sozusagen meinen eigenen Film zu drehen. Man öffnet sich ungemein und gibt viele persönliche Dinge preis. Wobei ich das eine gegenüber dem anderen nicht bevorzuge.

ON: Da Jarvis Cocker dir unter die Arme griff mit den Musiktexten - wie ist es zu vereinbaren, wenn du den Vorgang als eine "persönliche Erfahrung" beschreibst?

CG: Jarvis gliederte sich ungefähr sieben Monaten nach Produktionsbeginn ein. Die Musik war komponiert. So war es ihm möglich, sich in das Musikalbum einzufühlen. Und weil ich schon versucht habe zu schreiben, waren mir die Themen, die ich in Worte fassen wollte, vertraut. Einige Musikstücke hatten schon Titel. Das Wesentlichste war somit vorhanden. Jarvis liess dann meine Gedanken schärfen und meine Worte veredeln.

ON: Wird es ein zweites Musikalbum geben?

CG: Momentan lasse ich mein kürzlich erschienenes Musikalbum auf mich einwirken. Ohne zu wissen, ob tatsächlich Livekonzerte durchgeführt werden, stehen Gedanken über ein weiteres Album noch in den Sternen.

05.09.2006 / rm, ronin