Golden Door - Nuovomondo (2006)
Interview mit Emanuele Crialese

Emanuele Crialese
Die Biennale in Venedig hatte bereits die letzten Tage eingeläutet, als das Gastland Italien triumphierend doch noch einen guten Film willkommen heissen durfte. Man konnte die Erleichterung im Kinos förmlich spüren, als Emanuele Crialeses Nuovomondo gezeigt wurde. Mit viel Applaus wurde der Film empfangen, der inzwischen ins Rennen um den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film geschickt wurde. Crialeses zweiter Film handelt von einem italienischen Bauern, der sich entschliesst, sein Heimatland Sizilien zu verlassen und den Ozean in Richtung USA zu bereisen. Er und seine Familie treffen zuerst eine mysteriöse englische Frau (Charlotte Gainsbourg) bevor sie vom Prozedere übermannt werden, das alle Immigranten auf Ellis Island durchlaufen müssen - dem ersten Halt im Land der Träume und neuen Hoffnungen. OutNow.CH hat den Regisseur in Venedig getroffen.
OutNow.CH (ON): Die Geschichte der Immigranten, welche über den Atlantik reisen, wurde bereits mehrere Male erzählt. Weshalb wolltest du sie erneut erzählen?

Crialese in Venedig
Emanuele Crialese (EC): Ich dachte nicht, dass ich eine Geschichte über Immigration erzählen würde. Ich bin erstaunt, dass sie als solche bezeichnet wurde. In meinem Versuch, eine Geschichte zu erzählen, konzentrierte ich mich vielmehr auf die Charaktere. Das Konzept eines Menschen des "alten Landes". Ich war mehrheitlich daran interessiert, die Metamorphose vom alten zum modernen Menschen zu zeigen. Ironischerweise ist Emigration genau das. In einer sehr kurzen Zeit muss ein Mensch seinen Ursprung, seine Wurzeln, seine Sprache, seine heimische Kleidung los werden und zu jemand Neuem werden.
ON: Warum magst du nicht, dass dein Werk als ein Film über Immigranten bezeichnet wird?
EC: Die menschliche Geschichte zeigt, dass wir immer migriert haben. Wir müssen überleben und tun dies indem wir uns bewegen. Wenn wir uns nicht bewegen, bleiben wir unverändert. Der Weg von der Landwirtschaft zur Industrialisierung war die grösste Bewegung der Geschichte. Der Mensch muss sich dem Fortschritt anpassen. "Immigration" ist ein Wort, das ich nicht mag, da es in einem negativen Sinn verwendet wird. Es ist jedoch ein menschliches Bedürfnis an einen anderen Ort zu gehen, um nicht nur sich selbst zu regenerieren, sondern auch die Gesellschaft, in der man sich befindet. Wir Italiener regenerierten uns an verschiedenen Orten. Mein Film sollte folglich nicht wertend sein. Es ist bloss eine bestimmte Momentaufnahme unserer Gesellschaft.
ON: Wie wusstest du, wo du mit Nuovomondo anfängst und wo ihn enden zu lassen?
EC: Es ist kein intellektueller Prozess, sondern ein instinktiver. Ich habe während sieben Jahren am Drehbuch geschrieben. Ich habe das aufgesaugt, was ich schon seit langem tun wollte. So betrachtet, ist es irgendwie ein intellektueller Prozess, aber kein bewusster. Was mit der Zeit in meinem Kopf zurückbleibt, ist wichtig. Was nicht haften bleibt, ist unwichtig und wird weggeschnitten.

Crialese sagte "Ciao Italia"
ON: Ist die Geschichte von Nuovomondo autobiografisch?
EC: Ich wuchs nicht auf dem Land auf. Ich bin ein Städter aus Rom. Doch jeder von uns ist nicht bloss ein Produkt seines eigenen Lebens, sondern auch der Leben davor. Dies hat nichts mit Reinkarnation oder ähnlichem Mist zu tun. Ich denke aber, dass die Gerüche Siziliens, die Dinge, welche ich im Film eingefangen habe, irgendwohin gebracht wurden. Ich war in Sizilien bloss als Tourist, und doch kann ich es besser auf Film einfangen als Rom. Etwas meines Erbes hilft mir dabei, die Kamera besser einzustellen. Das alles ist jedoch nicht rational erklärbar.
ON: Heutzutage sind ausschliesslich die gut ausgebildeten Immigraten in den reicheren Teilen der Welt willkommen. Haben diese Probleme dich während des Filmemachens beunruhigt?
EC: Ich fühlte mich selbst als Immigrant in Amerika - jedoch als ein sehr privilegierter. Die Seele eines Immigranten bleibt aber schlussendlich dieselbe. Es ist eine sehr ungewöhnliche existenzielle Situation, in der man sich befindet. Auf eine Art betrügst du deine Heimat, da du mit deiner Vergangenheit abschliesst, um dein Glück an einem anderen Ort zu suchen. Irgendwie denkst du, dass du deine Identität verlieren wirst, doch das Gegenteil trifft zu: die Identität wird stärker. Ich fühlte mich zum ersten Mal als Italiener, als ich in den Vereinigten Staaten war. Zuvor wusste ich nicht, was es bedeutet, Italiener zu sein. In Italien war ich mit meinem Volk, meinem Land, meinen Politikern sehr kritisch. In Amerika kamen jedoch nostalgische Gefühle in mir hoch.
ON: Was verbindet dich mit Landschaften?
EC: Dieser Film war die reinste Folter für mich. In einem Studio drehen zu müssen, war ein Alptraum, weil alles gekünstelt aussieht. Ich fühlte mich total verloren, da ich die Natur oder zumindest eine echte Strasse als Referenz oder Drehort benötige. Die Rekonstruktion von Ellis Island war für mich der reinste Horror. Auf der anderen Seite war es eine gute Voraussetzung, um mich selbst in die Lage zu versetzen, als auf Ellis Island die Menschen zum ersten Mal in der Geschichte zu Nummern wurden. Jederman besetzte einen bestimmten Ort. Und ich selbst wurde mitsamt der Kamera dazu gezwungen, mich in diesem gigantischen, künstlichen Set auf ein bestimmtes Gebiet zu beschränken.
ON: Könntest du die letzte Szene des Films erklären?
EC: Ich könnte sie erklären, aber ich denke, ich würde dir etwas stehlen, wenn ich es täte. Jeder sollte seine eigene Interpretation zulassen. Meine Lieblingsgeschichten sind die mythologischen, weil in diesen nicht alles perfekt erklärt wird.
ON: Sind die Fotos, die im Film gezeigt werden, echt? Die mit dem riesengrossen Gemüse drauf?
EC: Ja. Sie stammen aus der Zeit, als die Fotografie gerade ihre ersten Schritte tat und man hatte damals noch mit der Technik experimentiert. Stell dir mal die Bauern in Italien vor, als sie diese Bilder gesehen haben. Ein Auto, eine Frau und ein Mann auf dem Rücksitz eines riesengrossen Eies. Sie haben sich bestimmt über die Grösse des Hintern des Huhns, das ein solch grosses Ei legen kann, gewundert.
ON: Wie hast du Charlotte Gainsbourg für dein Projekt gewinnen können?
EC: Respiro war in Frankreich ein grosser Erfolg, so dass es einfach war. Ich hatte bereits an sie gedacht, als ich das Drehbuch fertig geschrieben hatte. Wir haben uns getroffen, und sie sagte zu.
ON: Warum hattest du an sie gedacht?
EC: Ich brauchte ein fremde Person. Ich wollte mit jemandem zusammenarbeiten, der nicht denselben kulturellen Background wie ich haben würde. Zudem mochte ich sie äusserlich. Charlotte hat diese "Giacomettische Figur". Sie ist sehr gross und dünn, im Gegensatz zu all den anderen Schauspielern aus dem Süden Italiens - also ein visueller Kontrast. Sie bewegt ihre Hände nicht ständig, wie dies die Italiener tun. Sie ist mysteriös. Deshalb habe ich sie gewählt.
ON: Mit Vincenzo Amato hast du bereits zum dritten Mal zusammengearbeitet.
EC: Ich muss die Möglichkeit haben, Zeit mit Schauspielern verbringen zu können, ohne dass es mir dabei langweilig wird. Zuerst inspiriert mich also die Person und erst dann der Schauspieler. Mein persönlicher Stil ist, mit Personen zu arbeiten und nicht mit Schauspielern. Wenn mich jemand langweilt, kann ich ihm oder ihr nicht helfen. Das ist ganz einfach meine Methode. Es gibt unzählige brilliante Schauspieler rund um den Erdball, und doch wäre es für mich unvorstellbar mit ihnen als Persönlichkeiten arbeiten zu müssen. Vincenzo Amato ist nicht wirklich ein Schauspieler. Er ist ein visueller Künstler, der in New York City Skulpturen erschafft. Wir haben uns getroffen, als wir beide Studenten in New York waren. Er inspiriert mich. Wir sind sehr gute Freunde. Wir sind zusammen aufgewachsen, also kenne ich ihn sehr gut. Ich weiss, wie ich ihn so manipulieren kann, um das von ihm zu bekommen, was ich von ihm bekommen kann.
ON: Was unterscheidet deinen ersten Film von Nuovomondo?
EC: Respiro wurde nach Nuovomondo geschrieben. Ich ging nach Lampedusa nachdem mir bewusst wurde, dass Nuovomondo viel zu teuer werden würde. So habe ich einen anderen Film geschrieben. Er wurde produziert, war ein Erfolg und nun bin ich also hier. Respiro hat zwei Millionen Euro gekostet. Nuovomondo kostete 14 Millionen. Er wurde mit europäischen Geldern finanziert.
ON: Ist das ein Grund dafür, weshalb wir nie die amerikanische Freiheitsstatue zu sehen bekommen, weil die Amerikaner kein Geld locker gemacht haben?
EC: Nein. Sie sehen sie nie, weil sie nie wirklich in den USA ankommen.





