Emmas Glück (2006)

Interview mit Jördis Triebel und Sven Taddicken

Sven Taddicken

Sven Taddicken

Emmas Glück von Sven Taddicken über eine allein lebende Schweinzezüchterin vereint Ernstes mit Skurilität. Emma behandelt ihre Schweine liebevoll bis zum letzten Tag und schlachtet sie auf ihre ganz eigene, zärtliche Art. Unverhofft landet der gestresste Stadtmensch und Autoverkäufer Max, gespielt von Jürgen Vogel, auf ihrem Bauernhof... Für ihre Titelrolle bekam Jördis Triebel den Förderpreis Deutscher Film 2006.

Jördis Triebel

Jördis Triebel

OutNow.CH traf Jördis Triebel und Sven Taddicken gleich nach der emotional aufwühlenden Schweizer Vorpremiere. "Schweinisch gut", lautete das Urteil des Zürcher Premierenpublikums. An einem schönen Sommertag machte man es sich auf der Terasse gemütlich kurz vor dem Rückflug der beiden Deutschen nach Berlin. Die Schweizer Promoaktivitäten waren für die beiden als Eintagestrip zu bewältigen. Morgens hin, abends zurück. Trotz seines leichten Schnupfens wirkten die beiden aber gut aufgelegt und wenig gestresst.

OutNow.CH (ON): Beginnen wir mit dem Stoff. Emmas Glück war zuerst ein erfolgreiches Buch - Sven, wie kamst Du zu der Geschichte?

Sven Taddicken (ST): Die Produktionsfirma 'Wüste Film' hatte meinen ersten Film Mein Bruder, der Vampir gesehen, und von da weg wollten wir gemeinsam etwas machen; wir begaben uns auf Stoffsuche. Glücklicherweise hatten die Leute von Wüste Zugang zu dem Roman, bevor er überhaupt veröffentlicht wurde. Die Geschichte hat mich sehr berührt, und so haben wir quasi als Paket versucht, die Rechte von der Autorin Claudia Schreiber zu bekommen. Das war nicht ganz einfach, aber im Endeffekt hat es geklappt.

ON: Claudia Schreiber hat ja dann am Drehbuch mitgearbeitet?

"komischer junger Regisseur"?

"komischer junger Regisseur"?

ST: Das war so: Claudia und ich haben uns während einer Woche in Köln getroffen, um eine Art Dramaturgie für den Film auszuarbeiten. Konkret hat diese Arbeit für den Film nicht viel gebracht, weil wir vieles wieder umwerfen mussten. Aber für mich war das sehr hilfreich, denn ich wusste nun, woher die Ideen kamen, und worum es ging. Und für sie war es wohl auch nicht so schlecht, sich mal diesen komischen, jungen Regisseur anzuschauen, der ihr Buch verfilmen würde. Wir entschlossen uns dann aber, eine Profischreiberin beizuziehen, und Ruth Thoma hat dann nochmal von vorne begonnen und das Drehbuch geschrieben, mit unser beider Mitwirkung sozusagen.

ON: Der Film hält sich ja doch ziemlich genau ans Buch.

Jördis Triebel (JT): Das sehen nicht alle so - ich hab auch schon gehört, das sei ja nun eine ganz andere Geschichte. Das hat natürlich mit den Schauspielern zu tun - bei der Lektüre stellt man sich bestimmte Gesichter vor, und da fragen sich die Leute - warum ist der Max denn jetzt so, und warum ist die Emma fünfzig Jahre jünger. Aber den Geist des Romans haben wir meiner Meinung nach sehr gut getroffen, auch wenn sich der Film stark vom Buch abhebt - nämlich eine Geschichte über das Sterben so zu erzählen, dass viel über das Leben erzählt wird. Es bleibt ein Melodram mit komischen und absurden Situationen. Was wir weggelassen haben, waren die Rückblenden, die brachten für den Film nichts. Auch die innere Reflektion, die ja den Charme des Buches ausmacht, mussten wir zum Teil weglassen. Im Buch gibt es zum Beispiel eine wunderschöne Stelle, als Emma den Max aus dem Auto zieht, und am Geruch seiner Achselhöhle erkennt: Das ist ihr Mann. Das ist literarisch sehr schön, eine Liebe einfach so zu behaupten, aber im Film geht das nicht, man wird auf das Beobachten zurückgeworfen. Ich musste genauer erzählen, wie sich die beiden verlieben.

ON: Mich interessiert dieses Nebeneinander von Komik und Tragik. Gibt es eine filmische Methode oder einen technischen Ansatz, wie man Humor und Tragödie nebeneinander verwaltet?

JT: Schwer zu sagen, es gab jedenfalls kein Konzept. Aber wenn man von Humor spricht, dann denke ich zum Beispiel an Hinnerk Schönemann, der den Henner spielt. Der nimmt das sehr ernst, er ist verliebt und leidet, aber im Kontext erhält das eine komische Dimension. Aber es war sicher nicht so, dass wir sagten - OK, heute machen wir einen Slapstick-Tag, und morgen dann wieder Melodram. Das Nebeneinander war ein langer Prozess, der schon beim Schreiben der Dialoge und bei der Besetzung anfing.

ON: Stichwort Besetzung - Jördis, wie hast Du diese Emma, die ja auch eine komische Figur ist, kennengelernt?

... hat viel Schwein

... hat viel Schwein

JT: Thema Komik, hm. Emma hat halt eine skurrile Art neben der tragischen Dimension, neben dieser Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft, sich als Frau fühlen zu wollen, und nicht nur auf dem Mofa [das im Film als Orgasmushelfer auf Holperwegen dient; die Red.] und dem Schwein... Was sag ich da, Schwein, davon wusstet ihr ja alle nichts [lacht]. Aber ja, im Leben gibt's ja auch beides nebeneinander, wenn diese Leichtigkeit nicht wäre, hätten wir uns alle schon umgebracht. Als ich den Film zum ersten Mal sah, habe ich gemerkt, es funktioniert - aber das habe ich auch schon während den Dreharbeiten, eigentlich schon bei der Lektüre gemerkt.

ON: Die Dialoge, insbesondere die Texte von Emma, sind ja sehr geschriebene Texte - abgehackte Sätze, die nicht wirklich einer natürlichen Rede entsprechen. Wie spielt man mit einer solchen Sprache?

JT: Ich fand das gut. Ich musste mich fragen - wie spricht denn eigentlich ein Mensch, der nicht spricht? Da war diese Kunstsprache für mich die richtige Lösung, als Fund zu dieser Figur, dass sie die Worte ausformt, und dabei trotzdem knapp bleibt.

ON: Diese Dialoge betreffen ja auch die Zusammenarbeit mit Jürgen Vogel.

JT: Auf jeden Fall. Schon beim gemeinsamen Casting ging es ja darum, ob wir beide zusammen passen, ob wir als Liebespaar funktionieren würden. Wir haben dann festgestellt, dass wir eine recht ähnliche Arbeitsweise, eine gemeinsame Sprache haben. Und ich war sehr dankbar, jemanden mit so viel Erfahrung an meiner Seite zu haben.

ON: Auf der anderen Seite - wie war die Arbeit mit den Schweinen?

Sie waren begeistert von der "schweinischen Grundatmosphäre".

Sie waren begeistert von der "schweinischen Grundatmosphäre".

JT: Toll. Die Schweine haben auf diesem Hof eine Grundatmosphäre geschaffen, die auch für mich als Debütantin im Filmbereich hilfreich war - weg vom Kopf, weg vom Intellekt. Dadurch wurde das ganze Set geerdet - etwa, wenn man arbeiten wollte, die Schweine aber nicht. Da mussten wir zum Teil schon Stunden in der Sonne brutzeln, bis das Schwein dann mal gemacht hat, was es machen sollte. Aber es gab auch viele Überraschungen, wir haben viel gelacht. Vorher kannte ich mich mit Schweinen nicht so aus, ich musste mich da schon reinarbeiten. Auch bei trainierten Schweinen kann man nicht einfach hingehen und sagen, du bist niedlich, lass uns mal eine Szene zusammen spielen. So ein Schwein hat viel Kraft und einen riesigen Willen, da muss man hart durchgreifen. Aber es ist natürlich toll, wenn man eine Bäuerin spielt und morgens in den Stall gehen kann, wenn der Tag wirklich auf diese Weise beginnt.

ON: Sven, wie war für dich die Arbeit mit den Schweinen? Nicht manchmal ein drohender Kontrollverlust?

ST: Tiere machen doch in erster Linie Spass. Es wird einfach dann kompliziert, wenn die Tiere nicht nur Tiere spielen sollen - hier sollten sie ja auch dieses volle Vertrauen in Emma zeigen, so dass Emma diese Tiere fast hypnotisch unter Kontrolle hat, dass sie sich zu ihr legen. Aber normalerweise legt sich ein Schwein nur hin, wenn es schlafen will. Und so war das dann halt - wir mussten lange warten, bis sich Schnitzel, oder wie hiessen die denn alle [überlegt] ein Wilhelm war da noch [lacht], und Survivor, der war auch da. Bis die halt müde waren, anders ging das nicht.

ON: In einem Film, in dem es um das Sterben, um Menschen und um Tiere geht, stellt sich ja - zumindest so wie ich den Film gesehen habe - auch die Frage der Wiedergeburt. Kann man Emmas Glück buddhistisch sehen?

ST: [zu Recht irritiert] Das müsste ich jetzt schon erläutert haben.

ON: Nun ja, äh, also Natur, Kreislauf, solches Gedankengut halt.

"Bei der piepts wohl", denkt der Vogel.

"Bei der piepts wohl", denkt der Vogel.

JT: Ich glaub, ich versteh die Frage. Das Thema Tod ist ja ein unangenehmes Thema, das man gerne ausblendet. Ich war zur Vorbereitung zum Film drei Wochen auf einem Bauernhof, und da hab ich zum ersten Mal diese Prozesse mitbekommen, die sich um Geburt und Tod drehen und gemerkt, wie natürlich diese Vorgänge sind. Ich hab festgestellt, dass Veränderungen nur passieren können, wenn man sich von etwas trennt. Das hat mich auch immer an der Figur der Emma fasziniert - dass sie ihre Schweine gleichzeitig liebt und umbringt, sie liebevoll in den Tod begleitet. Das hat schon was leicht Religiöses, aber es ist halt wirklich so - um sich von etwas zu verabschieden, das man liebt, ohne in abgrundtiefe Trauer zu verfallen, muss man in erster Linie froh sein, dass es jemals da war, dass man es für immer in sich trägt. War das die Antwort auf die Frage?

ON: Ich hatte keine bestimmte Antwort erwartet - aber danke. Stichwort Tod; wie sieht ein Spannungsbogen für einen Film aus, der mit einer Sterbeszene und einem zweiten, angekündigten Tod beginnt?

ST: Die Frage ist ja nicht, ob man stirbt, sondern wie. Darauf konzentriert sich der Film. Wir haben lange über den Anfang des Films diskutiert, und mir gefällt diese Lösung, dass man das Publikum vor Tatsachen stellt und sagt: Da kommt was auf euch zu. So stellt sich die Frage, wie wird der Tod entstehen, was für eine Rolle wird er spielen?

ON: Lassen wir die Frage offen - danke für das Gespräch. Gabs sonst noch was, das ihr loswerden wolltet?

JT: Ich grüsse meine Oma [lacht].

28.07.2006 / juz