Dave Chappelle's Block Party (2005)

Interview mit Michel Gondry

Michel Gondry

Michel Gondry

Der französische Filmer Michel Gondry wurde bekannt durch seine Videos mit Björk, den White Stripes und vielen anderen mehr, für die das Prädikat "mind-blowing" geradezu erfunden worden zu sein scheint. So gilt er auch als einer der prägenden Figuren bei der Entwicklung des "Bullet Time"-Effekts, der später mit den Matrix-Filmen weltberühmt wurde. Seine Name findet oft Erwähnung, wenn es um Clip-Künstler geht, die sich mit Spielfilmen etablieren konnten. Für Eternal Sunshine of the Spotless Mind gewann Gondry sogar einen Oscar für das beste Drehbuch.

An der Berlinale 2006 hatte Gondry gleich zwei Filme im Programm. Die Musikdokumentation Dave Chappelle's Block Party und die Weiterführung seiner Traumweltenoptik in The Science of Sleep. Er fiel aber auch damit auf, dass er mit seiner Leica alles fotografierte, was im vor die Linse kam. Die kleine Digitalausgabe des Kultfotoapparats lag so auch auf dem Tisch beim Gespäch mit OutNow.CH, dass von unserer Seite in gebrochenem von seiner Seite in geschliffenem Französisch geführt wurde.

OutNow.CH (ON): In deinen Spielfilmen wie The Science of Sleep und Eternal Sunshine of a Spotless Mind bewegst du dich oft in in irrealen Traumwelten. Wie war es deshalb einen Dokumentarfilm wie Dave Chappelle's Block Party zu drehen?

Michel mit Leica

Michel mit Leica

Michel Gondry (MG): Wenn ich einen Film über eine oder zwei Personen drehe, kann ich mir erlauben, innerhalb dieser Person zu forschen. Wenn ich aber über eine ganze Gemeinschaft einen Film machen, kann ich nicht in alle Köpfe hineinschauen. Ich bin deshalb gezwungen, den Stil zu ändern. Ich habe mich lange gefragt, warum diese Musiker gerade mich gefragt haben, um ihr Konzert aufzunehmen. Und weil es gerade nicht mein gewohntes Genre war, bin ich gezwungen gewesen, selber mit den Möglichkeiten zu experimentieren. Ich glaube aber, dass sie mit dem Resultat zufrieden sind. Mir lag nichts daran, etwas Surreales zu gestalten oder viele Effekte einzusetzen. Ich wollte, dass die Kraft und Qualität der Musik vermittelt wird und die Öffnung dieser Gemeinschaft für die Welt, die Einladung, ihre Leidenschaft zu teilen, zu spüren ist.

ON: Erkennt man denn Michel Gondry noch in Dave Chappelle's Block Party?

MG: Es hat effektiv keine Spezialeffekte. Ich hoffe aber, dass ich nicht nur als jemand wahrgenommen werde, der spezielle visuelle Ideen fabriziert. Generell versuche ich, die Leute auf einer Ebene zu filmen, die sich zwischen ihnen als Person und den Thema des Films befindet. Weder darf ein Spezialeffekt die Person, noch die Persönlichkeit den technischen Aspekt eines Film in den Hintergrund drängen. In diesem Film sollten die Konzertbesucher genau gleich gefilmt werden wie die Superstars auf der Bühne.

ON: Diese Empathie für die Figuren spürt man gut. Steht da ein Konzept dahinter?

Michel mit Mamma

Michel mit Mamma

MG: Ich denke darüber sicher nach, aber das rührt daher, dass ich die Videoclips nie mochte, in denen die Leute sehr anmassend waren. Davon gab es vor allen Ende der Achtziger sehr viele - eine Haltung, die Models auf dem Laufsteg haben, welche immer dreinschauen, als wäre das Publikum der letzte Dreck. Auch diese Vorher-Nachher-Fotostrecken in den Modeheften gefallen mir nicht. Zuerst hat man ein natürliches Mädchen, das lächelt. Danach ist sie geschminkt und zieht einen Lätsch. Vorher haben sie mir meist besser gefallen. Daran habe ich mich auch beim Film orientiert. Ich mag dieses Lackierte nicht. Wenn ich die Möglichkeit habe, Menschen zu filmen, versuche ich sie ohne diese Künstlichkeit zu rappräsentieren. Meinen ersten Rap-Clip machte ich vor etwa zehn Jahren für IAM. Die Gruppe hatte das Image von harten "Posern". Als ich sie kennengelernt habe, waren das angenehme Typen aus Marseille. Die waren viel lustiger, als man sie oberflächlich wahrgenommen hat. Und so wollte ich sie auch filmen. Ohne Fassade.

ON: Wie bist du an das Projekt Block Party herangegangen?

MG: Der Auftrag war, das Konzert zu filmen und daraus einen Film zu machen, den man im Kino zeigen konnte. Man sollte das Konzert miterleben können, was ist leider auf DVD nicht möglich. Ich wollte auch einen Dokumentarfilm machen, der eine Geschichte erzählt, aber keine die ich gestalte, sondern der ich einfach folge. Ich ging nach Ohio mit, wo Dave Chappelle lebte, zeigte ihn, wie er mit Menschen redet und sie zum Konzert einlädt. Auch die Jugendmusik, die sich freut auf der Bühne spielen zu können. Das war alles Zufall. Das hatte ich nur dank einem kleine Team unter Kontrolle, das flexibel reagieren konnte.

ON: Deine Video Clips sind auch als DVD erschienen. Die Compilations unter dem Titel "Directors Label" ermöglichen es erstmals, einen ganzen Katalog eines Clipsregisseurs zu erforschen. Wie kam es zu dieser Idee?

MG: Wieso? Findest du es etwa eine schlechte Idee?

ON: Überhaupt nicht.

Michel mit Gael

Michel mit Gael

MG: Voilà. Ich habe mit Spike Jonze ausführlich darüber geredet, aber ich fühlte mich lange noch nicht bereit dazu. Erst als wir auch Chris Cunningham dabei hatten, fühlte ich mich wohler mit der Idee. Als ich dann alle meine Clips zusammen gesehen habe, stellte sich eine gewisse Zufriedenheit ein. Ich habe ja doch etwa zehn Jahre meines Lebens in Clips investiert und in der Zeit auch drei bis fünf Filme drehen können. Das bereute ich fast ein bisschen. Als ich aber mein Gesamtwerk sah, waren das dann doch fast vier Stunden und deshalb durchaus mit ein, zwei Spielfilmen vergleichbar. Wenn man alle Videos nebeneinander betrachtet, gibt es doch eine künstlerische Form zu entdecken, die ich entwickelt habe, und die man wieder entdecken kann, obwohl ich mit unterschiedlichen Künstlern zusammengearbeitet habe. Die Arbeit an den Extras hat mich dann auch dazu inspiriert Science of Sleep zu realisieren. Ich habe mir gesagt, ich werde erforschen, was mich beschäftigt, und daraus einen Film machen.

ON: Wird die Serie fortgesetzt werden?

MG: Es gibt momentan eine zweite Tranche und eine dritte ist geplant. Vielleicht mit Mike Mills, Roman Coppola, Jean-Baptiste Mondino. Aber definitiv ist noch nichts.

ON: Deine Filme sind narrativ und formal sehr aussergewöhnlich. Gibt es dafür Vorbilder?

MG: Ich mag amerikanische Komödien, die etwas surreal sind. Ich mag Back to the Future und Groundhog Day furchtbar gerne. Das sind Filme mit Massenappeal, hinter denen sich aber trotzdem ein intelligentes Konzept befindet. Solche Filme gefallen mir besser als der typische Independent Film, der zwar behauptet independent zu sein, aber gleichwohl genau so codiert ist, wie alles andere. Wobei ich nicht sagen will, dass alle Indiefilme gleich sind. Ich möchte aber nicht zu einem bestimmten Genre zugeordnet werden. Ich liebe zum Beispiel auch die französischen Komödien aus den Siebzigern mit Louis de Funès oder Pierre Richard wie Le Distrait oder Le Moutarde me monte au nez. Das waren sehr populäre Komödien während meiner Kindheit. Und ich habe versucht, dies in The Science of Sleep ein bisschen wiederzubeleben in den Szenen mit den Bürokollegen von Gael García Bernal.

ON: Warum drehen sich deine Filme immer um die Liebe?

Michel mit Oscar

Michel mit Oscar

MG: Es stimmt, dass ich romantische Geschichten mag. Vielleicht ist es, weil ich Popmusik liebe, wo auch drei Viertel der Lieder von dem Problemen mit der Liebe handeln. Ich hätte sicher Mühe beim Drehen eines Politfilms, weil man sich da auf viel Recherche beruhen muss. Einen Gangsterfilm zu drehen interessiert mich überhaupt nicht. Die Leute, die solche Filme machen, wissen doch gar nicht wovon sie reden. Liebesgeschichten hingegen hat jeder am eigenen Leib erfahren. Ich hatte mal eine Pistole in meinem ersten Film. Ich habe mir aber geschworen, sie niemals wieder zu verwenden.

ON: In Science of Sleep hast du diese physikalischen Tricksereien und optischen Täuschungen, die man mit den eigenen Händen nachmachen kann. Musstest du die wirklich der ganzen Welt zeigen? Das sollten doch nur im kleinen Kreis der Eingeweihten bleiben.

MG: Das sind Kleinigkeiten, die magische Momente verkörpern. Wie als ich in der fünften Klasse von meinem damaligen Schwarm zum ersten Mal mit Vornamen angesprochen wurde, oder wir uns zum ersten Mal berührten. Für mich sind das wichtige Momente. Wie auch die Tatsachen, die sogar wissenschaftlich erforscht ist, dass man sich auch dem Trottoir immer in die gleiche Richtung bewegt, wenn sich zwei Menschen eigentlich aus dem Weg gehen sollten. Eigentlich banale Dinge, die man vielleicht deshalb nie in Filmen sieht.

15.02.2006 / rm