Dear Wendy (2005)
Interview mit Thomas Vinterberg

Thomas Vinterberg ist einer der Gründer der Dogma95-Bewegung. Der schöne Däne war bestens aufgelegt, als er sich mit OutNow.CH an der Berlinale 2005 traf. Er konnte mit uns mitfühlen, da sein Vater auch als Journalist am Festival tätig ist. Nicht um Stress ging es dann im eigentlichen Gespräch, das er in bestem American English abhielt, sondern um seinen Freund Lars von Trier, die Faszination von Waffen und warum er genug hat von Dogma.
OutNow.CH (ON): Woher stammt die Idee zu Dear Wendy?
Thomas Vinterberg (TV): Lars von Trier hatte sie. Er schrieb das Drehbuch, war dann aber bald einmal besessen von der Idee, Linien am Boden zu zeichnen und es passte ihm nicht mehr ins Konzept. Er war es, der es mir zum Drehen vorschlug. Als ich wissen wollte wieso, sagte er, ich könne dem ganzen Leben einhauchen. Wir arbeiten auf eine sehr unterschiedliche Art und Weise. Die Idee hinter der Übung war deshalb, das Beste aus beiden Welten zu vereinen.
ON: Wie hast du auf die Gewalt im Drehbuch reagiert?

Thomas Vinterberg
TV: Neben der interessanten, provokativen aber auch unterhaltenden und lustigen politischen Allegorie als die man es betrachten könnte, spürte ich, dass der Film von jungen, verletzlichen Menschen handelt, die etwas grösseres erreichen möchten in ihrem etwas grauen Alltag. Eine ziemlich traurige Geschichte also. Sie waren in einer ersten Fassung mitte Dreissig. Als erstes habe ich sie halb so alt gemacht. Die Verletzlichkeit war sehr wichtig für den Film, damit er nicht komplett zynisch und nur allegorisch wurde.
ON: Bezieht sich die Allegorie nur auf die Vereinigten Staaten?
TV: Nicht nur. Waffengesetze und ähnliches sind ein brisantes Thema. Der Wunsch nach Waffen ist aber universell. Und Friedensicherung nicht nur ein amerikanisches Thema, sondern eines der ganzen westlichen Welt. Natürlich ist es eine Auseinandersetzung mit der amerikanischen Gesellschaft. Sie ist an der Spitze aller westlichen Gesellschaften.
ON: Was meinst du damit?
TV: Sie gehen voran in der Kultur, in der Politik, in den Wissenschaften. Sowohl im guten als auch im schlechten. Sie sind auch immer zuerst mit einem McDonalds. Ich wuchs weit entfernt von Amerika auf, hatte aber einen Hamburger in der einen und einen Basketball in der anderen Hand. Offensichtlich spielen viele Filme in den USA, welche Amerika in Frage stellen, Amerika feiern und Amerika beleidigen. So wurde das Land Teil unserer imaginären Weltsicht. Ich hoffe mein Film wird nicht nur als ein arroganter Fingerzeig auf die amerikanische Gesellschaft gewertet. Das griffe zu kurz. Ich erhoffe mir mehr und dass er bei den Amerikanern nicht auf eine falsche Art und Weise aneckt.
ON: Stimmt es, dass Lars von Trier nie in den USA war und auch nie dorthin gehen will?
TV: Er schafft es einfach nicht. Du kennst ihn nicht. Er ist benebelt durch eine ganze Reihe von Medikamenten. Es geht einfach nicht.
ON: Weshalb ist er trotzdem fasziniert von Amerika?
TV: Das Land wurde mit der Zeit zum Mythos, wie schon gesagt vor allem durch die Filme. Für Lars ist es noch mythologischer, weil er es nur aus Filmen kennt. Ich war mal da. Das schmälert die Faszination ein wenig. Er hingegen nicht. Für ihn ist es ein Land aus seiner Fantasie.
ON: Hindert einen das nicht beim Drehbuch schreiben? Oder hat man so mehr Freiheiten?
TV: Es kann inspirierend sein, wenn man etwas nicht kennt. In etwas so wie beim Masturbieren. Die Leute haben viel schöneren Geschlechtsverkehr, wenn sie masturbieren, als im richtigen Leben. Ich denk Lars' Amerika ist viel interessanter als das richtige Amerika. So gesehen ist es sehr ermutigend für ihn, dass er noch nie da war. Es ärgert und irritiert viele. Man kann es aber so oder so sehen.
ON: Weshalb hast Du den Film gedreht, obwohl er weder von Dänemark noch einem anderen europäischen Land handelt?
TV: Es gab für mich keinen Grund, darüber zu diskutieren, dass er in Amerika spielt. Es ist wie die Wahl einer Farbe. Etwas, dass man einfach in sich spürt. Es ist deshalb schwierig darüber zu diskutieren.
ON: Die Situation war deshalb wichtig?
TV: Die politische Allegorie, wie ich es nenne, war wichtig. Lars wollte in anderen Worten einfach rot malen. Dasselbe gilt für die Zombies. Jemand fragte ihn mal, als ich neben ihm sass, weshalb die Zombies. Er antwortete, dass er in seinem Kopf eine schwarze Kiste mit Sachen hat, die er auf Film bannen möchte. Und jetzt waren da halt ein paar Zombies drin. So einfach ist das. Anstatt aus Arroganz und Schuldzuweisung ist es vielleicht aus einer tiefen Faszination heraus geschrieben worden.
ON: Wie gefiel dir Elephant von Gus van Sant?
TV: Ich liebte diesen Film. Lustigerweise werden uns immer dieselben Drehbücher angeboten. Ich sah den Film zusammen mit Gus. Er zeigte ihn mir in New York, bevor er in die Kinos kam. Ich war dabei für Dear Wendy zu casten. Ich sagte ihm, er werde die Goldene Palme gewinnen. Was er denn auch tat. Dasselbe sagte ich auch einmal zu Lars, der mich dafür hasste. Ich denke Dear Wendy ist sehr viel vulgärer als Elephant. Elephant ist rein wie ein Kristall. Mein Film ist ein Porno im Vergleich, was eine ganz andere Qualität ist. Wenn meine Figuren in Zeitlupe erschossen werden mit "Glory, Glory Hallelujah" im Hintergrund, ist das vulgär. Aber ich mag das.
ON: Was ist deine Meinung zu den Filmen von Michael Moore?
TV: Moores Filme sind weniger objektiv. Meiner Meinung nach sind sie schlimmer als der Wahlkampf von George W. Bush. Grossartige, sehr unterhaltsame Filme, die Sachen zeigen, die wir noch nie gesehen haben. Es sind deshalb wichtige Filme. Aber sehr manipulativ.
ON: Betrachtest du Dear Wendy als Satire?
TV: Ja.
ON: Da du aber ungern moralische Meinungen äusserst, ist Satire trotzdem ok?
TV: Satire finde ich grossartig. Sie ist provokativ, aber nicht moralistisch. Das mag ich.
ON: Wie wurde dein Film am Sundance Filmfestival aufgenommen?

Dressman Vinterberg
TV: Wir schummeln ein bisschen, wenn wir Sundance mit dem restlichen Amerika vergleichen. Lass es uns trotzdem tun, weil die Reaktion grossartig war. Er wurde sehr lebendig aufgenommen, was mir wichtig war. Der politischen Aspekt des Films ist nur das eine. Der kann diskutiert werden. Er provoziert oder bringt die Leute zum Lachen. Einige werden ihn albern, kindisch oder dumm finden. Da ist aber auch die andere Seite. Es war mir wichtig, dass der Film auch dramatisch so gut als möglich funktioniert. Anstatt nur ein gedankliches Experiment zu sein, folgen die Leute den Figuren und fühlen mit ihnen. Das ist nicht einfach in einem Film voller Ironie und Off-Ton. Es gab tosenden Applaus am Ende. Es war deshalb ein fantastisches Screening. Ich bin aber sicher, dass es im Publikum auch Leute gab, die den Film hassten. Einige Journalisten verliessen den Raum und sagten es sei unverantwortlich. Unglücklicherweise kratzten sich wahrscheinlich auch einige am Kopf. Das ist wohl die schlimmstmögliche aller Reaktionen, die ich kriegen kann.
ON: Denkst du nicht, dass es etwas Gutes hat, wenn ein Film Fragen offen lässt?
TV: Vielleicht sollte ich so denken. Ich habe aber Angst vor dieser Reaktion. Für mich ist es gleichbedeutend mit Versagen. Vielleicht liege ich falsch. Viele haben mir gesagt, dass sie immer noch über den Film nachdenken. Vielleicht ist das in einem gewissen Sinne auch ein Kompliment.
ON: Woher hast Du dir das Wissen über die Pistolen geholt?
TV: Aus Büchern und anderen Quellen. Ein Teil des Materials, das sie im Film angucken, war dasselbe, das ich mir anschaute.
ON: Zeigt der Film reelle Situationen mit Schusswaffen? Um die Ecke Schiessen und andere geometrische Kalkulationen, die am Schluss zu sehen sind.
TV: Indirekte Schüsse sind machbar, man kann sie aber nicht berechnen. Das ist reine Fiktion. Den Winkel vorherzusagen, ist unmöglich. Blind Schiessen? Ich denke nicht, dass das funktioniert. Es gibt aber vieles, was sich mit Pistolen anstellen lässt?
ON: Wie liegt der Fall beim Töten des Scharfschützen mittels einer Pistole aus dem vorletzten Jahrhundert?
TV: Das ist möglich. Sie hat ein sehr schweres Projektil, das viel Energie mit sich bringt, wenn es Dich trifft. Man schoss auch ziemlich flach. Es war deshalb kein Durchschuss. Die Wucht des Schusses bleibt deshalb innerhalb des Körpers. Das bringt die letztendlich um. Woran du stirbtst, nennt sich Kavität. Die Schockwellen höhlen den Körper aus. Man kann verbluten, das ist aber eher selten. Das Prinzip ist dasselbe, wenn du einen Stein ins Wasser wirfst.
ON: Ist die Pistole aus deiner Sicht ein sexuelles Objekt?
TV: In diesem Film und vielleicht auch im richtigen Leben gibt es eine sehr enge Beziehung zwischen der Schusswaffe und dem Menschen. Die Symbolik beim Schiessen ist offensichtlich. Beim Halten einer Pistole stellt sich dieses gewisse Etwas im Gefühl ein - etwas interessantes, dreckiges und vulgäres. Der ganze Aufbau von Dear Wendy ist zutiefst sexuell. Sie müssen es ständig, ständig unterdrücken und wenn sie endlich losballern dürfen, explodieren sie selber. Einen alten Linken wie mich hat das seltsamerweise sehr befriedigt. Ich schämte mich ein bisschen dafür.
ON: Verfolgst Du noch, was sich im Bereich Dogma tut?
TV: Schaut es so aus? Er prustet los und zitiert aus den Dogma-Regeln. Du darfst keine Waffen benutzen.
ON: Ich meinte, die anderen verfolgen, die solche Produktionen machen?
TV: Wir haben das ja nicht erfunden. Fast alle Artisten oder Filmemacher reagieren auf etwas um etwas zu kreieren. Das haben wir auch mit Dogma so getan. Wir nahmen alle gängigen Konventionen des Filmemachens und verboten sie. Aus unserer Sicht, nach Jahren des Erfolgs - auch kommerziell - ist Dogma nun selber eine Konvention geworden. Dogma wurde ein Stilmittel, eine Marke. Dass man heute vom Dogma-Stil spricht, ist fast schon ironisch. Es ist deshalb nur natürlich, dass wir jetzt dagegen agieren. It's all about Love war die erste Reaktion gegen Dogma. Dear Wendy ist Lars' Reaction, in dem er so viele Schusswaffen wie nur irgendwie möglich benutzt. Es wäre aber schön, einmal darauf zurückzukommen. Vielleicht nicht gerade mit einem Dogma-Film. Das wäre nur schnödes Streben nach Erfolg. Aber sich nochmals damit befassen, als eine Art Reinigung wäre nötig bei mir.
ON: Das alles trotz des immensen Erfolges, der Dogma nicht nur für den dänischen Film bedeutete, sondern für ganz Europa?
TV: Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Leute immer noch inspiriert und ermutigt werden durch Dogma. Das ist grossartig. Das erste, was Lars mich fragte, als er mich damals anrief war: "Willst Du eine Welle erschaffen?". Ich sagte zu. Es ist mittlerweile wirklich zu einer kleinen Welle geworden. Wir haben damit aber abgeschlossen. Für uns muss es etwas anderes sein jetzt. Wir wollen an Grenzen stossen. Wir dürfen uns deshalb nicht wiederholen. Es muss etwas sein, das wir noch nicht wagten. Ein gewisses Risiko muss damit verbunden sein. Ansonsten bist du nicht wachsam und nicht auskundschaftend. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was sie in Hollywood machen.
ON: Das Risiko bei Dogma war auch gross, aber es funktionierte.
TV: Ja. Das Risiko bei It's all about Love war auch gross, aber es funktionierte nicht. Für die einen zwar schon.
ON: Was ist deine Meinung zu jungen Filmemachern ohne viel Geld, die einen Film unter dem Dogma-Gelübde drehen.
TV: Das ist fantastisch. Ich erinnere mich, dass Lars und ich davon sprachen, dass wir uns Film nicht leisten konnten und deshalb Digital drehten. Es hat den Prozess demokratisiert. Filme machen wurde erschwinglicher, was wir grossartig finden. Das ist schön und ich bin stolz darauf.
ON: Denkst du manchmal daran, was passiert wäre, wenn Festen nicht geschehen wäre?
TV: Nein. Ich könnte es aber versuchen, wenn du schon fragst. Mein Abschlussfilm an der Filmschule war schon ziemlich erfolgreich. Das Leben auf den Festivals mit all der Selbstbeweihräucherung hat deshalb damals schon begonnen. Ich bin dankbar dafür. Was wenn es nicht passiert wäre..? Ich weiss es nicht. Keine Ahnung. Wie sollte ich auch. Es ist in etwa dasselbe, wenn ich mich fragen würde, was passiert wäre, wenn ich nicht per Zufall meine Frau getroffen hätte, weil sie zum Zahnarzt ging in der Gegend, wo ich wohnte.
ON: Treffen sich die Dogma-Gründerväter manchmal noch?
TV: Wir waren zu viert? Einer davon lebt in London. Ein andere macht nun was anderes. Lars und ich teilen das Büro. Wir sind ein bisschen wie ein Ehepaar mit den guten und schlechten Seiten. Wir haben aber darüber gesprochen, was wir mit Dogma zu tun gedenken, wenn der zehnte Geburtstag ansteht. Also jetzt. Entweder einstellen oder nochmals einen drehen!
ON: Zum Schluss gibt es noch ein paar Pop-up-Fragen.
TV: Ok.
ON: Lars von Trier
TV: Ein Kindskopf.
ON: Die Dänische Film Promotion
TV: Lächerlich.
ON: Die Schweiz
TV: Ski Fahren
ON: Amerika
TV: Waffen
ON: Hochzeiten
TV: Sex




