Cinetyp - Untertitel
Im Gegensatz zu Nachbarländern wie z.B. Frankreich und Deutschland gehört die Schweizer Kinolandschaft zu jenen, wo Filme noch in der Originaltonfassung projiziert werden. Ein Privileg, denn angesichts der Behauptung von gewissen selbsternannten Filmkennern mache die Stimme mindestens 30 Prozent der Schauspielkunst aus. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Filme zu übersetzen und mit Untertiteln zu versehen. Eine Aufgabe die von Firmen wie zum Beispiel der Cinetyp wahrgenommen wird.
Die Cinetyp AG wurde 1937 in Bern gegründet. 1968 brannten die dortigen Räumlichkeiten fast komplett nieder, weil der Projektor das Filmmaterial entfacht hatte (aus dem gleichen Grund kam es früher auch zu vielen Kinobränden). Die Firma hielt das aber nicht von ihrem Weiterbestehen ab. 1978 zog man nach Luzern in eine Villa im italienischen Stil, die auch heute noch als Firmensitz dient. In Zusammenarbeit mit der Laser Tech AG hat man in jüngster Zeit ein Verfahren für das lasergestützte Untertitelbrennen entwickelt. Heute ist die Cinetyp neben der welschen Titra SA zu die einzige Schweizer Firma, welche Untertitel für Kinofilme erstellt.
Bevor man auch nur einen Untertitel setzen kann, muss ein Film erst mal "über"setzt werden. Diese Aufgabe übernehmen bei der Cinetyp 5 Übersetzerinnen mit linguistischem Diplomabschluss, welche alle von einer Fremd- in ihre jeweilige Muttersprache übersetzen. Jeder Filmfan, der jetzt glaubt seinen Traumjob gefunden zu haben, weil man so nie mehr ins Kino gehen muss und jeden Film lange vor allen anderen sehen kann, lese bitte noch ein paar Zeilen weiter...
Zwar sind die Übersetzerinnen erstaunlicherweise die einzigen Angestellten bei Cinetyp, welche die Filme in voller Länge zu sehen bekommen, jedoch tun sie dies auf eine ganz besondere Weise. Nachdem die von der Produktionsfirma mitgelieferten Textzeilen - im Fachjargon "Dialogleisten" - übersetzt wurden, spulen die wortgewandten Linguistinnen die zwischen 2 und 3 Kilometer langen Filmrollen nämlich Szene für Szene von Hand ab und bekommen den Filminhalt so jeweils nur häppchenweise zu hören und sehen. Die Bearbeitung eines einzelnen Films dauert ca. 3 Tage. Also nichts mit entspanntem Filmgenuss wie es unsereins gewohnt ist. Das diese Arbeit trotzdem einen spannenden und interessanten Umgang mit den neuesten Filmen garantiert, wurde im Gespräch mit Liliane Sturny klar. Ihr durften wir Fragen stellen, die wir uns schon bei manchem Kinobesuch gestellt haben. Zum Beispiel wieso Untertiteln den so oft verwendeten amerikanischen Fluchwörtern selten gerecht werden. Die Antwort darauf ist eigentlich ganz simpel: Jeder Buchstabe nimmt bei Untertiteln wertvollen Platz ein. Platz, welcher zu Gunsten des Inhalts (und somit zum Wohl des Kinobesuchers) oft für wesentlichere Wörter als für "Fuck" usw. verwendet wird. Es ist also nicht so, dass sich Untertitel-Übersetzerinnen vor unschönen Wörtern scheuen würden. Es wird einfach davon ausgegangen, dass das Schweizer Kinopublikum auf die Erklärung gewisser Ausdrücke verzichten kann.
Fluchwörter sind aber nur eine von vielen Schwierigkeiten, mit welchen sich professionelle Untertitel-Übersetzerinnen befassen müssen. Knifflig wird es auch bei Redewendungen und Wortspielen. Hier sind Einfallsreichtum und Sprachgewandtheit gefragt, denn schnell einmal kann der Dictionnaire nicht mehr weiterhelfen. Neuen Mitarbeiterinnen wird daher auch nahe gelegt, immer und überall stets die Ohren für neue Sprachentwicklungen (z.B. Trendwörter) offen zu halten und im Fernsehen auch mal Sendungen zu schauen, welche einen nicht unbedingt interessieren, um neue Wörter aufzuschnappen.

Untertitelungs-Laser
Zusätzliche Hürden sind technische Voraussetzungen wie die Beschränkung auf eine maximale Anzahl Zeichen pro Zeile und eine minimale Anzeigedauer (angenehmer zum Lesen), sowie die Tatsache, dass der Mensch Sprache schneller übers Ohr als übers Auge aufnehmen kann. Grundsätzlich wird der Inhalt dadurch vom gesprochenen zum geschriebenen Wort ungefähr um einen Drittel gekürzt. Unschwer vorzustellen also, dass Sehr-Schnell-Sprecher wie etwa Eddie Murphy Untertiel-Verfasserinnen ziemlich in die Klemme bringen können.
Wie aber kommen die Untertitel auf den Film? Gleich beim Eingang der Cinetyp AG begegnet der Besucher einem kleinen Stück Filmgeschichte: Die bald schon antike, erste mechanische Untertitelungsmaschine der Welt. Baujahr 1935. Vor nicht allzu langer Zeit wurden Untertitel nämlich in gutenbergscher Manier mit Plättchen auf den Film eingeätzt. Eine unvorstellbar aufwändige Arbeit. Heute gibt es dafür glücklicherweise die Laser-Technik. Aber fangen wir von vorne an.
Wenn die Filme bei Cinetyp ankommen, sind sie meist auf mehrere Filmrollen aufgeteilt. Die einzelnen Rollen werden als erstes vermessen. Das heisst es werden die Bilder gezählt und man schaut, wo sich die Szenenwechsel befinden. Durch einen kurzen Vergleich dieser Daten kann bei jeder Folgekopie überprüft werden, ob die Exemplare identisch sind. Mithilfe der erwähnten Dialogleiste wird der Text dann übersetzt. Ist dies erfolgt, wird gespottet, d.h. der Text angelegt, bzw. dem Computer gesagt, welche Zeile Dialog wo und wie lange angezeigt werden soll.
Nun zur Laser-Technik. Die in den PC eingespiesenen Daten teilen einem Lasergerät mit, wie der Untertitel auf den Film gebrannt werden soll. Von grosser Bedeutung ist hierbei, dass der Laser nur die Farbe auf dem Film und nicht den Film selbst wegbrennt. Je nach dem wie hell oder dunkel das Bild ist, ist entsprechend wenig oder viel Farbe vorhanden. Die für diese anspruchsvolle Aufgabe notwendigen Maschinen werden von der Cinetyp in Einzelanfertigung hergestellt. Ziemlich spannend zu sehen, wie der Laser in unvorstellbarer Geschwindigkeit über den Film flitzt.
Anschliessend wird der Film gereinigt. Beim Waschen und Trocknen (ebenfalls Marke Eigenbau) werden auch kleinste Verletzungen des Filmmaterials ausbessert, welche sonst bei der Filmvorführung z.B. als kleine weisse Streifen stören würden. Bevor der Film aber für den Versand an die Kinos bereit ist, wird er von geschulten Augen auf die Qualität geprüft. Aber auch hier gilt leider: kein Job für Filmfans. Denn es werden nur Stichproben durchgeführt, weil der nächste Film bestimmt schon wartet. Horror, die Vorstellung von Lord of The Rings nur 10 Minuten sehen zu dürfen und auf den Kinostart warten zu müssen! Aber gerade bei solchen Blockbustern, die manchmal weltweit gleichzeitig starten, bleibt keine Zeit für gemütliches Filmegeniessen. Dann gilt nämlich Dauerbetrieb, um alle Filme (bis zu 20 Kopien in der Deutschschweiz) rechtzeitig in die Kinos bringen zu können.
Abschliessend darf gesagt werden, dass der Besuch bei Cinetyp sehr spannend war. Man findet dort ein regelrechtes Konglomerat von Nostalgie (von Hand betriebene Maschinen) und moderner Technik (Laser und Computer), wie man es auch noch bei vielen Kinos der Fall ist (altertümliche Projektoren und digitale Audiotechnik). Beiderorts macht aber genau dies den Charme aus, den man in neuen Kinos oft vermisst. Ein vollständiger Durchbruch des digitalen Films, wie ihn George Lucas schon lange ankündigt, würde wahrscheinlich dessen Ende bedeuten. So bleibt zu hoffen, dass dieser nicht allzu schnell oder zumindest nicht gänzlich verschwindet. Wäre doch Schade drum. Film zum Anfassen hat nämlich etwas für sich. Davon könnt ihr euch einmal beim lokalen Kino überzeugen, wenn euch der Operateur bei der Arbeit über die Schulter gucken lässt. So könnt ihr auch einmal das Werk von Cinetyp von nahem bewundern.


