Die fetten Jahre sind vorbei (2004)
Das Interview mit Hans Weingartner

Der Voralberger Hans Weingarnter scheint gerne mit Daniel Brühl zusammenzuarbeiten. Nach Das Weisse Rauschen ist Die Fetten Jahre sind vorbei schon die zweite Arbeit mit dem deutschen Shooting Star. OutNow.CH traf den etwas müden Regisseur zum Gepräch in einer Küche in Zürich. Man sprach über die Sexyness der Rebellion, die Berge und das Filmfestival von Cannes, wo sein Film als erster deutscher nach elf Jahren im Wettbewerb gezeigt wurde.
OutNow.CH (ON): Was waren Deine Beweggründe für den Film Die fetten Jahre sind vorbei?
Hans Weingartner (HW): Mir ging es darum, das Thema Jugend und Rebellion aufzugreifen und zu zeigen, dass die natürliche Dynamik, die aus dem Generationenkonflikt entsteht, wichtig ist. Das Ganze sollte aber mit Ironie behandelt werden. Wir haben versucht, auch viel Humor reinzukriegen. Insofern ist es ein Film mit politischen Themen, aber ich würde es nicht als politischen Film bezeichnen. Bei mir selber war es so, dass ich immer Teil einer Jungendbewegung sein wollte, aber nie eine gefunden habe. Die Protagonisten in dem Film haben eigentlich dasselbe Problem, nur dass sie im Gegensatz zu mir, sich nicht in eine Subkultur zurückziehen, oder Drogen nehmen oder Filme machen (er grinst), sondern einfach eine Jugendbewegung starten. Der zentrale Satz für mich im Film ist, obwohl es viele zentrale Sätze gibt, "wild und frei leben". Den Traum zu verwirklichen und darum zu kämpfen, wild und frei zu leben, halte ich für sehr wichtig. Es gibt viele Menschen wie Hardenberg (eine Figur aus Die fetten Jahre), die sich Schritt für Schritt an die Konsumgesellschaft angepasst haben und diesen Traum vielleicht noch in sich tragen, aber der ist vollkommen verschüttet. Wir leben einerseits in einer Überflussgesellschaft, andererseits sind fünf von zehn verkauften Medikamenten Psychopharmaka. Also kann irgend etwas nicht stimmen.
ON: Kanntest Du das Lied von Tocotronic "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" schon vor dem Film?
HW: Ich kenn das Lied. Das ist schon uralt, zehn, fünfzehn Jahre. Ich finde Tocotronic sehr schön, aber es ist dann doch im Endeffekt eher ein Klagelied. Wir wollten mit dem Film einen Schritt weitergehen als nur zu Klagen. Wir wollten Alternativen aufzeigen. Wir wollten zeigen, he Leute, zu rebellieren kann auch tierisch Spass machen. Das ist jetzt "sexy", um es in moderner Sprache zu sagen. Leben ist für mich Bewegung. Wenn man sich bewegt, macht man sich auch angreifbar. Man lebt dafür halt. Durch Bewegung entsteht Reibung. Es entsteht Energie, die die Gesellschaft antreibt, und die dich als Mensch ausmacht. Lass sie Dir nicht nehmen! Viele Menschen spüren diesen revolutionären Impetus und ersticken ihn aber mit Drogen. Gerade in der Schweiz und in Voralberg ist es ein grosses Problem, das Drogenproblem. Wenn Du Heroin nimmst, dann ist alles easy. Fernsehen ist aber auch eine Droge, die in diese Richtung geht. Du musst Dir mal überlegen, im Alter von vier, fünf Jahren bis 18 schaust Du vier Stunden Fernsehen am Tag im Durchschnitt. Ein Gehirn, das dadurch nicht komplett geröstet wird, das gibt's doch nicht.
ON: Steht einer deiner früheren Filme Widerstand gegen die Staatsgewalt in Zusammenhang mit die Fetten Jahre oder ist das eine ganz andere Baustelle?
HW: Da ging es um exzessive Polizeigewalt und den Gebrauch von Schusswaffen in Österreich. Das ist ein gesellschaftskritischer Film. Insofern hat er schon was mit den Fetten Jahren zu tun. Das Wort Widerstand passt ja auch zu dem, was die Erziehungsberechtigten machen.
ON: Ich habe mir Das Weisse Rauschen auf DVD angeguckt. Auch deine Interviews beim Zusatzmaterial.
HW: Das find ich super, wie viele Leute in der Schweiz den Film gesehen haben.
ON: Du hast im Interview gesagt, dass Du bis zum Weissen Rauschen alles Scheisse gefunden hast, was du gedreht hast. Du fandest erst dann heraus, wie Du Filme machen möchtest. Bist Du jetzt noch einen Schritt weiter gekommen mit Die Fetten Jahre sind vorbei? Gibt es da einen Fortschritt?
HW: Übrigens, den einzigen Film, den ich nicht Scheisse fand, war einer, den ich mit 14 gemacht habe. Als ich und eine Frau in den Badehosen mit dem Fahrrad ins Baggerloch gefahren sind. Das haben wir uns direkt wieder angeschaut, immer wieder angeschaut, 100 Mal hintereinander und das war für mich der Traum des Filmemachens. Deswegen habe ich eigentlich angefangen. Dann habe ich mich aber so hineindrängen lassen in eine Professionalismus, "Du musst 16mm drehen! Du musst ausleuchten! Film ist Kunst! Und du brauchst ein riesiges Team, sonst bist Du auch nicht professionell!". Die ganze Scheisse kriegt man auf der Filmschule auch eingetrichtert. In Köln dann zum Glück nicht. Aber in Wien war das so. Da war ich auch ein halbes Jahr. Pff und Tschüss. Dann kam Dogma und ich dachte, die Jungs machen das, was wir an der Filmschule auch machen sollten, verdammt noch mal. Dann hatte ich zuwenig Geld für meinen Abschlussfilm über Schizophrenie. Dann habe mir gedacht, das drehen wir jetzt genauso wie früher im Baggerloch: Ein kleines Team. Wir drehen und schauen uns das immer gleich an.
ON: Also ist es immer noch das siebenköpfige Team, wie beim Weissen Rauschen?
HW: Achtköpfig dieses Mal. Das heisst im Hintergrund, bei der Postproduktion, sind es schon mehr Menschen. Dieses habe ich mit bewahrt. Was ich diesmal besser machen wollte und was mir gelungen ist, ist dass der Ton besser verständlich ist. Was natürlich eine klitzekleine Einschränkung in der Freiheit ist, da man nicht überall hinschwenken kann, wenn zwei Leute reden. Aber das hat sich ausbezahlt. Im Weissen Rauschen war es schon teilweise anstrengend, zwei Stunden dieses "Was hat der jetzt gesagt?". Das war das eine. Das andere war, dass ich dieses Mal versuchen wollte, Geschichten zu erzählen, einen Plot zu haben. Mit Plantings und Pay-offs und Turning Points und so. Das gibt es ja schon seit Aristoteles. Das haben ja nicht die Amis erfunden. Das ist Bullshit. Wir haben deshalb sechs Monate nur an dem Treatment geschrieben, nur an der Geschichte gearbeitet. Die Bildqualität war auch besser, weil wir eine bessere Kamera verwendet haben, die alle Vorteile des Digital Video bot, aber eine bessere Qualität als diese ganz kleinen Consumer Cameras. Vor allem deswegen, weil wir halt soviel nachts gedreht haben und wir diese Lichtstärke gebraucht haben. Auch wegen der Naturaufnahmen. Sowas kannst Du sonst komplett vergessen.
ON: Die Naturaufnahmen sind ein gutes Stichwort. Wieso gehen die Figuren in Die Fetten Jahre sind vorbei in die Alpen?
HW: Weil ich die Berge liebe, muss ich zugeben. Seit 14 Jahren will ich in den Bergen drehen. So nehmen sie Hardenberg halt auf eine Hütte. Zweitens kenne ich diese psychologische-emotionale Dichte und Nähe, die in so einer Hütte entsteht, weil ich jedes Jahr im Februar auf einer Hütte Skitouren mit viele Leuten zusammen mache. Drittens öffnet diese Situation eine Freiheit, einen weiten Blick ausserhalb der Hütte, der die Möglichkeit bietet, über Dein Leben nachzudenken, zu philosophieren und über Gott und die Welt zu sprechen. Ich erklär dir das jetzt rational, aber die Entscheidung, wenn man sie trifft beim Schreiben, ist nicht rational. Das macht man, ohne zu denken.
ON: Ebenso sind die Figuren in den Fetten Jahren wie im Weissen Rauschen am Ende wieder in Spanien. Ist das ein Zufall?
HW: Nein. Das war einfach so ein Steckenpferd. Wenn es im Süden endet, dann in Spanien, genau wie beim Weissen Rauschen, und genau am selben Ort im Baskenland in der Nähe von Bilbao. Ich kannte diese Lokalität, diese romantische kleine Hafenstadt. Ich mochte diese klare Luft da unten, und dass es eine funktionierende, naturbelassene dörfliche Gemeinschaft ist, die nicht vom Tourismus zerstört ist. Deswegen.
ON: Am Anfang von Die Fetten Jahre sind vorbei sieht man Daniel Brühl mit diesem Beatmungsgerät, das später aber nicht mehr vorkommt. Wie kam es dazu?
HW: Das sind so kleine Spinnereien, die man sich erlaubt, wenn man jung ist. Das ist mein Sauerstoffgerät. Ich hab Gehirnforschung studiert und weiss, wie wichtig Sauerstoff ist fürs Gehirn. Ein Drittel des Sauerstoffgehalts im Blut wird vom Gehirn verbraucht. Ich hab es mir damals gekauft fürs Drehbuch schreiben. Aber ich verwende es ehrlich gesagt kaum noch. Es ist eigentlich total bescheuert. Wenn Du einen 30-minütigen Spaziergang machst, hast Du denselben Effekt. (Er lacht). Ich komme halt auch irgendwie aus einer medizinischen Ecke und das ist so ein Spleen von mir. Im Film hat es dann den Effekt, dass man denkt, der Typ ist schon ein bisschen schräg drauf. Das macht ihn als Figur unverwechselbar und gibt ihm ein bisschen ein Profil.
ON: Hast Du Vorbilder in filmischer Hinsicht?
HW: Nicht so konkret. Ich such mir überall ein bisschen zusammen, was mir gefällt. Zum Beispiel bei John Cassavetes, die Art sich auf Schauspielerarbeit zu konzentrieren und Filme über die Schauspieler zu erzählen. Jede Emotion muss vom Schauspieler kommen. Nicht die Kamera, nicht die Musik, nicht der Schnitt sondern der Schauspieler erzählt die Emotion. Das liebe ich einfach. Die Leute honorieren das, weil sie spüren, dass sie ehrlich behandelt werden, dass sie in nichts reingewürgt werden. Ich hätte jetzt nichts dagegen, einmal einen Musikclip in einem Film zu machen, wie es bei Gegen die Wand oft ist, oder auch jetzt mit Jeff Buckley. Das ist was anderes. Bei Hollywood ist es ja so, dass Du permanent diese Musik hörst. Jede Figur im Film hat ihr eigenes Thema. Freude hat immer gleich eine Musik und Trauer hat eine Musik. Das hasse ich. Ansonsten mag ich die Radikalität des österreichischen Kinos. Barbara Albert finde ich grossartig. Nordrand ist der beste Film der letzten zwanzig Jahre. Dieser Realismus ist einfach unglaublich, dieses österreichische Cinema Verité sozusagen. Festen war auch ein sehr wichtiger Film für mich. Lars von Triers Handkamera. Diese Art Zeitsprünge zu machen. In einer Szene einfach einen Jump-Cut zu machen und das ist drei Sekunden später.
ON: Gibt es einen Austausch zwischen Regisseuren, die digital drehen, oder wird das immer mehr zur Normalität?
HW: Wir schauen wohl gegenseitig unsere Filme an. Ich denke z.B., dass die von Muxmäuschenstill sich schon ein paar mal Das Weisse Rauschen angeschaut haben. Und ich wiederum habe mir Festen angeschaut. In Berlin leben viele Regisseure. Ich habe Kontakt mit Alain Gsponer zum Beispiel, ein Schweizer Regiesseur, und mit Sebastian Schipper treffe ich mich manchmal. Ich würde mir wünschen, dass es einen engeren Kontakt gäbe. Die österreichische Filmszene ist viel enger vernetzt, aber sie ist halt auch kleiner.
ON: Die fetten Jahre sind vorbei war auch der erste deutsche Film nach elf Jahren, der in Cannes im Wettbewerb lief. Was war das für ein Gefühl?
HW: Das war irgendwie total surreal. Ich habe diesen Film gemacht als Fingerübung. Es war ein kleiner schmutziger Film. Ich dachte, der komme mit acht Kopien ins Kino und wird dann schnell mal im Fernsehen gezeigt werden. Aber dass er so eine Dimension annimmt, hat mich total überrascht. Kein Mensch will so einen Film sehen. Bei politischen Aktivisten werden sie alle davon rennen. Dass er jetzt so erfolgreich ist, kommt total überraschend für mich. Cannes war eine grosse Freude. Ich war schon stolz darauf, muss ich zugeben. Aber es hat mich auch geängstigt. Was kommt da jetzt auf mich zu? Jetzt kriegst du noch mehr Öffentlichkeit. Es ist noch schwierig. Als Regisseur möchtest Du eigentlich Künstler sein und in Ruhe arbeiten, unbeeinflusst von aussen. Andererseits stehst du dann so im Rampenlicht und fühlst dich beobachtet. Das macht dich manchmal schon ganz schön fertig. Beim Weissen Rauschen kam es total unverhofft. Nach diesem Erfolg vom Weissen Rauschen bin ich wirklich in eine grosse Krise gestürzt. Das klingt jetzt absurd. Aber so ist das eben im Leben. Es ist nichts so, wie man es erwartet. Dieses mal ist es nicht mehr so schlimm. Cannes war natürlich für den Film auch ein Riesensprungbrett. Er kommt jetzt in 43 Ländern ins Kino. Was gerade bei so einem Film, in dem es um was geht, wo man vielleicht sogar politisch etwas erreichen will. Da ist es natürlich toll, wenn er in so vielen Ländern läuft und so viele Leute den Film dann sehen. Mit den Reichen und Schönen von Cannes, hatten wir nicht soviel zu tun. Wir sind da hin und haben unsere Botschaft hinterlassen, und haben ihren Champagner gesoffen und ihre Lachsbrötchen gefressen und sind dann wieder abgehauen. Das war wie, wenn du an eine Schickimicki-Party gehst und drei Flaschen Wein klaust und haust wieder ab. Und du gehst dann dahin feiern, wo die Leute sind, die die richtige Musik hören.
ON: Was steht als nächstes an? Kann man da schon was sagen?
HW: Leider habe ich noch kein konkretes Projekt. Ich schreibe an einem Film, der leicht in der Zukunft spielt, auf Cinemascope gedreht werden soll und der nur über Bilder erzählt. Ich mache jetzt noch einen DV-Film. Dann war das sozusagen meine Dogma-Trilogie. Dann möchte ich was anderes probieren. Dann möchte ich einen Film auch über Bilder erzählen, eine rein fiktionale Geschichte erzählen. Einfach weil ich neugierig bin. Ich war als Kind schon so. Ich musste über jeden Zaun klettern und in jeden See springen, um das einfach zu machen. Ich habe jetzt auch zwei Projekte in Amerika, wo ich vielleicht Regie mache. Natürlich im Independent Bereich und nicht in einem Major Studio. Aber das ist alles noch in der Schwebe.
ON: Zum Schluss habe ich noch ein paar Stichworte, die ich Dir gebe. Du sollst mir dann das sagen, was dir als erstes dazu in den Sinn kommt.
HW: Ok.
ON: Digital Video
HW: Kassette rein und los geht's!
ON: Österreich
HW: Land der Berge und ... Land des Abgrunds
ON: Die Schweiz
HW: Noch höhere Berge (er überlegt lange) und Steuerparadies ... für Michael Schuhmacher. Nein Scheisse. Sommerjob fällt mir noch ein zur Schweiz.
ON: Pressearbeit
HW: Anstrengend... aber auch lehrreich.
ON: Daniel Brühl
HW: Schauspielgott
ON: Besten Dank und viel Erfolg mit dem Film.
HW: Alle sagen immer, das wird so ein Hit. Ich weiss nicht. Da gucken Millionen von Menschen den Schuh des Manitu und Sieben Zwerge und Der Untergang. Wieso sollten die denn den Film sehen? Die gehen sicher nicht in unseren Film. Aber es geht auch eine Million in Bowling for Columbine.





