Exorcist: The Beginning (2004)

Exorzist: Der Anfang

Die Wirren um Exorcist - The Beginning

von Scott Foundas

Paul Schrader ist überraschend gelassen, wenn man bedenkt, dass er gerade mit äusserst bösen Kräften gekämpft hat. Und damit sind nicht die von Pazuzu, einem teuflischen Geist, der einen älteren Priester namens Lancester Merrin (Max von Sydow) einst von der irakischen Wüste bis zum Schlafzimmer eines Mädchens in Georgetown, USA verfolgt hat. Wir schreiben den Oktober 2003 und Schrader trifft uns in der Lobby des Hollywood Chateau Marmont, um über seinen neuesten Film Exorcist - The Beginning zu sprechen. Vor ein paar Monaten hiess es gerüchteweise, dass er gefeuert wurde, nachdem er seine Schnittfassung des Prequels zu The Exorcist aus dem Jahre 1973 den leitenden Angestellten von Morgan Creek gezeigt hatte.

Paul Schrader (schrieb Taxi Driver und Raging Bull)

Paul Schrader (schrieb Taxi Driver und Raging Bull)

Schraders Abgang war bloss der Schlusspunkt in einer ganzen Reihe von unberechenbaren Ereignissen die Exorcist - The Beginning schon seit Beginn heimgesucht haben. Der Begriff "Development Hell" kam der Sache wohl nie so nahe, wie bei diesem Film. Die ersten Pläne für ein Prequel waren schon im Sommer 1997 auf dem Tisch, als die Produktionsfirma Morgan Creek dem Terminator 2 Co-Autor William Wisher den Auftrag erteilte, Pater Merrins erste Begegnung mit dem Teufel in Kolonialafrika in einem Drehbuch zu thematisieren. Das Script wurde überarbeitet von Caleb Carr (The Alienist). So richtig ins Rollen kam das Projekt aber erst wieder 2000, als die überarbeitete und mit Compitricks angereichter Reedition von William Friedkins Original, welche als "Die Version, die man noch nie zu Gesicht bekam" vermarktet wurde, alle überraschte mit seinem Einspielergebnis von 40 Millionen Dollar in den USA. Plötzlich war Exorcist - The Beginning wieder im Gespräch. John Frankheimer war der Regisseur und Liam Neeson als Pater Merrin (die im Original vom Max von Sydow verkörperte Rolle) gesetzt.

Das Tohuwabohu wäre vielleicht nie zu Stande gekommen, hätte sich der 72-jährige Frankenheimer im Sommer 2002 während den Vorbereitungen zum Film nicht einer Operation unterzogen und deshalb der Produktion den Rücken gekehrt. (Kurz darauf ist er dann verstorben.). Gesucht war nun ein Ersatz und fündig wurde man in der Person vom Paul Schrader, der seit Cat People aus dem Jahre 1982 keinen Film mit einem grösseren Budget mehr gedreht hatte. Die Dreharbeiten begannen Ende 2002 in Marokko und Rom. Das Budget war auf 40 Millionen Dollar angesetzt und Stellan Skarsgård ersetzte Neeson als Pater Merrin. "Das Angebot kam aus heiterem Himmel", sagt Schrader. "Es war prestigeträchtig. Eine Chance mit grossen Geschütz zu hantieren: Zwei Kameras, Kranen, verfügbare Arbeitskräfte und Beleuchtung. Ich stürzte mich drauf."

The Ecorcist (1973)

The Ecorcist (1973)

Ein paar Wochen zuvor, als Schrader immer noch um seine Stelle kämpfte, organisierte er für uns eine Vorführung seiner Version von The Beginning. Der Fernsehbildschirm war klein, die Musik und die visuellen Effekte erst temporär, aber es gab kein Entrinnen vom lyrischen Terror. Anstatt ehrfurchtsvoll dem beklemmenden "Kitchen Sink"-Realismus des Originals zu huldigen, untergrub Schrader dessen Ikonografie und tränkte weite Landschaften mit einem schwirrenden Angstgefühl. Schraders Film sieht dämonische Besessenheit nicht als Einzelfall, sondern als eine Seuche, die Raum und Zeit durchqueren kann und in ihrem Sog eine ganze Gemeinschaft anstecken kann. Mit dem Einverständnis des Regisseurs könnte man es als ein nachdenkliches Werk über psychologischen Horror (im Gegensatz zum Horror, der einem auf den Magen schlägt) verstehen. Es ist auch eine Studie über den Glauben in einer Welt, in der auch die Rechtschaffenen ihren Glauben in Frage stellen. Ziemlich genau das, was man von Jemanden erwarten könnte, der streng calvinistisch erzogen wurde.

Schrader hatte nicht die geringste Ahnung, dass irgendetwas nicht stimmte, bis etwa in der Mitte der Drehzeit in Marokko. "Als Jim (James G. Robinson, Präsident von Morgan Creeks) nach Marokko kam, fing er an mit 'Es ist nicht Angst einflössend genug', das dann gebetsmühlenartig immer wiederholt wurde", erinnert sich der 58-Jährige mit Sorgenfalten auf der Stirn. "Wir mussten Marokko bis Weihnachten verlassen. Deshalb sagte ich ihm, dass da mit den Marokko-Szenen nichts mehr zu machen sei. Aber lass uns etwas hinzufügen, wenn wir in Rom sind. Acht bis zehn Elemente wurde in der Folge eingefügt, um den Film Furcht einflössender zu machen - alles im Rahmen des Drehbuchs, dem wir treu bleiben wollten ohne Hardcore-Horror zu machen. Es war ausgemacht, dass wir weder sich drehende Köpfe noch Erbsensuppe haben wollten."

Kaum war dieses Scharmützel zu Ende, kamen Streitereien wegen dem Cutter und dem Filmmusikkomponisten auf und richtige Aufruhr kam ins Haus als Schrader seine Fassung im März 2003 den Verantwortungsträgern bei Morgan Creek zeigte. Es war sofort von Änderungen die Rede. Schrader verpflichtete sich zu diesen, doch Robinson schnitt schon eine eigene Fassung des Films. Das Menetekel war nun sichtbar: Schrader wurde gefeuert und ersetzt durch Renny Harlin, den finnischen Actionspezialisten, der für Die Hard 2, Deep Blue Sea und ähm...Cutthroat Island verantwortlich war.

"Ich wäre eigentlich gerne dabei gewesen und hätte die Änderungen selber gemacht", sagt Schrader achselzuckend. "Sie waren vertraglich verpflichtet, die Sache mit mir durchzuziehen und ich wäre vor ein Schiedsgericht gegangen, wobei ich durch die Director's Guild of America (DGA) vertreten gewesen wäre. Aber die Leute von der DGA sagten mir: 'Schau, wenn du verlierst, geht dein Lohn flöten, und du könntest für die entstandenen Schäden juristisch belangt werden. Das würde dich viel Geld kosten. Und wenn du gewinnst, gewinnst du das Recht für die weiteren Aufnahmen, die dir aber diktiert würden und während denen dir ein zweiter Regisseur zur Seite gestellt werden würde. Lohnt es sich, für das zu kämpfen?'"

Zwei Monate später war Harlin in Rom, auf Schraders ehemaligen Set, und drehte einen Film mit dem Namen Exorcist - The Beginning. Er hatte ein neues Drehbuch und ein neues Team vor und hinter der Kamera mit der Ausnahme von Skarsgård und dem legendären Kameramann Vittorio Storaro (Apocalypse Now). Es schien, als wäre man tatsächlich wieder "am Anfang".

"So etwas wie einen Trainingsfilm gibt es nicht", schmunzelt James Robinson. Es ist Mai 2004, die Hälfte des Cannes-Festivals ist bereits durch und Robinson sitzt im Hotel Martinez. "Ich war unzufrieden mit der Version von Paul Schrader", sagt er über das Pult lehnend. "Ich habe mir den Director's Cut angesehen. Dann ging ich mit Paul in den Schnittraum. Aber egal, was wir taten, es konnte nichts geändert werden durch die Art und Weise wie gedreht worden war. Pauls Film war eher kopflastig als lustig oder Furcht einflössend."

Renny Harlin stimmt mit Robinsons Einschätzung überein, weigert sich aber Schraders Leistung zu kritisieren. Er sagt, er sei angestellt worden, um Schraders Film "aufzupeppen". Er wollte aber nicht an der Vision eines anderen Regisseurs herumzubasteln und schlug vor, man solle nochmals von vorn beginnen.

Renny Harlin

Renny Harlin

"Ich habe einen Horrorfilm für Erwachsene gemacht, im Sinne eines Filmes ohne billige Mätzchen und herumirrenden Teenagern", erklärt Harlin. "Er zwinkert nie dem Publikum zu. Es geht um Menschen, echte Gefahr und wahrhaftige Emotionen. Das ist die Hintergrundgeschichte von Pater Merrin, ein Prequel, weswegen wir auch auf moderne Technologien verzichten haben. Wir wollten einen Film drehen, der vor 1973 gedreht hätte werden können. Es war mir deshalb wichtig, dass keine fliegenden Monster und wilde visuelle Effekte zu sehen sind." Als wir nach der ersten Pressevisionierung Harlin wieder treffen und ihn auf die trickfilmhafte Szene mit den Hyänen ansprechen, seufzt er: "Was soll ich sagen. Ich habe es mit echten Hyänen versucht, aber die wollten nicht das tun, was ich ihnen sagte. Alles, was mir übrig blieb, war, den Jungs von den Special Effects zu trauen." Er hält inne und sucht nach den richtigen Worten. "Ich habe die Szene nicht gesehen, bis zwei Tage bevor die fertige Kopie ausgeliefert wurde. Einige werden die Hyänen als echt empfinden, andere nicht."

Keine Geiss schleckt ausserdem weg, dass mehr summende Fliegen, verkehrte Kruzifixe und blutige Inschriften in Aramäisch zu sehen sind. Alles billige Schocker im Vergleich zum Gänsehaut verursachenden Schrecken bei Schrader. Ist das der "Pfeffer" den Robinson gefordert hat? Der Chef lacht und winkt mit den Händen ab: "Bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen. So läuft das in der Unterhaltungsindustrie." Er mag überzeugend und charismatisch sein, aber man sieht auch leicht, wie er mit seiner Art anecken kann. Zum Beispiel bei Drehbuchautor Caleb Carr.

The Beginning sieht nun so aus.

The Beginning sieht nun so aus.

Carr kam ursprünglich wegen anderen Aufträgen zu Morgan Creek. Im Herbst 1998 machte er selber eine archäologischen Fund: Wishers Originaldrehbuch in einer staubigen Kammer. "Es strotze vor Unzulänglichkeiten", sagt Carr "aber es hatte auch einen der grossartigsten Aufhänger für einen Horrorfilm, den ich jemals las." Die fragliche Szene spielt in einem holländischen Dorf während den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs. Der Mord an einen SS-Offizier soll durch das Antreten und Befragen der Leute aus dem Dorf geklärt werden. Als der Pfarrer im Dorf, Pater Merrin, darauf beharrt, dass alle unschuldig sind, setzt der Leutnant zu einer grausamen Handlung an. Merrin muss zehn seiner Gemeindemitglieder auswählen, um als Warnung für den wahren Mörder töten zu lassen. Weigert er sich, werden alle geschlachtet. "Ich dachte, das sei eine coole Idee. Wie wird ein normaler Priester zum Exorzisten?"
Carr nahm die Herausforderung an und schrieb schnell seine eigene Version, die dann nicht gerade vom Glück gesegnet war. Zuerst verliess der damalige Präsident - einer seiner stärksten Supporter - Morgan Creek. Dann musste Frankheimer, mit dem er bestens klar kam, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Für Carr kam die Einberufung von Schrader wie ein Blitz aus heiterem Himmel. "Als er eingestellt wurde, sprachen wir während zwei Stunden per Telefon miteinander. Nie hat er es fertig gebracht, mir dabei zu sagen, dass er das Drehbuch mochte." Gleich nach dem Aufhängen war mir klar, so gehe es nicht weiter. "Ich rief Jim Robinson an und sagte 'Du merkst hoffentlich, dass wenn der Typ den Film macht, wird das sein Film werden'. Und Jim antwortete immerzu, dass ER die Firma führt und dass ER die Show über die Bühne bringt. Quatsch mit Sauce. So redet der bei jedem Dreh, und er hat jedes Mal eine besondere Ausrede, wenn er mit dem Regisseur nicht klar kommt."

Wenn aber Carr hart mit Robinson ins Gericht geht, kommt auch Schrader nicht gut weg. Seine Verachtung für den Original-Regisseur von Exorcist - The Beginning ist ungefiltert. "Es erinnerte mich an eine blockierte Probe, die jemand filmte. Niemand konzentrierte sich. Alle Schauspieler haben diesen unverkennbaren Blick im Gesicht. Sie stehen rum und schreien lautlos: 'Bitte, jemand soll mir Anweisungen geben!'"

Sogar an einem strahlend schönen Sommertag wirkt das Haus an der Prospect Avenue 3600 kühl und bedrohlich. Genauso wie die nebenan liegende Treppe mit ihrem steilen Abstieg zur M Street. An dieser Stelle steht heute William Peter Blatty, der mit seinem Roman dieses Haus und die Treppe unsterblich gemacht hat.

William Peter Blatty (hat Schraders Film zweimal gesehen und ist ein Fan

William Peter Blatty (hat Schraders Film zweimal gesehen und ist ein Fan

1971 publiziert, war Blattys Buch über ein Mädchen, das von einem Dämon besetzt ist, von Anfang an ein Phänomen. Es stand 55 Wochen in den Bestsellerlisten der New York Times. Zwei Jahre später, einen Tag nach Weihnachten, kam William Friedkins Adaption des Buches in die Kinos. The Exorcist erwirtschaftete 193 Millionen Dollar und wurde 10 Mal für den Oscar nominiert. Es war deshalb nicht überraschend, dass Pläne für ein Sequel bald danach auf den Tisch gebracht wurden, obwohl sich Friedkin und Blatty aus den Verhandlungen raus hielten. 1977 folgte Exorcist II - The Heretic, ein Disaster von kosmischen Ausmass, das keine Kosten scheute, ausser die für ein bisschen Hirnschmalz für die Leute, welche den Film machten. Der Film war grausam, aber aus den völlig falschen Gründen. (Ein Überfluss an New Age Telepathie und James Earl Jones als Heuschrecke verkleidet.)

Der eigentliche Vorgänger von Exorcist - The Beginning ist Blattys Buch Legion aus dem Jahre 1983. Eine Mistery-Geschichte, welche wenig mit The Exorcist zu tun hat, aber eine paar Figuren, die im früheren Roman am Rande vorkommen, beinhaltet. 1990 wurde Blatty angefragt, ob er sein Buch Legion für das Kino adaptieren könnte. Bis der Film endlich ins Kino kam, wurde Excorcist 3 daraus und es wurden vom Produzenten Änderungen verlangt, damit aus dem Buch ein richtiges Sequel werden konnte. Diese beinhalteten unter anderem die Rückkehr von Jason Miller als Pater Damian Karras und eine zusätzliche Exorzierszene gegen Ende des Films. Welcher Produzent verlangt solche Dinge? Keine geringer als James Robinson...

"Jim Robinson wollte sich mit mir treffen", erklärt Blatty im Schatten des berüchtigten Hauses. "Das Meeting begann damit, dass er sich an seine Sekretärin wandte und ihr sagte, sie solle es mir erzählen. Sie hielt dann ein Drehbuch hoch, das ich am nächsten Tag drehen sollte und sagte: 'Ich habe es gelesen und finde es wundervoll. Aber was hat es mit dem Exorzisten zu tun?'' Ich versuchte zu erklären, dass The Exorcist nicht Rocky wäre. Wir werden nicht in jeder Episode einen weiteren einarmigen Dämonen jagen. Aber Robinson gab nicht auf. Er liess mich gewähren bis zum letzten Drehtag. Als ich dann später bei den Parkplätzen von Fox vorbei guckte, war mein Abstellplatz nicht mehr da, und die Tür zum Schnittraum war geschlossen.

Nun gibt es also vier offizielle The Exorcist-Filme und unzählige Imitationen. Aber keines dieser Derivate, mit der Ausnahme der besten Stellen aus Schraders Film treffen den dunklen Ton des Originals. Schon gar nicht Harlins The Beginning, der - was immer auch der Regisseur dazu sagt - wie eine verbilligte Boulevard-Version von Schraders eleganter Schnittfassung wirkt.

Sowohl Blatty als auch William Friedkin haben ihre eigene Theorie, weshalb so viele Möchtegerns den Thron von The Exorcist schon besteigen wollten und jämmerlich scheiterten an der einzigartigen Chemie des Originals. "Blatty und ich waren nicht in erster Linie darauf aus, die Leute zu erschrecken", meint Friedkin. "Wir wollten einen Film drehen über die Mysterien des Glaubens, wohingegen die Andern nur den Schiss in den Hosen der Zuschauer vor Augen hatten. Aber die Auswirkungen von The Exorcist waren mehr als nur die Angst der Leute. Sie glaubten die Geschichte, oder dachten zumindest, so was sei möglich. Sie waren erschrocken darüber, wie über ein reales Wunder oder eine Katastrophe. Sie realisierten, dass es das Böse wirklich gibt auf der Welt."

Was mit Schraders Fassung schlussendlich passiert ist noch nicht klar. James Robinson beharrt darauf, dass daraus nicht eine "Version, die sie noch nie zu Gesicht bekamen... und NIE SEHEN WERDEN" wird. Sie könnte als DVD auf den Markt kommen. "Wenn wir das Geld aufwenden, um die Effekte und den Ton zu vollenden, könnte eine Doppel-DVD draus werden", prahlte er in Cannes. "Es muss doch etwas geben, was wir aus diesem ersten Film noch herausholen können."

Scott Foundas ist Filmkritiker in Los Angeles. Er schreibt fürs Branchenblatt Variety und führt regelmässig Interwiews für IndieWire.com

31.10.2004 / aus dem Englischen von rm