Viktor Vogel - Commercial Man (2001)

Das Lars Kraume Interview anlässlich der Schweizer Premiere von "Viktor Vogel - Commercial Man"

Am Tag der Schweizer Premiere von "Viktor Vogel - Commercial Man" hatten wir die Chance, mit Lars Kraume (Regie und Drehbuch) ein paar Worte zu wechseln:

OutNow: Hallo Herr Krause [3x Händegeschüttel]. Wir haben ein paar Fragen vorbereitet, die uns brennend interessieren...

Lars Kraume: Hallo ihr!

ON: Let's start: In einem Interview mit Produzent Joachim von Vietinghoff meinte dieser: "Die Schauspieler lieben und vertrauen Lars". Wie schaffen Sie es, eine solche Vertrauensbasis zu den Schauspielern herzustellen?

LK: Das ist eine ganz heikle Frage. Ich glaube, dass Schauspieler vor allem Angst haben sich auszuliefern, sich zu zeigen und sich selber zu entblössen vor der Kamera - und dies natürlich gnadenlos und permanent. Schauspieler brauchen eines, nämlich dass sie wissen, dass ein Regisseur aufmerksam ist.
Es geht nicht darum sie andauernd zu loben oder sich wohlfühlen zu lassen. Sondern, dass ihre Arbeit immer beobachtet und kontrolliert wird. So können sie dem Regisseur vertrauen. Sie merken, er hat einen Plan von dem, was der Film sein soll - so eine Idee in welche Richtung man geht.
Mit jeder Entscheidung steht man an zig Kreuzungen - diese ganzen Fragen die sich uns stellen. Schauspieler müssen wissen, dass sie vom Regisseur die ganze Aufmerksamkeit haben. Dann fühlen sie sich geborgen. Bei den Sachen, die ich bisher gemacht habe wussten die Schauspieler, dass sie sich darauf verlassen konnten... ...dass wir einen guten Weg haben.

[Zur Veranschaulichung erzählt Lars Kraume die Kurzanekdote von Marlon Brando, welche sich etwa wie folgt abspielte:]
Marlon Brando soll angeblich seine Regisseure getestet haben: Am dritten Tag, beim vierten Take, in der achten Einstellung hat er einfach mal so getan hat als ob er spielen würde. Und wenn der Regisseur dann gesagt hat: "Super!! Danke, cut!! Kopieren!!! Das war's, Marlon. Toll!!"... dann war der Ofen aus und dann hat er nie wieder mit denen geredet, geschweige denn an sich rangelassen."

ON: [grosses Staunen] Alexander Scheer hat verraten, dass Sie ihm und den anderen Schauspielern unterschiedliche Sachen eingeflüstert hätten. Ist das eine spezielle Technik?

LK: Naja, das ist keine Technik, die man sich irgendwie ausknobelt. Das sind eher fliessende Prozesse. Man ist da für eine Weile zusammen, Tag und Nacht, am Arbeiten. Da kommen automatisch Momente, die schwierig herzustellen sind für einen Schauspieler. Oft ist es einfach gut, wenn nicht alle den selben Informationsstand haben. Wenn einige in eine andere Richtung gehen als andere. Grad wenn man eine Spontaneität in einer Szene braucht und Sachen nicht abgesprochen sind. Gute Schauspieler machen das oft auch selber und sind immer in der Lage schnell zu improvisieren. Schlechte Schauspieler hingegen, können damit nicht umgehen.
Ich habe mal eine Szene gedreht, in der ein Schauspieler einen Arzt mimt. Ich habe einfach dem eigentlich komatösen (also theoretisch regungslosen) Patienten-Schauspieler, der im Bett lag, gesagt: "Pass mal auf: Wenn das nächste Mal der Typ reinkommt, dann krieg' mal einen totalen Anfall und fang an zu zucken!" Die Szene fing an und der Typ im Bett reagierte, als ob er einen Anfall habe - fing an zu zappeln. Der Arzt stand so daneben und guckte so... [Lars Kraume spielt den verdutzten Arzt] Ich: "Cut! Aus!! Sie sind Arzt, Mann!! Sie müssen irgendwas machen! Irgendwas!! Gebrauchen Sie Ihren normalen Menschenverstand!! Halten Sie ihn erstmal fest, der stranguliert sich ja gleich!!!!"
Ein guter Schauspieler geht auf so was ein und so was bringt dann Spontaneität. Auch hier gab es Situationen, in denen es den Schauspieler hilft, wenn man sie anders polt. Es passieren Sachen, die sie gar nicht erwarten und so entsteht eine grosse Lebendigkeit. Aber das ist keine Technik, das sind einfach so Sachen, die man sich unterwegs einfallen lässt.

ON: Welches ist für Sie die beste Szene aus dem Film? Uns beispielsweise hat die Ferienszene am Strand ausserordentlich gut gefallen...

LK: Die beste Szene, das ist immer sehr unterschiedlich, das ist so speziell, ich kann nicht sagen diese oder jene ist die beste Szene vom Film. Es gibt jedoch eine Sequenz die liebe ich total, dass ist wenn Victor zurückgerufen wird in die Agentur und Eddie Kaminsky ihm den Job anbieten muss, weil ihm das eben diktiert wurde. Und diese ganze Sequenz von dem Moment an als Victor das Büro von Eddie betritt, wo er denkt er kriegt so richtig Ärger weil er die Präsentation versaut hat, bis zu dem Moment wo er die Idee von Rosa verkauft in dem Restaurant. Die zwei, drei Szenen mag ich am liebsten, da kommt irgendwie alles zusammen, da spielen beide toll. Ich mag die Szenen aus dem Buch sehr gerne, die Musik die da ist passt genau und so weiter... also es kommt so alles zusammen.
Aber es gab im Buch ein Satz, den ich den wichtigsten Satz vom ganzen Film finde. Als Victor sagt: "Sie haben früher Dokumentarfilme im Kugelhagel der Palästinenser gedreht und jetzt machen sie sich in die Hosen wenn der Kunde kommt." Darauf antwortet Eddie: "Die Palästinenser haben nie versucht meinen Etat abzuschiessen." Das ist die Kernmessage vom ganzen Ding, dass halt jeder der in so einem Angestelltenverhältnis steht eben nur über Angst reagiert und lebt permanent - so wie Eddie halt auch. Der Mensch hat so volle Angst und Viktor kennt da nichts. Das ist mein Lieblingssatz.
Die Sequenz die euch so gefällt ist auch schön weil ungewöhnlich ist, dass sie in einem Film wie diesen drin ist, weil man könnte sie auch vollständig rausschneiden. Denn es ist eine Art Auszeit, mitten im Film geht man einfach mal 5 Minuten weg und macht einen Urlaub mit den dreien, der eigentlich dramaturgisch gar nicht zur Sache tut, ausser sie sich vielleicht ein wenig besser kennenlernen. Aber das ist natürlich sehr ungewöhnlich für so einen Film, aber gerade deshalb finde ich die Szene so schön.

ON: Nehmen Sie es uns nicht übel, aber wir haben irgendwie das Gefühl, dass Sie irgendwas gegen Viktors Nase haben...

LK: [lacht] Ich habe auch eine grosse Nase, ich weiss wie heikel die sind!

ON: Also diese Szene bei der Flucht aus dem Supermarkt, einfach brutal!

LK: Das ist immer der beste Moment wenn ich den Film mit dem Publikum gucken. Dann versuche ich, mich relativ weit nach vorne zu setzen und genau in dem Moment dreh ich mich dann um. Wenn alle Leute gucken und "Ooooh"... es ist immer dasselbe! [lacht]

ON: Heutzutags ist es ja nicht ganz einfach, Arbeit zu finden. Funktioniert Viktor Vogel's Prinzip eigentlich auch in der Filmbranche?

LK: Gute Frage... In der Filmbranche gibt es recht viele Autodidakten - was der Viktor letztenendes auch ist - und wie ich finde auch sehr gute. Es ist letztenendes eine Sache, wo man das Handwerk erstens sowieso nie auslernen kann, gleichzeitig aber auch nicht wie bei den Mediziner eine akamdemische Grundausbildung braucht um dem Job zu erledigen: Jeder kann mit einer Videokammera losziehen und einen Film drehen. Bekanntermassen sind dabei eben schon sehr gute Werke herausgekommen. Im Grunde ist die Filmbranche da ähnlich offen wie vielleicht die Werbebranche, wo es ja auch keine Ausbildung 'für gibt... entweder man machts oder man machts nicht. Man hat ein Gespühr 'für oder nicht, man kanns nicht lernen. Ebenso ists beim Film, es gibt viele die da quereinsteigen... Auf jeden Fall.

ON: Warum eigentlich Opel? Warum nicht... Porsche, Ferrari?

Opel Speedster

Opel Speedster

LK: Naja, Porsche oder Ferrari deshalb nicht, weils Luxusprodukte sind. Die hätten einfach im Kontext der Geschichte nicht funktioniert. Eine Agentur, die für Porsche arbeitet... die... Das sind ja Firmen die verkaufen ihre Autos auf einem anderen Weg als Opel. Das heisst, diese Werbeagentur um die es geht ist keine kleine Kreativagentur, sondern eine Fabrik. Das ist ja der Unterschied zwischen den Agenturen. Wir brauchten also einen breiten, populären Kunden, sozusagen. Ausserdem war es extrem schwierig jemand zu finden, der überhaupt mitmachte. Es war nicht so, dass sich alle auf das Produkt Placement gestürzt haben. Die meisten haben gesagt: "Ihr habt sie doch nicht alle, da kommen wir ja ganz schlecht dabei weg!". Opel hat dann halt da mitgemacht.

ON: Anscheinend gab es ja vorallem im Supermarkt grosse Probleme, die Produkte überhaupt erschiessen zu lassen...

LK: Genau. Also insgesamt ist es so: Man denkt immer, mit dem Product Placement finanzieren sich die Jungs ihre Filme. Pustekuchen! Es ist unglaublich schwierig, überhaupt jemanden zu finden der da mitmacht. Dann: Geld fliesst auch kaum, das ist auch nicht so... und eben, die haben eine wahnsinnige Angst vor ihrem Image.

ON: Zum Schluss haben wir ein paar Sätze angefangen, zu denen uns leider kein Ende in den Sinn kam. Bitte helfen Sie uns doch weiter!

LK: Okay... Für sowas braucht man eigentlich Alex [Scheer]. Alex ist grossartig. Aber ich versuchs mal in seinem Geiste...

ON: "Meinen nächsten Film..."

LK: Dreh ich vielleicht sogar in der Schweiz.

ON: "Werbung ist für mich..."

LK: Gute Geschichten in 30 Sekunden zu erzählen.

ON: "Der Name 'Götz George' steht für..."

LK: [lacht] Einen der besten Schauspieler die Deutschland hat.

ON: "Der deutsche Film ist..."

LK: Wieder im kommen.

ON: Zum Schluss noch: "Internet ist..."

LK: Hmm... mein tägliches Researchmaterial für alle Projekte die ich anfange.

ON: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Lars Kraume

Lars Kraume

Lars Kraume
Lars Kraume's Berufswunsch war es eigentlich, Fotojournalist zu werden. Er lernte als Assistent bei Werbe- und Portrait-Fotografen und machte 1990 nach dem Fall des Ceaucescu-Regimes eine Fotoreportage über eine Schule für Behinderte in Rumänien. Doch dann nahm seine Karriere einen anderen Verlauf: 1992 drehte er mit "3:21 Uhr" seinen ersten Kurzfilm; machte ein Volontariat in verschiedenen Frankfurter Werbefirmen und arbeitete als Werbefotograf. 1994 begann er seine Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, wo er u.a. den Kurzfilm "Life is too short to dance with ugly women" (1997) drehte, der beim Internationalen Filmfestival in Turin den Preis für den Besten Kurzfilm erhielt. Ein Jahr später drehte er mit "Dunckel" (1998) seinen Abschlussfilm an der DFFB. "Dunckel" fand grosses Lob und Anklang beim Publikum und erhielt 1998 den Studio Hamburg Nachwuchs Preis und 2000 den Adolf-Grimme-Preis für Regie, Kamera und Schauspieler. Im Anschluss an diesen Erfolg drehte er für SAT.1 den Psycho-Thriller "Der Mörder meiner Mutter" (1999).

06.04.2001 / nd, pj, th