Stay: Das Interview mit Marc Forster

Unser Mann in Hollywood ist wieder da. Auch sein neuester Streifen "Stay" darf sich mit Leuten von den Toplisten brüsten: Ewan McGregor und Naomi Watts spielen die Hauptrollen.

Unser Mann in Hollywood ist wieder da. Marc Forster, der Schweizer Regisseur, der für seine früheren Filme Stars wie Halle Berry und Johnny Depp gewinnen konnte. Auch sein neuester Streifen Stay darf sich mit Leuten von den Toplisten brüsten. Ewan McGregor und Naomi Watts spielen die Hauptrollen und David Benioff (25th hour) schrieb das trippige und Hirn verbrennende Drehbuch zu einem Thriller in New York über einen Psychiater, der einen Studenten wegen seiner Suizidgedanken behandelt. Der Film vermochte die Kritik wenig zu überzeugen und gilt als schwierig zu verstehen.

Im Interview mit OutNow.CH versucht Forster, dessen schizophrener Bruder sich das Leben genommen hat, seinen sehr persönlichen Film zu erklären und sagt, warum der Film genau so werden sollte, wie er nun zu sehen ist.

OutNow.CH (ON): Stay scheint in einer anderen Realität zu spielen.

Marc Forster (MF): Manchmal habe ich Schwierigkeiten, das Jetzt und Heute als Realität zu akzeptieren. Ich selber denke oft darüber nach, in welcher Realität ich eigentlich lebe, weil das Träumen einen so grossen Teil meines Lebens ausmacht. Aber dieser Film spielt offensichtlich nicht in der Realität, die wir kennen. Man könnte es vielmehr als den Traum oder das Unbewusstsein von jemandem benennen. Doch die Interpretationen überlasse ich dem Publikum.

ON: Was inspiriert einen Regisseur, einen Film zu machen, dem das Publikum nie so richtig folgen kann?

MF: Ich mag das, wenn ich mir einen Film anschaue. In so vielen Hollywood-Filmen wird von Anfang bis Ende alles erklärt. Ich denke, es ist wichtig, dass man Fragen stellt und im Ungewissen gelassen wird. So profitiert man viel mehr. Die Leute fragen heutzutage zu wenig. Darum bin ich der Ansicht, dass Filme wie Stay unbedingt gemacht werden müssen. Der Film ist für eine andere Art von Publikum gemacht. Ich glaube, sie wollen solche Filme sehen, doch das Angebot ist viel zu begrenzt. Wenn die Leute einfach unterhalten werden wollen, ist Stay wahrscheinlich nicht der richtige Film dafür; er sollte als visuelle Erfahrung betrachtet werden.

ON: Wussten die Schauspieler immer, worum es gerade ging im Film?

MF: Ich denke nicht. Die Schauspieler und ich versuchten am Anfang über den Film zu diskutieren, doch wir stellten bald fest, dass jeder anhand seiner eigenen Überlegungen zu einem Schluss kommen muss. Als Regisseur musste ich sie somit intuitiv anweisen. Vielleicht glaubt jemand, dass wenn ein Film nicht in der realen Welt spielt, man einfach tun und lassen kann, was man möchte. Aber dem ist nicht so. Es ist viel schwieriger. In diesem Sinn war's für mich einer der schwierigsten Filme, die ich je gedreht habe. Und so fängt man an, ein bisschen wie Ewan McGregors Charakter zu fühlen, der die Situation rational analysieren will, aber dabei immer mehr aus den Fugen gerät. Bob Hoskins sagte mir, dass er die Story auch nach zwei- und dreimaligem Lesen nicht verstanden hatte. Als ich ihn daraufhin fragte, warum er trotzdem noch immer mit mir den Film machen wolle sagte er, dass dies genau das sei, was ihn interessiere: den Charakter während des Drehs zu entdecken.

ON: Wurdest du bezüglich Stay von irgend einem anderen literarischen oder filmischen Werk beeinflusst?

MF: Nicht wirklich. Er ist Teil meiner Träume und meiner Welt und gewisse Dinge darin sind sehr persönlich. Andererseits werden alle Künstler von irgendwem beeinflusst. Filme wie Alphaville von Godard oder Petulia von Richard Lester, die Nicolas Roeg-Filme oder sogar Parallax View von Alan Pakula sind Einflüsse. Viele Leute vergleichen den Film auch mit modernen Regisseuren wie David Lynch, obwohl ich nicht bewusst an seine Arbeiten gedacht, während ich meinen Film gemacht habe. Ich habe mich mehr an den Sechziger Jahren orientiert. In Stay stehe ich vielmehr ein Gemälde. Einige Teile sind zum Beispiel wie von M.C. Escher - es gibt keinen Anfang und kein Ende. Persönlich glaube ich, dass unsere Leben auch keinen Anfang und kein Ende haben; ich glaube an die Reinkarnation.

ON: Kennst du Ambrose Bierces Occurrence at Owl Creek Bridge? Er benutzt den selben Kniff wie du im Film.

MF: Natürlich. Der Drehbuchautor stützte seine Arbeit auf jene Kurzgeschichte. Ich wusste davon. Doch ich wollte micht nicht auf das Ende der Geschichte konzentrieren, sondern mehr auf deren Inhalt. Ich versuchte, die Geschichte visueller umzusetzen und viele Metaphern zu brauchen. Das Ende sollte etwas Schwebendes sein, kein verzwickter Schluss, den wir so oder anders schon hundert Mal zuvor gesehen haben. Ich wollte ihn offen lassen, damit er Interpretationen mehr zugänglich wird.

ON: Stay spielt in New York City, wo du als Filmstudent gelebt hast. Hast du persönliche Erlebnisse von dort in den Film eingebracht?

MF: Als ich in New York lebte, hatte ich während der Nacht diese Träume. Ich war nicht sicher, ob es ein Traum oder Realität war. Während drei Monaten lebte ich in dieser Art schizophrenen Phase - ich wusste nicht mehr, was echt war und was nicht. Das war sehr beunruhigend, da mein Leben vollkommen ohne Logik war. Auch das wiederspiegelt Stay. Die Rückkehr nach New York war seltsam anders für mich. Damals lebte ich in einem Bunker im Untergeschoss. Jetzt hatte ich eine richtige Wohnung und konnte essen, wo immer ich wollte. So erlebte ich New York sehr unterschiedlich. Diese zwei Facetten von New York - arm und reich - sind ebenfalls wie im Traum. Aber ich wollte nie Flugaufnahmen der Skyline machen. Die bringt jeder, wenn er dort einen Film dreht. Der einzige ikonenhafte Ort in meinem Film ist die Brooklyn Bridge.

ON: Wie hast du die Übergänge im Film bewerkstelligt?

MF: Die wurden alle im Vorfeld, als ich mit den ersten Gedanken zum Film startete, geplant. Das war stets eines der Schlüsselelemente im Erzählen der Geschichte. Alles war in Storyboards festgelegt.

ON: Wer machte die Musik für den Film?

MF: Der Score wurde von Asche & Spencer gemacht. Ich habe mit ihnen für Monster's Ball bereits zusammengearbeitet. Ich schickte ihnen das Script und sagte nur, sie sollen dafür die Musik komponieren. Ich wusste, dass ich acht Stunden Musik für den Film brauchen würde. Als ich die Musik erhielt, wurde ich teilweise von ihr inspiriert und folgte der Richtung, die sie mich wies. Zudem spielten wir sie während des Schnitts zusammen mit dem Editor. Wir suchten uns das jeweils passende Stück heraus und prüften, ob's passst. Auf diese Weise wuchs der Film und wurde immer besser. Der Massive Attack Song im Strip Club kam dazu, als wir vor dem Dreh den Ort fotografierten. Wir spielten "Angel" und es passte.

ON: Du hattest mit Monster's Ball und Finding Neverland ziemlichen Erfolg. Stay scheint da anders zu funktionieren. Wie gehst du mit der negativen Presse um?

MF: Ich wusste schon, bevor ich mit dem Film begann, dass das kein finanzieller Blockbuster werden würde. Es ist ein sehr persönlicher Film, den ich nicht für die gesamte Welt gemacht habe. Es ging nicht darum, einen King Kong zu drehen. Ich wusste von Anfang an, dass die Leute ihn entweder lieben oder hassen würden. Das war so offensichtlich, dass ich mich um die Meinung der Presse gar nicht gekümmert habe.

ON: Dein nächster Film ist Stranger than Fiction, eine Komödie mit Will Ferrell. Stimmt es, dass Komödien filmisch die grösste Schwierigkeit darstellen?

MF: Ja, die Komödie ist am schwierigsten. Denn wenn niemand lacht, funktioniert der Film nicht. Deshalb habe ich eine zeitlang gewartet, bis ich mich nun entschlossen habe, eine Komödie zu drehen. Das Skript war für mich sehr speziell. Es beinhaltet soviel Menschlichkeit und ist sehr lebensbejahend. Nach Stay brauchte ich einen Film, der mich wieder etwas aufmunterte.

ON: Wurde der Film bereits einem Testpublikum vorgeführt? Weisst du schon, ob er "funktioniert"?

MF: Ich habe den Rohschnitt bereits fertig und danach gab es ein kleines Testscreening. Es funktionierte. Ich bin sehr zufrieden damit.

ON: Ich habe gelesen, dass dein nächstes Projekt 36 sein wird, ein Remake von 36 Quai des Orfèvres. Was ist mit The Kite Runner passiert?

MF: The Kite Runner ist noch immer eine Option. Das mit 36 ist nicht wahr. Ich wurde angefragt, habe aber abgelehnt. Mit dem habe ich nichts zu tun.

Quelle: OutNow.CH

13.02.2006 00:00 / rm


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