The Life Aquatic: Interview mit Anjelica Huston

Von den vielen Menschen, die OutNow.CH in Berlin zum Interview traf, kam nur eine zu spät. Und zwar zünftig. Die Entschuldigung: "I'm a little retarded this morning."

Dabei ist Anjelica Huston schon so lange im Geschäft. Sie sollte eigentlich wissen, was sich geziemt. Ihr Vater, der Regisseur John Huston wollte zwar nicht, dass sie Schauspielerin wird. Doch gegen Anjelicas Dickschädel haben sich wohl nur wenige durchsetzen können. Und wer es 16 Jahre mit Jack Nicholson ausgehalten hat, der verdient es auch, dass man auf ihn wartet.

OutNow.CH (ON): The Life Aquatic ist Ihre zweite Zusammenarbeit mit Wes Anderson. Auch dieses Mal ist es ein Film über exotische, fast schon comic-hafte Charaktere. Ist dies eine Art Film, die Sie besonders fasziniert?

Anjelica Huston (AH): Ich glaube, das muss wohl so sein. Sie haben das sehr schön gesagt. Ich mag Charaktere. Ich bin immer froh, nicht eine vorhersehbare Rolle spielen zu müssen, wie man es heute oft in konventionellen Filmen sieht. Ich mag Rollen mit einem gewissen Etwas, mit Ecken und Kanten. Deshalb passe ich auch so gut in Wes' Welt - ich nenne es "Wesworld". Wes kreiert sein eigenes Universum. Er ist dabei sehr konkret. Es ist wunderbar, in dieses Universum einzutreten. Es ist so eine Art "erweiterte Realität". Ich mag es, wie seine Filme aussehen. Nur er kann sowas. Er ist ein richtiger Auteur.

ON: Wie kommt es, dass sie immer wieder in Filmen von Wes Anderson auftreten?

AH: Als ich The Royal Tenenbaums mit Wes drehte, lief das sehr konventionell ab. Ich erhielt einen Anruf von meiner Agentin, die mich fragte: "Hast du Bottle Rocket und Rushmore gesehen?". Ich hatte Rushmore gesehen, nicht jedoch Bottle Rocket. Meine Agentin sagte: "Wes Anderson möchte dich gerne in New York treffen". Ich wusste nicht, dass es bei diesem Treffen konkret um ein Engagement gehen sollte. Ich dachte, Wes wolle einfach hallo sagen oder sonst etwas in der Art. Wir trafen uns also in New York zum Frühstück und ich mochte ihn sofort. Er sagte, er sei dabei ein Drehbuch für einen Film namens The Royal Tenenbaums zu schreiben und dass er sich freuen würde, wenn ich es mir einmal anschauen würde. Als er es fertig geschrieben hatte, schickte er mir das Drehbuch also zu. Ich mochte es sehr, meine erste Reaktion darauf war, dass es von einer sehr interessanten Beziehung handelte. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass gegen Ende des Films ein Art Aussöhnung zwischen den Figuren Royal und Etheline stattfinden sollte. Wes dachte darüber nach und schrieb schliesslich eine wunderschöne Szene mit den zwei Charakteren, am Ende des Films, im Park. Das überzeugte mich, dass ich diesen Film wirklich machen wollte.

In den letzen Wochen der Dreharbeiten zu The Royal Tenenbaums hatten Bill Murray und ich eine Szene vor Gwyneth Paltrows Badezimmertür. In dieser Szene schiebt Gwyneth den Schlüssel unter der Tür durch, ich bücke mich, um ihn aufzuheben, und Bill und ich kommen zusammen ins Bild. Nach dieser Szene sagte Wes: "Ich mag es, wie ihr zusammen ausseht. Ich denke zur Zeit über einen Unterwasserfilm nach. Darf ich euch das Drehbuch dazu schicken?". Ich war einverstanden. Mehrere Monate später kam dann das Skript.

ON: Was war Ihre erste Reaktion auf das Skript?

AH: Ich mochte es sehr. Ich hatte ein paar eigene Ideen dazu und Wes war sehr kooperativ. Es ist immer sehr schön mit Wes zusammen zu arbeiten, weil er Zeichnungen und Fotografien schickt und so eine Konversation entsteht. Ich finde seine Ethik bei der Arbeit sehr amüsant, unberechenbar und interessant. Auf dem Set von The Royal Tenenbaums hatte ich schon viel über den "Unterwasserfilm" gehört und dachte "fantastisch!". Gerade in diesem kleinen Haus in Harlem, mitten im Winter war die Vorstellung, in Rom und auf dem Meer zu sein sehr verführerisch. Allerdings wusste ich da noch nicht, dass es dann Januar sein würde... Ich liebe Wes und ich war sehr glücklich, dass er mich für diesen Film berücksichtigen wollte.

ON: Was ist das für ein Gefühl, wenn einem eine Rolle auf den Leib geschrieben wird? Hat Ihnen Wes einmal erklärt, weshalb gerade Sie "The brain behind Zissou" sein sollten?

AH: Das war eines der Dinge, die ich wirklich sehr mochte, besonders wenn man bedenkt, dass ich in der Schule eine Niete war. Der Kopf der Mission zu sein, hat mich sofort verführt. Und ich fühlte mich sehr geschmeichelt, das Wes wieder mit mir zusammen arbeiten wollte. Sie wissen ja, wie das ist, wenn man jemanden wirklich mag - man ist glücklich, wenn einem diese Person ebenfalls gut leiden kann.

ON: Hatten Sie als Tochter von John Huston das Gefühl, eine Art "Wunderkind" zu sein? Und konnten Sie sich deshalb spezielle gut mit ihrer Filmfigur in Wes Andersons Film identifizieren?

AH: Es war so eine Art Kombination von "Wunderkind" und "debiles Kind". Ich bin in Irland aufgewachsen, aber meine Eltern waren Amerikaner. Da wir zudem in einem sehr ländlichen Gebiet an der Süd-West Küste von Irland lebten, war ich schon ein Sonderfall in unserer Nachbarschaft. Ich hatte Hauslehrer bis zum Alter von acht oder neun Jahren. Danach ging ich während zwei Jahren in eine irische Klosterschule, allerdings als Externe. Dann zogen meine Eltern um. Ich ging mit meiner Mutter nach London, wo sie mich in ein französisches Lycée steckte. Obwohl ich französische Hauslehrer gehabt hatte, war meine Niveau ziemlich tief und in den Augen der Leute vom Lycée war ich einfach sehr dumm. Ich wurde in die Stufe gesteckt, die auf den Kindergarten folgt und sie drohten mir, mich ein weiteres Jahr dort zu behalten. Irgendwann dämmerte es dann meiner Mutter, dass dies keine sehr tolle Situation für mich war. Ich fühlte mich also wechselweise sehr dumm und sehr speziell.

ON: Können Sie etwas über Ihren Vater sagen? Sein Leben, sein Vermächtnis und seine Persönlichkeit? (Anjelicas Vater, John Huston, war selber Schauspieler und Regisseur. Er spielte/führte Regie in über vierzig Filmen.)

AH: Natürlich. Ich habe unglaublich viel von ihm gelernt. Er war eine unheimlich mutige Person. Ich habe ihn in vielen verschiedenen Situationen gesehen - er war einmalig. Ich kenne niemanden wie ihn. Es ärgert mich immer, wenn die Leute ihn als "hemingwayesque" bezeichnen, weil ich glaube, dass er einfach ganz sich selber war. Er war "hustonesque". Ich habe nie gesehen, dass er Angst gezeigt hätte. Er war sehr fordernd, was manchmal auch schwierig war. Ausserdem war er sehr kritisch, eine Eigenschaft, mit der ich oft Probleme hatte - ich mag es nicht, wenn ich kritisiert werde. Deshalb bin ich Schauspielerin (lacht). Mein Vater hat mir immer Mut gemacht, Dinge zu tun, vor denen ich Angst hatte. Ich weiss nicht, ob ich auch nur annähernd so mutig bin, wie er es war, aber es war etwas, auf das er sehr viel Wert gelegt hat. Er las viel und hatten einen Forscherdrang. Ich glaube, am besten habe ich ihn am Ende seines Lebens kennen gelernt, als er im Spital war. Obwohl es sehr hart für uns Kinder war, ihn so geschwächt zu sehen, war es dennoch wunderbar, seinen Geschichten zuzuhören und ihn auf eine Art und Weise kennen zu lernen, die früher nie möglich war, weil er immer unterwegs war und arbeitete.

ON: Was halten Sie von Clint Eastwood und seiner Art, wie er Ihren Vater in White Hunter porträtierte?

AH: Er hat sich Mühe gegeben. Das Problem liegt im Prinzip an einer anderen Stelle: Meine Kritik an diesem Film ist mehr eine Kritik an der Buchvorlage und weniger an Clints Umsetzung. Ich denke, Clint hat seine Arbeit gut gemacht. Die Prämisse von "White Hunter Black Heart" ist allerdings nicht ganz richtig. Peter Viertel (der Autor von "White Hunter Black Heart") beschreibt meinen Vater als einen Menschen, den es mehr interessiert, einen Elefanten abzuschiessen als einen Film zu machen. Und das glaube ich einfach nicht! Das war eine ganz andere Zeit, damals. Es war sicher anders als heute, nun da diese riesigen, wunderschönen Tiere dem Aussterben nahe sind. Es ist sehr schwierig, wenn man sieht, wie jemand, den man so gut kennt wie seinen eigenen Vater, von jemand anderen repräsentiert wird. Ich glaube einfach, der Stil des Films war nicht sehr gut und überhaupt nicht so, wie mein Vater war.

ON: Hatten Sie jemals das Bedürfnis, in dieser Sache Nachforschungen zu betreiben?

AH: Meine Assistenten machen manchmal Nachforschungen für mich, ich habe aber niemanden speziell für Nachforschungen in dieser Sache angestellt.

ON: Sie scheinen Familienporträts besonders zu mögen - Sie spielten in der Adams Family mit, bei den Royal Tenenbaums und jetzt in diesem Film.

AH: Ich glaube eben, dass die Familie die Basis des ganzen menschlichen Lebens ist, so, wie wir es kennen. Die Familiendynamik ist die faszinierendste Dynamik der ganzen Menschheit. Wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, und wie die Kinder darauf reagieren. Wie man als Kind Schwierigkeiten überwinden muss, um mit seinen Eltern zurecht zu kommen. Ich glaube, deshalb zieht mich diese Thematik so an.

ON: Stimmt es, dass Ihr Ehemann einen Auftritt in The Life Aquatic hat?

AH: Ja, das ist richtig. Er hat sich beklagt, dass er nicht länger zu sehen ist im Film. Man sieht ihn in einer ganz kurzen Nahaufnahme - er spielt einen venezolanischen General. Der Tag, an dem er seine Szene drehte, war übrigens mein schwerster Tag auf dem Set, weil er meinen Wohnwagen mit seinen Zigarren und Ehrenmedaillen und Kostümen belegte. Falls er vor hat, öfters zu schauspielern, schlage ich ihm deshalb vor, dass er sich einen eigenen Wohnwagen zulegt...

ON: Würden Sie es denn begrüssen, wenn er vermehrt schauspielern würde?

AH: Ich weiss nicht, ob er damit weiter machen wird. Auf jeden Fall nicht in meinem Wohnwagen!

ON: Was macht mehr Spass: eine Komödie oder ein Drama zu drehen?

AH: Es ist definitiv witziger eine Komödie zu drehen. Obwohl ich auch eine grossartige Zeit hatte, als wir The Grifters filmten, ein unkonventionelles Drama. Aber da gab es dieses Gefühl eines "kleinen, gemeinen Geheimnisses" - es ist super, Filme zu drehen, die eine solches Geheimnis haben. Das Tolle daran, eine Komödie zu drehen, ist zudem die gehobene Stimmung - alle sind irgendwie gut gelaunt. Am allerliebsten mache ich allerdings Filme, die gut geschrieben sind und tolle Dialoge haben. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich The Grifters so mochte: Ich hatte fantastische Dialoge.

ON: Werden Sie auch weiterhin als Regisseurin arbeiten?

AH: Ich habe gerade bei meinem dritten Film Regie geführt. Der Film ist für das Fernsehen, ich drehte ihn für CBS nach The Life Aquatic. Ich habe den Film hauptsächlich deswegen gemacht, weil mich Rosie O'Donnell fragte, ob ich die Regie für ein Stück namens Riding the Bus with my Sister, in dem sie mitspielte, übernehmen würde. Ich bin ein grosser Fan von Rosie. Sie ist eine wunderbare Person und eine aussergewöhnliche Schauspielerin. Das hat mich dazu verführt, die Regie zu übernehmen.

Quelle: OutNow.CH

18.02.2005 00:00 / rm


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