NIFFF 2006: Stagnation oder Wendepunkt?
Nach dem Trara 2005 war dass NIFFF in diesem Jahr Routine. Doch was bringt die Zukunft?

Omnipräsent am NIFFF 06: George A. Romero
Die endgültige Etablierung des Festivals du Film Fantastique in Neuchâtel (NIFFF) als ernstzunehmende kulturelle Veranstaltung der Schweiz erfolgte im letzten Jahr mit dem erstmaligen Budget-Zustupf vom Bundesamt für Kultur und der international beachteten Verleihung der goldenen Méliès. Im Jahr eins nach der erfolgreich verlaufenen Reifeprüfung kehrte die gewohnte Routine zurück. Im Gegensatz zu den NIFFF-Regulars mussten sich die dieses Jahr noch ein bisschen zahlreicher erschienenen Deutschschweizer Besucher noch an alles Gute (die Publikumsnähe der internationalen Stargäste, die sich dieses Jahr darin manifestierte, dass George A. Romero quasi ständig am Autogramme geben war), wie auch das weniger Gute (Komfortmängel vor sowie nach Einlass ins Kino) gewöhnen. Das NIFFF bleibt mit seiner Grundidee, die der M. Cinema Nicolas Bideau mit dem Entdecken von Filmen, die es normalerweise nicht in die Schweiz schaffen, an einer Podiumsdiskussion treffend umschrieb, das coolste Filmfestival der Schweiz.
<b>Droht die Stagnation?</b>
Die Gefahr lauert aber nun in einer gewissen Form von Sattheit, die leicht in eine Trägheit umkippen kann, welche dem Festival schaden könnte. Sechs Jahre, die der Festival-Direktor Olivier Müller und seine rechte Hand und künstlerische Leiterin Anaïs Emery nun schon für das NIFFF investiert haben, sind eine lange Zeit. Man kann mit dem Erreichten sicherlich zufrieden sein, aber die Stagnation darf für ein Festival, das sich in seiner Eigendefinition für das Sprengen von allerlei Grenzen einsetzt, nicht das Ziel sein. Mittlerweile sind Müller und Emery Eltern geworden. Vielleicht war das mit ein Grund, dass vor allem Müller weniger öffentliche Auftritte hatte als bei früheren Editionen und das diesjährige Programm seine Schwächen hatte.
Die Retrospektive über die unbekannteren Superhelden dieser Welt war zwar gewohnt skurril wie einzigartig. Dass das asiatische Horrorkino nun schon seit Jahren fast ausschliesslich kleine Mädchen anbietet, welche das Publikum erschrecken, darf den Organisatoren auch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Sektion "New Cinema from Asia" bot den gewohnten Mix aus ein bisschen Thriller, etwas Klamauk, Wuxia, dem obligaten Miike-Film und neuerdings sogar einem Porno. Nur hatte man dieses Mal oft das Gefühl, dass es sich um beliebige Füller im Programm handelte. Ein Gefühl, das einem auch beim Internationalen Wettbewerb übermannte.
<b>Die Jury-Entscheide</b>
Die Beiträge aus skandinavischen Ländern schwangen darin obenauf. Die Jury um George A. Romero entschied sich deshalb wenig überraschend dafür, die nordische Überdurchschnittlichkeit zu entlöhnen. The bothersome Man aus Norwegen gewann den Hauptpreis "Narcisse" und der schwedische Beitrag Storm wurde lobend erwähnt. Da Adam's Apples schon einen silbernen Mélies in Brüssel abstauben konnte, blieb dem besten Film des Festivals nur die Gunst des Publikums und der Prix de la Jeunesse. Der silberne Méliès aus Neuchâtel für den besten europäischen Film, der gleichbedeutend ist mit einer Nomination für das Rennen um den goldenen Méliès, musste so auch an The bothersome Man gehen. Die sieben restlichen Filme blieben chancenlos. Johanna und Venus Drowning hatten es als Frauenproblemfilme schwer in den wie immer von Männern dominierten Jurys. Die anderen waren klassische Genrefilme aus Frankreich (Ils), Schweden (Frostbiten) oder den USA (The Hills have Eyes) und ein russischer Beitrag (The First on the Moon), der ein bisschen wirkte wie ein Überbleibsel aus der letztjährigen Retrospektive "Invaders from Marx". Die schwulen Samurais Taji und Kita hätten zu guter letzt genauso gut in die asiatische Sektion gepasst. In diesem Wettbewerb erhielt im übrigen SPL aus Hong Kong den Preis der Filmzeitschrift Mad Movies.
<b>Eroberung der deutschen Schweiz?</b>
Da auch am Ende dieses Festivals wieder die Rede war vom grossen Open-Air-Kino, das für mehr Platz und Komfort sorgen soll, bleibt die Hoffnung, dass neben der Logistik auch das Programm wieder besser wird. Denn von dieser im Hochsommer tatsächlich eine spürbare Verbesserung für den Zuschauer bedeutenden Neuerung spricht man nun schon länger am Neuenburger See. Innovationen sind tatsächlich gefragt. Dafür sind wie so oft mehr Gelder benötigt, die es vielleicht nur in der Deutschschweiz zu holen gibt. Was wurde eigentlich aus dem Supplément an Filmen aus dem NIFFF-Programm, das seinen Weg auch nach Zürich fand? Heute scheint es eher so, dass man am Neuenburger See froh ist, dass nicht noch mehr Deutschschweizer die Säle im Kino Apollo an den Rand des Platzens bringen.
Andererseits hört man, dass hinter den Kulissen schon sehr laut und lange über den Umzug des NIFFF nach Luzern nachgedacht wurde. Das erstaunt für den in Neuchatel auch in Sachen Sponsoren sehr gut verwurzelten Anlass sehr. Doch logistisch ist das Festival langsam aber sicher an seine Grenzen gestossen. Ob der Umzug nach Luzern wirklich den nötigen Schub fürs Programm und die Organisation sein kann, wird sich weisen. Viel besser sind die Kinos in der Leuchtestadt ja auch nicht, und ob langjährige Hauptsponsoren wie die Télévision Suisse Romande und die Neuenburger Kantonalbank beim Wegzug aus dem Stammland mitmachen, ist mehr als fraglich. So ist zwar ein Wille gegen die Stagnation anzukämpfen zu erkennen, wie sich das NIFFF aus der verzwickten Lage befreien wird, werden wir wohl erst im nächsten Jahr wissen.
Quelle: OutNow.CH
Links zum Thema:
Die NIFFF-Highlights 2006
Die offizielle NIFFF-Website
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