Page One: A Year Inside the New York Times (2011)
Page One: A Year Inside the New York Times (2011)
Oder: Das grosse Zeitungssterben
Die New York Times ist ein Titan im Newsgeschäft, in vielen Augen die wichtigste Tageszeitung Amerikas - wenn nicht gar der Welt. Doch heutzutage sind nicht einmal mehr Titane unverwundbar: Zeitungen auf der ganzen Welt verbuchen drastische Einkommensrückgänge, während sich der Konsument seine Informationen immer mehr auf Blogs und Online-Newsportalen holt, weshalb grosse Häuser wie der Chicago Tribune oder der Boston Globe bereits am Rande des Bankrotts stehen. Könnte dieses Schicksal auch einmal die NYT treffen?
Diese Frage untersucht Andrew Rossi in seinem Dokumentarfilm Page One: A Year Inside the New York Times, für den er eine handvoll Journalisten ein Jahr lang begleitete. Da wäre etwa der Aufsteiger Brian Stelter, der sich ohne Journalistenausbildung mit einem News-Blog einen Namen machte und daraufhin zur Times geholt wurde. Oder aber David Carr, ein Urgestein unter den Reportern, der sich noch immer auf handgemachte Recherche verlässt. Wie gehen diese unterschiedlichen Personen mit dem Wandel in der Medienwelt um?
Kinofilm-Rating
Page One beginnt gewissermassen dort, wo State of Play aufhört: Die Druckerpressen rattern, und über das Fliessband erblickt eine neue Ausgabe der New York Times das Licht der Welt. Dieses Symbolbild hat zweifellos etwas Nostalgisches, kennen wir es eben aus unzähligen Hollywoodfilmen wie auch The Godfather, und Andrew Rossi kontrastiert es sogleich mit einer Kaskade von Hiobsbotschaften, die den Untergang des Zeitungsmediums zu beschwören scheinen.
Im Verlaufe des Filmes zeigt er jedoch, dass es noch nicht ganz so schlimm steht: Die NYT mag nicht mehr die Erste sein, die eine Neuigkeit an die Leserschaft bringt, dafür versprechen ihre Recherchen ein Mass an Details und Faktentreue, mit dem die meisten Blogs nicht konkurrieren können. Insofern ist es beruhigend zu sehen, wie ein Journalist wie Carr durch "altmodisches" Herumtelefonieren und eine Recherchedauer von zwei Wochen noch immer grosses Echo mit einem Artikel hervorrufen kann.
Dies stellt jedoch auch den grössten Kritikpunkt des Filmes dar: Gerade die Art, wie das grosse Idol Carr dargestellt wird, lässt an kritischer Distanz vermissen. Wenn es um einen konkreten Fall geht, sind die Rollen der "Guten" und der "Bösen" etwas zu rasch verteilt als man es von einem Film über dieses Thema erwarten würde. Natürlich ist dies dadurch zu erklären, dass die zahlreichen Themen vereinfacht dargestellt werden mussten, da sie in erster Linie als Beispiele für den Alltagsablauf der Journalisten dienen - eine wirkliche Entschuldigung ist dies jedoch nicht.
Hat Rossi also einen unjournalistischen Film über den Journalismus gemacht? Dies wäre sicherlich eine übertriebene Behauptung, denn eine gewisse Begeisterung und Subjektivität gegenüber dem eigenen Metier ist sicherlich erlaubt. Wenn im Büro eines Redaktors ein grosses Citizen Kane-Poster hängt, dann beschwört Page One schlussendlich denselben Berufsmythos herauf: der des vielbeschäftigten und sympathisch-chaotischen Schreiberlings, der sich gegen die grossen Organisationen stellt und am Ende der Wahrheit zum Durchbruch verhilft. Ein Film für Zeitungsfritzen? Ja, aber nicht nur.
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