Jane Eyre (2011)

Jane Eyre (2011)

Oder: Das Geheimnis lauert im 3. Stock

Jane Eyre

*Eskimokuss*

England im 19. Jahrhundert: Die Waise Jane Eyre sollte eigentlich bei ihrer reichen Tante Mrs. Reed (Sally Hawkins) aufwachsen; da diese das Mädchen jedoch für lasterhaft und hinterhältig hält, schiebt sie ihre Nichte kurzerhand in eine strenge Mädchenschule ab. Nach leidvollen Jahren verlässt Jane (Mia Wasikowska) die Schule als gebildete, junge Erwachsene und erhält eine Anstellung als Gouvernante eines kleinen französischen Mädchens auf Thornfield Hall. Die Haushälterin Mrs. Fairfax (Judi Dench) nimmt sie wohlwollend auf, und erstmals darf Jane das Gefühl erleben, ein Zuhause zu haben. Nachts ereignen sich jedoch seltsame Dinge; man munkelt sogar, in Thornfield Hall treibe ein Geist sein Unwesen.

Jane Eyre

Die zeitgenössische Frisurmode trieb Jane in tiefste Depressionen.

Als der Herr des Hauses, der unberechenbare Mr. Rochester (Michael Fassbender), in sein Landhaus zurückkommt, findet er schnell Gefallen an Jane. Rochester geniesst es, eine junge, kluge Frau um sich zu haben, die es wagt, ihre Meinung zu sagen. Auch Jane hat sich bald in Rochester verliebt, glaubt jedoch, dass Rochester plant, eine Adlige zu heiraten. Was Jane jedoch nicht weiss: In Rochesters Vergangenheit lauert ein düsteres Geheimnis, dessen Aufdeckung sie bald zur Flucht aus Thornfield Hall veranlassen wird.


Kinofilm-Rating

Verfilmungen beliebter Literaturklassiker bedeuten oft einen grossen Aufwand in Sachen Dekor, Kostüme sowie Starpower. Gerade, wenn die BBC involviert ist, darf grundsätzlich ein hohes Produktionsniveau erwartet werden. Jedoch neigen solche filmischen Umsetzungen oft zu Überlänge oder werden "bloss" als Mehrteiler fürs Fernsehen produziert. Wenn dann ein Roman wie Charlotte Brontës Jane Eyre als nur 120 Minuten langer Film umgesetzt wird, ist zu befürchten, dass einiges der Adaptionsschere zum Opfer fallen muss.

Tatsächlich dürften auch den Zuschauern, die mit der Vorlage nicht vertraut sind, einige Auslassungen deutlich auffallen. Janes Leidenszeit in der Schule etwa wird fast völlig übersprungen. Trotzdem schafft der Film es sehr gut, die Story ohne allzu grosse Löcher einzufangen. Dies liegt wohl auch an der Erzählstruktur: Während Franco Zeffirelli in der letzten Kinoversion von Jane Eyre (mit Charlotte Gainsbourg und William Hurt in den Hauptrollen) die Romanhandlung noch linear erzählt hatte, setzt Cary Fukunagas Version in medias res ein, springt dann in der Zeit zurück und streut immer länger werdende Rückblenden ein. Dies ermöglicht, viele Facetten von Janes Leben aufzuzeigen, ohne den Film durch Überlänge zu sehr zu beschweren.

Die stimmige Atmosphäre wird zu einem grossen Teil durch die romantisch-rauen Landschaftsbilder sowie durch die einfühlsame Musik generiert; Erinnerungen an Joe Wrights Pride & Prejudice sind wohl unvermeidlich, schliesslich stammt der zarte Score in beiden Filmen von Dario Marianelli. Viele Einstellungen gegen das Licht sowie dunkle Szenen bei Kerzenlicht nutzen das intensive Spiel von Licht und Schatten. Die so erzeugten Bilder sind zwar eindrucksvoll, nehmen allerdings viele Filmminuten in Anspruch, sodass manchmal Form etwas über den Inhalt zu gehen scheint.

Wie es sich für anständige Klassiker-Verfilmungen gehört, kann die Besetzung bis zu den Nebenrollen viele bekannte Gesichter vorweisen, so etwa Judi Dench, Sally Hawkins und Jamie Bell. Mia Wasikowska (Alice in Wonderland) in der Hauptrolle wirkt blutjung und stellt einen krassen Gegensatz zu früheren Interpretationen der Rolle dar. Die Sympathien des Publikums hat sie zwar stets auf ihrer Seite, jedoch wirkt sie teilweise fast zu jung und zerbrechlich für die starke, selbstbewusste Jane. Michael Fassbender hingegen kann vollends überzeugen und bestätigt ein weiteres Mal seine Wandlungsfähigkeit: Sein Mr. Rochester ist unverschämt, leidenschaftlich und trägt den Romantikfaktor des Filmes fast völlig auf seinen Schultern. Kaum zu glauben, aber an ihm sieht sogar ein altmodischer Backenbart noch richtig sexy aus.

Die neuste Jane-Eyre-Adaption ist eine solide Umsetzung eines Literaturklassikers, fast schon wie aus dem Lehrbuch. Schöne Bilder, überzeugende Darsteller und eine annehmbare Länge machen den Film zur perfekten Unterhaltung für einen gehobenen Romantikabend. Für den ganz grossen Wurf reicht's leider nicht. Fassbenders leidenschaftliche Interpretation des Mr. Rochester dürfe jedoch alleine schon ein Grund sein, dass frau den Weg ins Kino findet.

4.9 Sterne
4.9 Sterne (23 Bewertungen) | 1 Kommentar

4.54.5
12.07.2011 / pps