The Forgiveness of Blood (2011)

The Forgiveness of Blood (2011)

Oder: Dem Gesetz unterworfen

The Forgiveness of Blood

Stairway to Heaven

Der siebzehnjährige Nik (Tristan Halilaj) steht kurz vor dem Schulabschluss und ist zum ersten Mal richtig verliebt. Er entwickelt mit einem Freund Pläne zur Eröffnung eines Internetcafés. Seine fünfzehnjährige Schwester Rudina (Sindi Lacej) möchte nach der Schule mit dem Studium beginnen.

Doch die Pläne und Träume der beiden finden ein jähes Ende. Ihr Vater hat, gemeinsam mit seinem Bruder, mit einem Nachbarn einen Streit um Landbesitz begonnen, der für den Nachbarn tödlich endet. Niks Vater wird des Mordes angeklagt. Dem nicht genug, verbieten es die strengen Vorschriften des Kanun, eines jahrhundertealten Gewohnheitsrechts in Albanien, allen männlichen Familienmitgliedern das Haus zu verlassen, bis der Fall endgültig geklärt ist. Solange sich der Vater versteckt hält, dürfen sich Nik und sein jüngerer Bruder nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Fortan ist die Familie auf Rudina angewiesen, die die Schule verlässt, um die Geschäfte des Vaters weiterzuführen. Während sie in der neuen Aufgabe aufgeht, führt die Isolation bei den Brüdern zu Frustration und zu Zorn.


Film-Rating

Was genau geschehen ist, kann keiner wirklich wiedergeben. Aus Bruchstücken wird versucht, den tatsächlichen Hergang des Geschehens zusammenzusetzen. Sicher ist nur, dass ein Mord geschehen ist, ob beabsichtigt oder aus Notwehr, niemand weiss es genau. Joshua Marstons Film The Forgiveness of Blood ist in Albanien gedreht worden, einem Land, in dem seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft vereinzelt die Tradition der Blutrache wieder aufgekommen ist; eine tödliche Fehde zwischen Nachbarn, bei der es, wie im Film geschildert, tatsächlich dazu kommt, dass Männer mitunter für Jahre eingesperrt in ihren Häusern leben, weil ihre Familien sich befehden.

Es ist eine moderne, zugleich aber auch merkwürdig altmodische Welt, die sich vor unseren Augen eröffnet. In unserer europäischen Welt ist kein Platz für den Kampf um die Ehre, der bis aufs Blut geht und das Leben aufgrund eines archaischen Gesetzes einschränkt. Das ist jedoch nur ein Teil von Marstons Drama, das neben der Frage nach Ehre und Gerechtigkeit die beiden Jugendlichen in den Vordergrund stellt. Sowohl Nik als auch Rudina sind betroffen und sehen sich plötzlich aus ihrem Alltag gerissen. Mitten in einer der Phase der Selbstfindung, der Zukunftspläne und der ersten Liebeleien werden sie plötzlich zum Rückgrat der Familie. Insbesondere Rudina trifft es, die die schwere Aufgabe auferlegt bekommt, die Existenz der Familie sicherzustellen und die Geschäfte des Vaters weiterzuführen. Resignation und Angst vor Überforderung wechseln alsbald in Ehrgeiz, die Aufgabe so gut wie möglich zu meistern. Nik dagegen kommt mit dem Eingesperrtsein nicht zurecht, fühlt sich zu Recht in seiner Freiheit eingeschränkt, hat Angst, dass ihm das Mädchen, um das er wirbt, weglaufen wird. Der Frust über die Isolation baut sich langsam auf, entlädt sich vor allem bei den Kurzbesuchen des Vaters und führt zu Zerstörungswut.

Joshua Marston schildert diese Geschichte stets nah an seinen Figuren, die mit ihrer Mimik mehr zu sagen haben, als es manche Geste ausdrücken könnte. Erschreckend ist es, dass Menschen heutzutage solchen Zwängen und Vorgaben unterworfen sind. Dieser Film rüttelt aber auch wach und zeigt, wie gut es uns eigentlich geht in unserer modernen, aufgeschlossenen Welt.


OutNow.CH:

Bewertung: 4.04

 

19.02.2011 / jst

Community:

Bewertung: 4.3 (2 Bewertungen)

 

 

» Deine Wertung?

Kommentare:

0 Kommentare