Call It A Balance In the Unbalance (2011)
Call It A Balance In the Unbalance (2011)
Oder: Arabische Mode verkauft sich schlecht nach 9/11
Miguel Adrover wuchs in einem 200-Seelen-Dorf auf Mallorca auf und verliess mit 11 Jahren die Schule, um den Eltern auf dem Hof zu helfen. Bei ihm zu Hause gab es keinen Fernseher, und es kam auch regelmässig zu Stromausfällen. Nur über die Touristen erfuhr er von der weiten Welt und davon, was sich jenseits der Grenze seiner Insel noch befand. Mit 17 flog er zum ersten Mal nach London, und damals tat sich ihm eine neue Welt auf. Denn zum ersten Mal sah er, wie die Menschen nur mit der Kleidung gegen die Gesellschaft rebellierten.
Schliesslich kam er 1991 in New York an, präsentierte dort im Jahre 2000 seine erste Kollektion aus alten Louis-Vuitton-Taschen und schneiderte aus der Matratze des verstorbenen Entertainers Quentin Crisp einen Mantel. Ab da galt Miguel Adrover in der Modewelt als kleine Sensation, und das brachte ihm nicht nur viel Erfolg, sondern auch finanzstarke Partner für weitere Unternehmungen ein. Kaum ein Jahr später verliess ihn jedoch das Glück. Im Nachbeben des 9/11-Anschlags wurde dem Modemacher die Unterstützung gestrichen, und der Stern verblasste so schnell, wie er gekommen war. Heute lebt er wieder zurückgezogen auf Mallorca und arbeitet weiterhin erfolgreich an neuen Kollektionen für eine private Firma. Ein Porträt eines kreativen Freidenkers.
Kinofilm-Rating
"Nothing is more scary than reality" ist eines der Zitate von Miguel Adrover, die bei einem der Interviewpartner Eindruck hinterlassen haben, weshalb es auch aufschlussreich ist, warum die Karriere von Miguel Adrover nur von relativ kurzer Dauer war, denn seine Mode war sehr stark in der Realität verankert. Sei es politisch oder auch kulturell - es gab zu viele Referenzen, die aneckten. Kurz vor 9/11 arbeitete er nämlich an einer Kollektion, die arabisch angehaucht war und beschäftigte sich auch mit den Taliban, um ihre kulturellen und modischen Hintergründe zu erkunden. Dies war jedoch auch das Ende seiner Karriere, denn wer wollte nach 9/11 schon eine Kollektion kaufen, die arabisch angehaucht war? Deshalb wurden ihm auch alle Mittel wieder gestrichen, die er nach seiner ersten erfolgreichen Show zugesichert bekam, und er stand wieder mit nichts da.
Call It A Balance In the Unbalance versucht zum einen, die Lebensgeschichte von Miguel Adrover aufzuarbeiten und auch den Rebell zu porträtieren, der schon einige Male wegen seiner zum Teil mehr oder weniger absichtlichen Provokationen im Gefängnis gelandet oder angeklagt worden ist. Dies versucht der Film durch Interviews mit Adrovers nächsten Freunden und Eltern sowie auch durch Videoschnipsel von vergangenen Modeschauen und aktuellen Projekten zu erreichen. Dies führt zu einigen unterhaltsamen Dialogen und Anektoten die doch einen guten Einblick in seine Gedankenwelt geben. Allerdings wird auch bald wird klar, dass die wichtigsten Informationen bereits in der Kurzinhaltsangabe stehen und der Film selber kaum noch Neues hinzufügt. Neben schlecht gefilmten Verhandlungen über die neue Kollektion ist es substanziell sehr dünn und hat auch viel Füllmaterial drin, das den Film auf die Spiellänge von über siebzig Minuten aufbläst, aber nicht viel Mehrwert bringt.
Fazit: Call It A Balance In the Unbalance soll ein Porträt über einen Mode-Designer sein, doch wirklich erzählt wird nur wenig: nur ein paar Eckpunkte aus dem Leben, und wenn man sich schon etwas für die Modewelt interessiert hat, wird kaum etwas Neues gezeigt. Viel interessanter wäre gewesen, wie so eine neue Kollektion entsteht, was seine Arbeit definiert, wie er die Ideen entwickelt und was ihn so stark von den anderen unterscheidet ausser den drei ikonenhaften Stücken, die er gemacht hat. Mehr Inhalt und weniger Bildmasse wäre hier das Stichwort gewesen - denn im Vergleich zu The September Issue ist dies eine sehr schwache Geschichte, die nicht einmal inspiriert.
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