Almanya (2011)

Almanya (2011)

Oder: Wir riefen Arbeitskräfte und bekamen Menschen...

Almanya

Ein gutes Fernsehprogramm ist viel wert.

Der sechsjährige Cenk (Rafael Koussouris) hat ein Problem: Wer oder was bin ich eigentlich: Deutscher oder Türke? So richtig kann ihm das auch niemand aus seiner grossen Familie sagen. Um ihm zu verdeutlichen, dass man auch beides sein kann, erzählt ihm seine Cousine Canan (Aylin Tezel) eine Geschichte. Sie beginnt Anfang der Sechzigerjahre in der Türkei, wo ein Mann um eine Frau wirbt, diese letztlich entführt und mit ihr ein Leben beginnt. Bei dem Mann handelt es sich um Cenks Grossvater Hüseyin (Vedat Erincin), bei der Frau um seine Grossmutter Fatma (Lilay Huser). Weil aus zweien mit der Zeit fünf werden, wird das Geld zum Leben knapp, und Hüseyin entschliesst sich, als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen.

Almanya

Der Kluge reist im... Laster?

Mehr als 45 Jahre später besitzt Hüseyin ein Mietshaus, in dem fast die ganze Familie zusammenwohnt. Bei einer Familienfeier eröffnet er seinen Lieben, in der Türkei ein Haus gekauft zu haben, welches er mit allen zusammen besuchen möchte. Widerworte werden nicht geduldet, und so bricht die ganze Familie in die Türkei auf. Ein Familienausflug mit vielen Überraschungen ist die Folge.


Kinofilm-Rating

Um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln und den Aufschwung aufrecht zu erhalten, gab es Anfang der Sechzigerjahre den Aufruf an Bewohner europäischer Nachbarländer, als Arbeitskraft nach Deutschland zu kommen. In Scharen kamen die sogenannten Gastarbeiter vor allem aus der Türkei, aber auch aus Griechenland oder dem ehemaligen Jugoslawien.

Am Beispiel des Hüseyin Yilmaz wird das hoch angepriesene tolle Leben in Deutschland auf meist heitere, zum Teil sehr humorvolle Weise geschildert, der Film lässt aber auch immer mal wieder nachdenkliche Momente einfliessen. Es ist die Geschichte des Eine-Million-und-ersten Gastarbeiters und zugleich die des Grossvaters der beiden Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, die den Film gemacht haben. Beiden gelingt es, ihrem Opa quasi ein Denkmal zu setzen, indem sie eine ausgesprochen fröhliche Kindheit schildern. Dabei werden gängige Klischees bedient (der Deutsche isst nur Schweinefleisch und trägt Dirndl), Sprachbarrieren humorvoll in Szene gesetzt, und letztlich wird auch gezeigt, dass sich der Mensch viel schneller einer neuen Kultur annimmt, als er eigentlich möchte. Insbesondere die Kinder beugen sich erstaunlich schnell der deutschen Sprache und Sitten und bestehen in einer der schönsten Szenen auf einem echten deutsches Weihnachtsfest, was kräftig in die Hose geht.

Anhand der Geschichte, die Canan erzählt, erfährt man in Rückblicken vom steinigen Weg, den Hüseyin zu gehen hatte, bevor er sich stolzer Besitzer eines Mietshauses nennen kann. Anhand der Szenen in der Gegenwart wird aber auch deutlich, dass er seine türkischen Wurzeln nie ganz aufgegeben hat und es deshalb sein grösster Wunsch ist, mit der ganzen Familie in die Heimat zu fahren.

Almanya ist eine Komödie, bei der oft herzhaft gelacht werden darf, bei der aber auch die nachdenklichen Momente nicht fehlen. Eine Geschichte über Immigration und Integration und ein Film, der kurzweilig zu unterhalten weiss.

4.2 Sterne
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13.02.2011 / jst