Zimmer 202 (2010)
Zimmer 202 (2010)
Oder: Schweiz wie Sau
Als Junge stellte sich Peter Bichsel vor, ein grosser Abenteurer zu werden, der irgendwann als Clochard unter einer der Brücken von Paris sein Ende findet. In der realen Welt wurde er Lehrer in Zuchwil bei Solothurn, später Schriftsteller und Schweizer National-Intellektueller. Paris hat er - getreu einem Schwur, den er sich selber geleistet hat - nie besucht. Für Zimmer 202 liess er sich von Regisseur Eric Bergkraut überreden, diesen Schwur im Alter von 75 Jahren endlich zu brechen.
Der Film begleitet den Reisemuffel Bichsel von Basel nach Paris und einmal um den Gare de l'Est. Dabei redet er über sein Leben und die Liebe, über Schwingfeste und darüber, wie schwierig es ist, diese Welt zu verändern. Er redet von seiner Frau, seiner Mutter und von Kleinstädten. Er beschreibt das patriotische Würgen, das Schweizer Sporterfolge in seinem Hals auslösen und erklärt, warum Pessimisten die besseren Menschen sind.
Während der ganzen Zeit lehnt Bichsel es hartnäckig ab, sich die Stadt anzusehen, und wartet lieber in seinem Hotelzimmer am Bahnhof darauf, bei der Fernsehübertragung der Tour de France einen Blick auf den Eiffelturm zu erhaschen...
Kinofilm-Rating
Ich mag Filme, in denen geraucht wird. Je mehr, desto besser. "Das ist keine Leidenschaft, sondern eine Schwäche.", sagt Peter Bichsel am Ende von Zimmer 202 über das Rauchen. Genau. Und weil es die Schwächen sind, die einen Menschen interessant machen, sind die besten Filme diejenigen, in denen noch der hinterletzte Komparse mit einer Zigarette im Mundwinkel durchs Bild latscht. Macht Sinn, oder? Nein?
In Zimmer 202 werden viele Zigaretten geraucht. Dabei ist es eigentlich ein Pfeiffenraucherfilm. Gemütlich, unspektakulär und sehr, sehr schweizerisch. An der Seite von Peter Bichsel wirkt sogar Paris wie eine Deutschschweizer Kleinstadt. Die Bilder des Films sind genauso unaufgeregt, wie die Person, um die sie sich drehen. Dazu kommt die Musik von Sophie Hunger und steigert weiter das Bedürfnis, eine Runde zu schlafen. Ja, die Gefahr, während Zimmer 202 einzunicken, ist nicht zu unterschätzen. Der Film ist langweilig - das aber auf eine sehr angenehme Art.
"In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hiess "Zur Stadt Paris". Ob das eine Geschichte ist?"
Peter Bichsel ist trotz seiner 75 Jahre durchaus kein seniler Opa, der seine Zuhörer zu Tode schwafelt. Seine Bemerkungen zu allen möglichen Themen bestehen meist aus zwei, drei Sätzen und einer Pointe. Fertig. Was er sagt, ist teils amüsant, teils kritisch, teils scharfsinnig und immer in seiner nasal-melodiösen Sprechweise vorgetragen, die den Zuhörer im Lauf des Films in einen beinahe meditativen Zustand verfallen lässt. Sparsam werden Zitate, alte Fotos und Fernsehmaterial eingestreut sowie kleine Ausflüge unternommen, unter anderem in Bichsels Solothurner Stammkneippe und an ein Klassentreffen.
Fazit: Zimmer 202 ist keine grossartige Unterhaltung, nichts Spektakuläres, nur ein kleiner Dokumentarfilm über Peter Bichsel mit Peter Bichsel - und dabei ein sehr gelungenes Porträt des wahrscheinlich wichtigsten lebenden Schriftstellers der Schweiz.
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