Le chat du rabbin (2010)
Le chat du rabbin (2010)
Oder: Die Katze lässt das Quasseln nicht
Algerien in den Zwanzigerjahren: Wandert Rabbi Sfar durch Algier, ist der graue Kater seiner Tochter Zlabya sein ständiger Begleiter. Als dieser eines Tages den Papagei der Familie auffrisst, geschieht ein Wunder - die Katze kann plötzlich sprechen. Doch was die Katze erzählt, gefällt dem Rabbi ganz und gar nicht, denn sie ist frech und lügt wie gedruckt. Damit das unziemliche Verhalten der Katze nicht auf Zlabya abfärbt, verbietet der Rabbi seiner Tochter jeglichen Kontakt mit ihr. Um trotzdem bei seiner Herrin sein zu können, will das Tier ein guter Jude werden und besteht auf eine eigene Bar-Mizwa. Die frechen Sprüche der Katze machen die religiöse Unterweisung aber keineswegs einfach.
Die Ankunft einer Kiste aus Russland bringt weitere Aufregung mit sich, denn inmitten heiliger jüdischer Bücher findet man einen jungen Maler, der aus Russland fliehen musste, weil Juden dort verfolgt werden. Nun möchte er eine legendäre jüdisch-afrikanische Stadt finden und deren Einwohner malen. Zusammen mit dem jungen Maler, einem muslimischen Weisen und einem exzentrischen russischen Millionär machen sich der Rabbi und die Katze auf eine abenteuerliche Reise durch Afrika.
Kinofilm-Rating
Die Thematik von Glaube und Religion(en) bietet bekanntlich einigen Zündstoff. Die eigenen religiösen Überzeugungen hält man ja meist sowieso für die besten, und sich in die Position Andersdenkender zu versetzen, ist gerade bei tiefverankerten Grundsätzen und Wertvorstellungen nicht immer einfach. Wie viel spannender und vergnüglicher ist es da, anstatt eines menschlichen Protagonisten die religiöse Suche eines frechen Tieres zu verfolgen und diesem jene respektlosen Fragen in die Schnauze zu legen, die man einem Menschen schnell einmal übel nehmen würde.
Comiczeichner, Autor und Regisseur Joann Sfar (Serge Gainsbourg, vie héroïque) lässt die Menschen in der Trickfilm-Adaption seiner eigenen fünfbändigen Comic-Reihe heftig über Gott, Religion und (Un-)Gläubige streiten. Weil sie aber hinter der vierbeinigen Erzählerfigur zurücktreten müssen, erweist sich das Resultat als ebenso amüsant wie erhellend. Denn wenn das namenlose Büsi mit kätzischer Arroganz und neunmalklugen Sprüchen durch die orientalisch-afrikanische Kulisse streift, wirft es einen genauen, wenn auch stets augenzwinkernden Blick auf uns Zweibeiner und entlarvt so manche gesellschaftliche und religiöse Absurdität.
Die Katze als Erzähler ermöglicht es, die Ignoranz der Menschen blosszulegen und als selbstverständlich erachtete Dogmen zu hinterfragen. Gerade im Aufeinandertreffen von Islam und Judentum offenbaren sich interkulturelle Konflikte, die teilweise auf Nichtigkeiten beruhen. Die Aufdeckung religiöser und rassistischer Vorurteile zeigt sich sogar in der Animationstechnik, etwa wenn die sonst eher realistisch gezeichneten Figuren plötzlich zu kindlich-verzerrten Karikaturen werden und damit kritisch auf Klischee-Vorstellungen von Afrikanern oder Juden verwiesen wird. Bei der Afrikareise in der zweiten Hälfte des Filmes, die vor allem den Kolonialismus thematisiert, erlaubt man sich zudem einen witzigen Seitenhieb auf den wohl berühmtesten, wenn auch ideologisch kontroversen belgischen Comic-Helden.
Le Chat du Rabbin ist ein cleveres Trickfilmabenteuer, das durch liebenswerte Hauptfiguren, lebendige und farbenfrohe Zeichnungen sowie durch die orientalisch angehauchte Musik punkten kann. Vor allem bringt der Film dem Publikum aber das Judentum näher und überzeugt durch die vielen philosophischen Einsprengsel, welche den Disput um Religion nicht als ideologisches Traktat, sondern mehr wie ein orientalisches Märchen wirken lassen. Le Chat du Rabbin ist ein - Achtung Klischee! - zugängliches, amüsantes Plädoyer für Frieden, Toleranz und interkulturellen Dialog. Dies zeigt sich nicht nur an den frechen Sprüchen der Katze, sondern insbesondere am Mut, die religiösen Überzeugungen anderer genauso zu hinterfragen wie die eigenen.
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