Pál Adrienn (2010)

Pál Adrienn (2010)

Oder: Mit Piroska durch dick und dünn

Pál Adrienn

Heimlifeisser Toilettengang

Die kugelrunde Piroska (Eva Gabor) überlebt ihren Alltag nur dank extracremiger Patisserie. Sie arbeitet in einem Budapester Altersheim und muss jeweils die Verstorbenen zurechtmachen und in der Leichenhalle im Keller verstauen. Des Nachts überwacht sie die die Bettlägrigen in einem Kontrollraum, worin die Herzfrequenzen aller Patienten elektronisch übermittelt werden. Sie ist verheiratet mit Kallman (Istvan Znamenak), der sich nicht wirklich für sie interessiert und ihr Velotouren auf dem Hometrainer verschreibt, damit sie etwas abnimmt.

Bis Piroska eines Tages mit einer Patientin zu tun bekommt, welche Pal Adrienn heisst. Denselben Namen trug auch eine ehemalige Schulfreundin von Piroska. Der Name weckt Erinnerungen, denen Piroska nachgeht. Sie begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit und trifft auf allerlei Leute, welche aber ein ganz anderes Bild von Pal haben als das von Piroska gepflegte.


Kinofilm-Rating

Zum Einstieg eine Geschichte aus dem dem Nähkästchen der OutNow.CH-Redaktion. Immer dann, wenn ein Filmfestival ansteht, sitzt die frisch zusammengewürfelte Delegation Freiwilliger zusammen, um das anstehende Programm zu besprechen. Man trifft sich vor dem Sprung ins ungewisse Abenteuer zur "Filmverteilete", sinniert über den Synopsen noch unbekannter Werke und eruiert das allgemeine Interesse an jedem einzelnen Film im Festival. Dasjenige für Pál Adrienn war äusserst gering. Zitate aus dem Programmheft des Zurich Film Festival 2010 liessen Schlimmes erwarten. Aus Ungarn. Eine "phlegmatische" Hauptfigur. "Streng komponierte" Filmsprache. Langeweile pur. Ein Vertreter des Scheissfilm-Genres drohte.

Es kam dann wie vorgesehen, war aber doch nur halb so schlimm. Ja, viele Szenen sind lang. Ja, die Arbeitsstätte von Piroska ist äusserst depressiv. Aber zwischen all diesen abstossenden Elementen entwickelt sich ganz subtil das sehenswerte Porträt einer Einzelgängerin, die sich freistrampelt von gesellschaftlichen Zwängen. Dank der Erkenntnis, dass Erinnerungen als individuelle Gedankenschnipsel jedem eigen sind, überwindet sie ihre Trägheit und ist am Ende eine anderer Mensch als zuvor. Mit mehr als zwei Stunden Laufzeit ist Pál Adrienn zwar ein Geduldspiel. Aber eines, das sich lohnt dank der Absurdität seiner unscheinbaren Details.

Was als dünne Story mit einer dicken Hauptdarstellerin abgetan werden könnte, ist doch spannend - vor allem im Rahmen des Zurich Film Festival, weil Pál Adrienn mit den erzählerischen Standards der anderen im Wettbewerb gezeigten Filme bricht. So ist der Film zwar öd, aber in seiner Sprödheit doch erfrischend.

3.0 Sterne
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12.10.2010 / rm