Incendies (2010)
Die Frau die singt - Incendies
Incendies (2010) Die Frau die singt - Incendies
Oder: Wenn zwei Leben auf einen Schlag eine dramatische Wendung nehmen...
Nach dem Tod ihrer Mutter Nawal (Lubna Azabal) erwartet die Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) bei der Eröffung des Testaments ein Schock: Der Notar Jean Lebel (Rémy Girard), ein Freund der Familie, händigt den beiden je einen Brief ihrer Mutter aus. Im Schreiben an Jeanne bittet Nawal ihre Tochter, ihren Vater zu suchen. Für die Zwillinge unerklärlich, hielten sie doch ihren Vater schon immer für tot. Im an Simon gerichteten Brief wird dieser aufgefordert, seinen Bruder ausfindig zu machen. Ein Bruder, dessen Existenz nie bekannt war.
Jeanne begibt sich zuerst alleine auf die Reise von Kanada ins Geburtsland ihrer Mutter im nahen Osten. Fast ohne Hinweise und der dortigen Sprache nicht mächtig, macht sie sich auf die Suche nach Spuren über die Vergangenheit ihrer Mutter. Sie stösst dabei auf zutiefst beängstigende Informationen. Sie bittet ihren Bruder, der das Ganze zunächst nur als Hirngespinste einer vor ihrem Tod geistig umnachteten Frau betrachtet hat, ihr zu folgen und beizustehen. Die beiden dringen nun gemeinsam weiter vor in die unbekannte Vergangheit ihrer Mutter, ihrer eigenen Existenz und eines von jahrelangem Krieg gebeutelten Landes...
Kinofilm-Rating
Mit der Adaption des Theaterstücks Incendies von Wajdi Mouawad ist dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve (Maelström) ein herausragender Film gelungen. Wahrlich nicht grundlos wird er dieses Jahr für Kanada ins Rennen für den besten fremdsprachigen Film bei den Academy Awards gehen.
Bereits die Eingangssequenz, inszeniert in eindringlichen, erschütternden Bildern von grosser Ausdruckskraft und eingefasst in einen gewaltigen Score, zieht den Zuschauer unverzüglich in ihren Bann. Ein Bann, der bis zur letzten Minute und ohne den kleinsten Durchhänger anhält. Dieser Film, das sind zwei Stunden von nur in grossen Werken zu erlebender Intensität. Er entwickelt vom ersten Moment an eine erzählerische Kraft, die mitreisst und so gut wie keine Momente der Entspannung zulässt. Der Zuschauer fühlt sich sofort nahe bei den Protagonisten und er leidet, erschrickt, trauert und rätselt mit ihnen auf ihrer "Tour de Force". Sei es mit der Mutter Nawal, deren frühere Jahre in ihrem Heimatland in Rückblenden gezeigt werden und die den eigentlichen Mittelpunkt der Handlung darstellen, oder mit den Zwillingen Jeanne und Simon auf ihrer Suche nach Antworten. Fotografiert in klaren, einfachen Bildern, die schonungslos und direkt das Geschehen transportieren, mag es noch so überraschend, erschreckend, schmerzvoll, abgründig oder einfach nur tieftraurig sein. Man könnte kritisieren, dass das Gezeigte zu hart an der Schmerzgrenze sei. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema ist dies aber von unbedingter Notwendigkeit.
Incendies zeigt auf eindringliche und geradlinig direkte, jedoch zu keinem Zeitpunkt aufgesetzte oder effekthascherische Art und Weise, zu welchem Greuel gesellschaftliche, politische oder religiöse Zwänge, menschliche Abgründe und nicht zuletzt Krieg fähig sind. Er zeigt es anhand eines Einzelschicksals in einem nicht benannten Land im nahen Osten, stellvertretend für die ganze Welt. Der Film ist, was die inhaltliche Thematik betrifft, ein Lehrstück und somit für jedermann sehr empfehlenswert.
Zwingend notwendig für eine Inszenierung dieser Klasse ist eine Besetzung, die überzeugt oder gar über sich hinauszuwachsen vermag. Hier wurden definitiv die richtigen Schauspieler ausgewählt. Lubna Azabal (Paradise Now) vermag in ihrer Darstellung vor allem in den zentralen Rückblenden Gefühle von fast greifbarer Intensität auf die Leinwand zu bringen. Eine grossartige Leistung. Ihr in nichts nachstehend meistern auch die jungen Mélissa Désormeaux-Poulin (Dédé, à travers les brumes)und Maxim Gaudette (Polytechnique) ihre anspruchsvollen Parts mit Bravour. Nicht zu vergessen die unzähligen Schauspieler und Laien in Nebenrollen, die ebenfalls restlos überzeugen. Das spricht für den Regisseur.
Fazit: Incendies ist ein grandioser Film. Meisterlich inszeniert von Anfang bis Schluss, zieht er den Zuschauer über 133 Minuten in seinen Bann. Ein Muss für jeden Filmliebhaber, aber auch dringend empfehlenswert als Lehrstück zur behandelten Thematik.
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