Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen (2010)

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen (2010)

Oder: Heiliger Krieg in der Mönchs-WG

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen

Fast verschluckt von den umliegenden Behausungen: die Grabeskirche Jerusalem

Die Grabeskirche in Jerusalem wird von sechs christlichen Konfessionen geführt und bewohnt. Seit Jahrhunderten leben sie unter demselben Dach, aber nicht in einem christlichen Miteinander. Nicht denkbar ist beispielsweise das gemeinsame Beten oder Messehalten, weswegen jede Konfession ihre Zeit an Jesus' Grab zugeteilt bekommt. Selbst ein getrennter Putzplan existiert, den aber nicht alle Konfessionen gleich zuverlässig befolgen. Diese und fundamentalere Angelegenheiten führen zu täglichen Streitigkeiten untereinander, und die meisten hegen die leise Hoffnung, die Anderen eines Tages aus dem (Gottes-) Haus vertreiben zu können. Es herrscht eine Hackordnung, Rechte und Pflichten werden verteidigt, sei es durch das Gewohnheitsrecht, Arglist oder auch mal mit Faustschlägen - Mönche prügeln sich offenbar nicht nur in Vier Fäuste für ein Halleluja.

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen

Alle wollen sie, die Flamme des Heiligen Geistes

Nebst den "internen" Rivalitäten erfährt man viel über die täglichen Aufgaben der Mönche, das bunte Treiben an hohen Festtagen und die Beaufsichtigung der in Scharen sich in die Kirche zwängenden Gläubigen, welche man im Namen Gottes immer wieder harsch darauf aufmerksam machen muss, wie es sich in der Grabeskirche zu verhalten gilt.


Kinofilm-Rating

Gemächlich, unspektakulär und feinfühlig begleitet die Kamera die Mönche bei ihren täglichen Pflichten und der Ausübung ihres Glaubens und lässt sie dabei zu Wort kommen. Der Film dokumentiert das Leben und Arbeiten in der Grabeskirche wertfrei, dies unter anderem durch den Verzicht auf einen Kommentar, dennoch wird durch ihn die Absurdität der Religion aufgezeichnet. Es gibt viel zu schmunzeln, aber auch öfter mal die Stirn zu runzeln ab so viel kleinkariertem und verstaubtem Denken.

Man erfährt nicht nur Neues über den christlichen Glauben und die sechs in der Grabeskirche lebenden Konfessionen (griechisch-orthodoxe, syrische, armenische, äthiopische Christen, römisch-lateinische Franziskaner und ägyptische Kopten), sondern auch etwas darüber, was Andersgläubige über unsere Religion wissen oder eben nicht.

Schwachstellen des Filmes sind einzig einige Längen. Die Kamera begeistert sich beispielsweise zu lange für die nach Eindunkeln einkehrende Ruhe in der Grabeskirche und für das in dieser stillen Zeit ausgeübte Weihrauchzeremoniell.

Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen ist Hajo Schomerus' zweite Regierarbeit, bei der er auch hinter der Kamera steht und für Idee und Konzept verantwortlich ist. Es gelingt ihm, dass der Zuschauer Sympathie für diese skurrilen Figuren mit ihren intoleranten und überholten Überzeugungen entwickeln kann und die Konfessionen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ausserdem ist es sein Verdienst, diese doch sehr tragisch und bedenklich anmutende Situation in der Grabeskirche weder ins Lächerliche zu ziehen noch zu bewerten. Ein verblüffendes, interessantes und humorvolles Portrait des Lebens in der geteilten Grabeskirchen.

5.0 Sterne
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12.03.2010 / mac