Goethe! (2010)

Goethe! (2010)

Oder: So viel Puff wegen der Buff!

Goethe!

Doch, doch, Blau und Gelb steht Ihnen gut, mein Werther.

Strassburg 1772: Der 22-jährige Jura-Student Johann Goethe (Alexander Fehling) vertreibt sich seine Zeit gern mit Wein und - bisher leider erfolglos - mit Dichtung. Als er durch die Doktorprüfung fällt, hat Johanns Vater (Henry Hübchen) endgültig genug davon, das ausschweifende Leben seines Sohnemanns zu finanzieren. Drastische Massnahmen müssen her, und so wird Johann ans Reichskammergericht von Wetzlar geschickt, wo er die Gerichtsarbeit von der Pike auf erlernen soll.

Goethe!

Mann, diese Perücke juckt!

Am neuen Arbeitsort gerät er bald mit seinem steifen Vorgesetzten, Gerichtsrat Kestner (Moritz Bleibtreu), aneinander. Mit seinem Arbeitskollegen Wilhelm Jerusalem (Volker Bruch) freundet er sich jedoch schnell an und landet so noch am ersten Tag auf einer feucht-fröhlichen Feier. Dort trifft Johann erstmals auf Lotte Buff (Miriam Stein), die ihn erst irritiert, beim zweiten Treffen in der Kirche aber vollends bezaubert. Bald darauf besuchen die jungen Männer Lotte zuhause und verbringen mit ihr und ihren sieben Geschwistern einen vergnüglichen Tag. Schnell sind Johann und Lotte bis über beide Ohren ineinander verliebt.

Noch ahnt niemand, dass Lottes Vater (Burghart Klaussner) einen Weg gefunden hat, um die Geldprobleme der Familie zu lösen: Lotte soll heiraten - und zwar ausgerechnet den Gerichtsrat Kestner...


Kinofilm-Rating

Ein Ausrufezeichen am Ende eines Filmtitels macht neugierig. Soll es andeuten, dass kein steifer Kostümschinken, sondern eine junge, moderne Umsetzung des frühen Lebens von Johann Wolfgang Goethe gezeigt wird? Versucht der Film, die Sturm-und-Drang-Zeit bereits im Titel einzufangen? Oder soll betont werden, dass nach Shakespeare, Austen und vielen anderen Weltliteraten nun auch einer der grössten deutschen Dichter und Denker die Kinoleinwand stürmen darf? Wer einen krampfhaft auf "hip" getrimmten Schmachtstreifen befürchtet, sei beruhigt: Den Vergleich mit den grossen englischsprachigen Autoren-Biopics muss der Film kaum scheuen. Dafür funktioniert die Mischung aus Kostümdrama, Romantik, Humor und Tragik schlicht zu gut.

Goethe! zeigt, wie der spätere Dichterfürst Goethe durch eine unglückliche Liebe dazu inspiriert wurde, seinen Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" zu schreiben. Ein Buch, das Literaturgeschichte geschrieben hat, europaweit zum Phänomen wurde und zu zahlreichen Nachahmungs-Freitoden führte. Regisseur Philipp Stölzl (Nordwand) versucht dabei gar nicht erst, das Universalgenie Goethe umfassend zu zeigen, sondern konzentriert sich fast ausschliesslich auf die Liebesgeschichte zwischen Johann und Lotte. Das politische und literarische Umfeld etwa fehlt fast völlig, und mit historischen Fakten geht der Film sehr frei um. Erzählt wird eine mitreissende, jedoch klar dramatisch zugespitzte Geschichte, die Romanze und Erfolgsstory vereint. Literaturkenner können zudem auf die Jagd nach Anspielungen auf weitere Goethe-Texte gehen.

Bereits die Ausstattung zeigt das hohe Niveau der Umsetzung: Kostüme, die getragen und nicht wie frisch aus dem Kostümverleih aussehen; Strassen aus Matsch, die den gezeigten Städten einen heruntergekommenen, dreckigen Look verleihen; und Kulissen, die geschickt durch digitale Effekte ergänzt wurden, um die Welt des 18. Jahrhunderts wiederaufleben zu lassen. Vor allem durch die hervorragende Besetzung kann der Film überzeugen, allen voran mit dem jungen Liebespaar. Hauptdarsteller Alexander Fehling glänzt gleichermassen in humoristischen, romantischen und tragischen Szenen und kann den Film so mühelos tragen. Die Schweizerin Miriam Stein (Tochter von TV-Mann Dieter Moor) gibt in ihrer ersten Filmrolle eine bezaubernde Lotte, die trotz gebrochenen Herzens Stärke zeigen kann. Einzig Moritz Bleibtreu will nicht recht in die Kostümrolle passen und wirkt in der dargestellten Zeit etwas deplatziert.

Goethe! bietet spannend-tragische Filmkost für Literaturfans wie für Romantiker. Dank der verständlichen, ungestelzten Sprache dürfte der Film auch für Zuschauer leicht zugänglich sein, die sonst mit Goethe und Konsorten eher weniger anfangen können. Dass mit historischen Fakten frei umgegangen wird, macht herzlich wenig, schliesslich geht es - wie der Film wiederholt betont - gar nicht um Fakten, sondern um "Dichtung und Wahrheit" (was Goethe in seinen gleichnamigen Memoiren ja auch selbst fleissig vermischt hat). Herausgekommen ist ein erstaunlich freches Biopic mit Charme, Romantik und einer schönen Portion Herzschmerz. Absolut sehenswert!

4.1 Sterne
4.1 Sterne (10 Bewertungen) | 0 Kommentare

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18.10.2010 / pps