Copacabana (2010)
Copacabana (2010)
Oder: Älter werden ist nicht schwer, erwachsen sein dagegen sehr
Babou (Isabelle Huppert) ist mit sich im Reinen: Ungebunden, optimistisch und etwas durchgeknallt lebt sie ihr leicht chaotisches Leben. Arbeiten, Heiraten oder Verantwortung sind nicht so ihr Ding. Viel lieber nimmt sie das Leben so, wie es gerade kommt und macht das Beste daraus.
Dass die Leute sie komisch anschauen und sich über sie lustig machen, scheint sie genauso wenig zu stören, wie die Tatsache, dass ihr Konto wieder einmal völlig in den Miesen ist. Erst als ihre Tochter Esméralda (Lolita Chammah) ihr gesteht, dass sie demnächst heiraten wird, jedoch um Peinlichkeiten vorzubeugen allen erzählt habe, ihre Mutter weile in Brasilien und könne darum an den Festlichkeiten nicht teilnehmen, beginnt sich Babou ernsthaft Gedanken über ihren Lebensstil zu machen. Sie entschliesst sich einer ernsthaften Arbeit nachzugehen.
Überraschenderweise klappt es auf Anhieb und Babou wird ins belgische Ostende beordert, wo sie fortan Kunden für ein Immobilienunternehmen anwerben soll. Kein leichtes Unterfangen in Anbetracht der ungemütlich kalten Jahreszeit. Anfangs scheint die liebenswürdige Chaotin gut anzukommen - doch die Konkurrenz schläft nicht! Wird Babou den Sprung in ein seriöses Leben schaffen und dadurch das Verhältnis zur Tochter retten können?
Kinofilm-Rating
Mit Copacabana ist dem Franzosen Marc Fitoussi eine hervorragende Zusammenführung von Familientragödie, Komödie und Gesellschaftskritik gelungen. Er weiss die Kulisse gekonnt einzusetzen, um der Aussage der Geschichte zusätzlich Nachdruck zu verleihen: Da steht die sonst so schrille, unkonventionelle Babou (Isabelle Huppert) im Deux-Pièce auf dem Balkon einer Neubauwohnung und schwärmt bei einem Kunden von der traumhaften Aussicht, die man von dort aus geniesst. Im Hintergrund erkennt der Zuschauer einfache, teils heruntergekommene Backsteingebäude und schmuddelige Fabrikhallen. Doch der Blick des potenziellen Kunden wird von Babou so intensiv auf das Meer gelenkt, dass dieser nur noch Augen für das hat, was man ihn sehen lassen will. Und genau auf dieses "Schein-Sein" spielt Copacabana an.
Babous Tochter Esméralda (Lolita Chammah) - übrigens auch im realen Leben Isabelle Hupperts Tochter - erwartet von ihrer Mutter, dass diese sich ihrem Alter entsprechend benimmt und endlich lernt Verantwortung zu übernehmen. Esméralda sieht sich selber aber dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt und versucht, das Bild der seriösen Studentin aufrecht zu erhalten, indem sie die eigene Mutter von der bevorstehenden Hochzeit fernhält. Babou zwängt sich ihrerseits, um den Ansprüchen der Tochter Folge zu leisten, in das Klischee der aufstrebenden Verkäuferin, obwohl ihr dieses Verhalten und die damit verbundene Oberflächlichkeit völlig zuwider ist. Doch nach aussen sieht alles ganz toll aus. Esméralda scheint glücklich, Babou scheint erfolgreich und die Aussicht vom Balkon scheint atemberaubend.
Isabelle Huppert verkörpert nach äusserst anspruchsvollen Rollen in Un Barrage contre le Pacifique oder White Material mit Babou einen vermeintlich simplen Charakter. Dies tut sie jedoch mit so viel Spontaneität und Liebe zum Detail, dass sie dieser Rolle einen ganz persönlichen Touch verleiht. Nie empfindet man Babou als berechenbare, in der Hippiezeit stehengebliebene Figur, wie das leider beim Darstellen solcher Charaktere öfters passiert. Im Gegenteil, man beginnt die quirlige Dame zu mögen, versteht aber im Gegenzug auch den Zwiespalt der Tochter Esméralda.
Die beiden Darstellerinnen überzeugen in diesem Mutter-Tochter-Konflikt, wie das nur wahre Mütter und Töchter schaffen können. Mit dieser Besetzung ist Marc Fitoussi ein Geniestreich gelungen. In dem Moment, in dem man Esméralda gerne mehr Respekt vor der Mutter empfehlen würde, schafft es Babou in irgendein Fettnäpfchen zu treten und die ganzen Sympathien schwappen wieder zur Tochter über.
Copacabana ist Feelgood-Kino mit Tiefgang. Schauspielerische Topleistungen, eine durchdachte, realistische Story, liebenswürdiger, intelligenter Humor und eine grosse Portion "reales Leben" werden durch einen Soundtrack abgerundet, der besser nicht gewählt sein könnte. Der Zuschauer verlässt das Kino mit einem guten Gefühl und fragt sich, wie es sich anfühlen würde, wenn das eigene Leben ein bisschen mehr "Babou" wäre.
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