Cirkus Columbia (2010)
Cirkus Columbia (2010)
Oder: Zu Hause ist es am schönsten
Der eiserne Vorhang in Jugoslawien ist gefallen, und nach 20 Jahren im Exil in Deutschland kehrt Divko (Miki Manojlovic) in seine Heimat zurück. Mit viel Geld in der Tasche, einem dicken Auto und einer blutjungen, bildhübschen Frau an seiner Seite, trifft er im Sommer 1991 in seinem kleinem Dorf in Herzegowina ein. Dort lebt seine Frau (Mila Furlan) mit ihrem Sohn noch immer in ihrem einst gemeinsamen Haus. In diesem Haus möchte Divko sein neues Leben beginnen und wirft die beiden kurzerhand raus. Sohn Martin (Boris Ler) hatte jedoch nie Gelegenheit, seinen Vater kennen zu lernen und taucht trotz Warnungen seiner Mutter immer wieder bei diesem und seiner neuen Geliebten auf.
Der Junge versteht sich prächtig mit der feurigen Azra (Jelena Stupljanin), die sein Vater in Deutschland kennenlernte, und führt sie durch ihre zukünftige Heimat. Seine Mutter missbilligt dies jedoch und ist mit der Situation der Rückkehr ihres Noch-Ehemannes überfordert. So entstehen viele zwischenmenschliche Spannungen, während sich auch politisch der Wind wieder zu drehen scheint, denn der Jugoslawienkrieg steht vor der Tür. Es scheint, als habe Dibvko nicht den allerbesten Zeitpunkt ausgewählt, in sein Land zurückzukehren...
Kinofilm-Rating
Der für No Man's Land 2001 mit dem Oscar prämierte, bosnische Regisseur Danis Tanovics inszeniert mit seinem vierten Spielfilm eine Geschichte um Heimat und Identität vor dem Ausbruch des Jugoslawienkrieges. Trotz ernsten Themen und politischem Hintergrund tänzelt Cirkus Columbia teilweise überraschend leichtfüssig über die Leinwand. Dies ist der Tatsache zu verdanken, dass Tanovics den Fokus eindeutig auf das Erwachsenwerden von Martin legt. Es ist die bewährte Geschichte eines Sommers, der das Leben eines jungen Menschens für immer verändern sollte. Frohnatur Azra und Hobbyfunker Martin passen sofort zusammen, und Jelena Stupljanin strotzt nur so vor Lebensfreude.
Die schwierigste und vielschichtigste Rolle hat aber Miki Manojlovic als Divko. Einmal ungehobelter Tyrann, dann wieder trauriger Einsamer, stellt er die Sympathie des Publikums immer wieder auf die Probe. Mira Furlan (bekannt aus Babylon 5 und Lost) hingegen kommt zu kurz: Ihre wichtige Rolle der verstossenen Frau und Mutter hätte mehr Beachtung verdient. Die Szenen zwischen ihr und ihrem Sohn sind zwar stark, doch sie verlieren durch ihre Knappheit einiges an emotionaler Resonanz.
Ein weiterer Charakter im Film ist das kleine Dorf im Süden Herzegovinas. Jeder kennt hier jeden, und die Stimmung ist idyllisch. Die Jugend trifft sich am Fluss, um zu baden, und überall gibt es kleine Handwerkerbuden und Läden. Wie ein Schatten schwebt jedoch immer die Gefahr des Krieges über den Köpfen der Bewohner. Dies geschieht zu Beginn jedoch nur am Rande, und so wirkt die Bedrohung nicht wirklich gross. Auch hier wäre es wünschenswert gewesen, das Thema etwas ausführlicher zu behandeln. Der intensive Schluss macht diesen kleinen Mangel jedoch wieder wett.
Cirkus Columbia funktioniert auf vielen Ebenen. Es geht um die Definition von Heimat, die Suche nach der Identität und die Annäherungen eines Sohnes an seinen Vater. Da so viel in den Film gepackt wurde, kommen einige Aspekte ein wenig zu kurz, was dem Unterhaltungswert jedoch nie schadet. Dank seinen starken Schauspielern und seiner interessanten Kulisse sollte man Tanovics' Film definitiv nicht verpassen.
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