Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (2009)

Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (2009)

Oder: Was in einem Nonnenkloster wirklich abgeht

Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen

Macht die Schwester wieder Siesta?

Wir befinden uns im tiefsten Mittelalter des 12. Jahrhunderts: Weltuntergangsvorstellungen und Selbstkasteiungen sind hier an der Tagesordnung. In diesen finsteren Zeiten wurden Adelstöchter gern in Klöstern abgeliefert, da sie dort unter anderem Demut und Gehorsam eingetrichtert bekommen sollten. Doch die achtjährige Hildegard ist anders. Angeblich soll sie die Sprache der Tiere, Pflanzen und Steine verstehen. Ausserdem ist sie ungewöhnlich oft bettlägrig. Sie wird die Lieblingsschülerin der Äbtissin und zieht sich so den Neid ihrer engsten Klosterschwester zu.

Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen

Wow! Nonnen haben wirklich Haare!

Nach dem Tod der Äbtissin fällt die Wahl der Nachfolge auf Hildegard (Barbara Sukowa). Diese fasst Mut und gesteht dem gelehrten Mönch Volmar (Heino Ferch) ihre Visionen. Im folgenden versucht Hildegard nun zu beweisen, dass ihre Visionen auch tatsächlich göttlichlichen (und nicht etwa teuflischen) Ursprungs sind. Gestärkt durch die langwierige Überzeugungsarbeit, bringt sie schliesslich sogar das patriarchalische Machtgefüge der katholischen Kirche aus dem Gleichgewicht. Wird es der proto-feministischen Hildegard gelingen, sich aus dem Clinch der machthungrigen Macho-Äbte zu befreien?


Kinofilm-Rating

Weit gefehlt, wer bei Vision nur einen Film für Eso-Tanten erwartet. Das gut dokumentierte Leben der Star-Nonne Hildegard von Bingen bietet erstaunlich viel Filmstoff. Die wackere Regisseurin Margarethe von Trotta liess sich vor allem von den vielen leidenschaftlichen Briefen der Hildegard inspirieren, und kreierte mit der energiegeladenen Barbara Sukowa eine durch und durch überzeugende Nonnenführerin.

Dabei hält sich der Film nicht lange bei den Hildegard-Klischees auf. Elegant bestreuselt von Trotta nur ein paar einführende Szenen über Hildegards Alternativmedizin (z. B. mit Dinkelplätzchen, Edelsteinen, Erde, Wein), ihre sphärischen Chorgesänge oder ihre rätselhaften Visionen - letztere könnten allerdings auch nur Migränehalluzinationen sein. Stattdessen holt von Trotta die Ikone Hildegard auf den Boden herunter und vertieft sich in ihre menschlichen Seiten. Hildegard entpuppt sich so unter anderem als hervorragende Strategin, die die Beziehungen mit einflussreichen Geistlichen und Weltlichen für ihre Karriere im rechten Moment einzusetzen vermochte. Und sie wusste, wie man die Wissenschaft aus aller Welt mit dem Christentum vereinen kann.

Die grosse Entdeckung des Films ist aber die übersprudelnde Richardis von Stade (Hannah Herzsprung), welche die Rolle der anhänglichen Lieblingsschülerin von Hildegard einnimmt. Dank ihr wird dieser düster-sinnliche Mittelalterfilm enorm aufgelockert, und alle lassen sich von ihrer Lebensfreude anstecken. Aber auch unglaublich intensiven Szenen mit Barbara Sukowa kann sie standhalten.

Vision ist ein Psychodrama seltener Art, das einen ungeheuer offenen Einblick in den Zickenterror innerhalb der Klostermauern gewährt. Sowohl die Regie als auch die SchauspielerInnen geben alles und reissen den Zuschauer mit in den Kampf um Liebe, Macht und Gott. Für eine weiterführende Lektüre sei Gabriele Göbels "Die Mystikerin. Hildegard von Bingen" ans Herz gelegt.

4.7 Sterne
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10.12.2009 / dap

Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (2009)
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