Vincere (2009)
Vincere (2009)
Oder: Benito, I love you
Mailand, vor dem ersten Weltkrieg: Die junge Ida Dalser (Giovanna Mezzogiorno) verliebt sich in Benito Mussolini (Filippo Timi), einen Journalisten und Sozialisten, der sich als glühender und charismatischer Kämpfer gegen König und Klerus auflehnt. Sie glaubt felsenfest an ihn und seine Ideale und verkauft deswegen ihren ganzen Besitz, um ihm seine neue Zeitung "Il Popolo d'Italia" zu finanzieren. Die beiden heiraten und Ida wird schwanger. Ihren Sohn tauft sie zu Ehren des Vaters auf dessen Namen: Benito Albino Mussolini.
Doch dann kommt der Erste Weltkrieg, Mussolini wird eingezogen und taucht unter. Erst Jahre später trifft Ida ihn wieder. Und der Schock sitzt tief, als sie realisiert, dass er inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet ist und mit dieser eine Familie hat. Sie ist bereit, ihm zu verzeihen und fordert ihre Rechte ein als Ehefrau und Mutter seines erstgeborenen Sohnes. Doch die Dokumente, die die Hochzeit und die Vaterschaft bezeugen, sind spurlos verschwunden. Mussolini lässt sie für verrückt erklären und in ein Irrenhaus einliefern - getrennt von ihrem Sohn. Doch Ida gibt den Kampf nicht auf.
Kinofilm-Rating
Italiens Kino betreibt derzeit Vergangenheitsbewältigung. Nachdem Il Divo den langjährigen und skandalumwobenen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti auseinander nahm, steht jetzt mit dem "Duce" und Vater des Faschismus Benito Mussolini eine Schlüsselfigur der italienischen Politik im 20. Jahrhundert auf dem Programm, die dem Land viel Leid gebracht hat. Freilich ist Vincere nicht primär ein Film über Mussolini, sondern vielmehr die wahre Geschichte seiner von ihm verleugneten Ehefrau und seines "geheimen" Sohnes. Diese Geschichte wird allerdings nicht linear erzählt, sondern in verschiedenen Zeitebenen, die immer wieder von Archivschnipseln, eingeblendeten Kampfparolen oder allerlei visuellen und akustischen Kapriolen unterbrochen werden. Dieser wilde, mit ziemlich aufdringlicher Musik unterlegte Mix macht das ganze Spektakel zu einem eher verwirrenden Sinneserlebnis.
Im ersten Teil des Filmes steht der junge, von Filippo Timi verkörperte Aktivist Mussolini im Zentrum: Die allererste Szene zeigt ihn, wie er seinen Unglauben an Gott manifestiert. Danach kommen einige ziemlich lang geratene Sexszenen, wohl um zu zeigen: Aha, Leidenschaft total! Mit fortlaufender Filmdauer wird's dann immer komplizierter, der Film surft durch die italienische Geschichte vor und während des Ersten Weltkriegs, während der Zuschauer mehr und mehr die Übersicht verliert - bis er sich dann zusammen mit Ida in der Zwangs-Klapsmühle wiederfindet. Während dieses zweiten Filmteils kommt Mussolini nur noch in Form von Archivaufnahmen vor, und im Fokus der Aufmerksamkeit steht Idas verzweifelter Kampf um die Anerkennung ihrer Ehe und Mutterschaft.
Während wie bereits erwähnt an allerlei Spezialeffekten nicht gespart wurde, kann selbiges von der Maske nicht behauptet werden. Im Gegenteil. Denn als Ida Dalser 1926 in die Klinik eingeliefert wurde, war sie bereits 46 Jahre alt und wurde insgesamt 11 Jahre dort festgehalten, also bis sie 57 war. Optisch altern tut die 34-jährige Hauptdarstellerin Giovanna Mezzogiorno aber während des gesamten Filmes nicht. Dabei sollten gerade einer von einem dermassen harten Schicksal Getroffenen doch die Schmerzen der Zeit eigentlich ins Gesicht geschrieben sein.
Schmerzen verspürt auch der Zuschauer nach über zwei Stunden wirren Stil-Crossovers. Marco Bellocchios Film bietet viel fürs Auge und fürs Gehör, zu viel. Aus lauter Freude an cineastischen Mätzchen aller Art und verschachtelten Zeitebenen verliert er die Story zu sehr aus den Augen, als dass Ida Dalsers tragische Geschichte wirklich zu berühren vermögen würde.
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