Das Vaterspiel (2009)

Das Vaterspiel (2009)

Oder: Schatten der Vergangenheit

Zimmer mit Aussicht

Zimmer mit Aussicht

1959: Jonas Sthrom (Ulrich Tukur), ein nach Amerika emigrierter litauischer Jude, reist nach Deutschland, um dort eine Aussage zu Protokoll zu geben. Und zwar gegen einen ehemaligen Schulkollegen aus Litauen, den er beschuldigt, als früherer SS-Führer für den grausamen Tod Tausender Juden verantwortlich zu sein - darunter auch für denjenigen seines eigenen Vaters.

1999: Der 35-jährige Ratz Kramer (Helmut Köpping) ist ein versiffter, mit sich und der Welt unzufriedener Alt-Nerd. Sein Vater ist österreichischer Minister und steht für alles, was er verachtet. Seinen Hass hat er in einem selbst entwickelten Ballergame kanalisiert: dem "Vaterspiel", in dem es darum geht, den eigenen Vater sooft als möglich niederzumähen.

Eines Tages erhält Ratz einen Anruf von Mimi (Sabine Timoteo), einem ehemaligen Schwarm aus der Studienzeit. Sie bittet ihn, zu ihr nach New York zu kommen, um dort ein Haus auf Vordermann zu bringen. Da er die Chance sieht, in den USA sein Computergame besser zu vermarkten, willigt er ein. Er ahnt noch nicht, welche Auswirkungen Jonas Sthroms Aussagen vierzig Jahre zuvor auf seinen Trip haben werden...


Film-Rating

Regisseur Michael Glawogger serviert mit seinem neuesten Film ein ambitioniertes, vielschichtiges und komplexes Filmpuzzle. Es wirft viele Fragen auf, ohne sie zu beantworten, was den Zuschauer zum aktiven Mitdenken zwingt. Auf verschiedenen Zeitebenen werden die Geschichten zweier Männer erzählt und miteinander verwoben, von denen einer den Verantwortlichen für den Tod seines Vaters zur Rechenschaft ziehen will, während der andere 40 Jahre später seinen Vater mit einem Killergame um die Ecke bringen will. Dies verleiht dem Film ein zynisches Augernzwinkern trotz der ernsthaften Grundthemen: Dem Umgang mit Schuld und Sühne und mit dunklen Schatten in der eigenen Vergangenheit sowie der Vergangenheit von Leuten, die man zu kennen glaubt - oder sich zumindest einredet, dies zu tun.

Die Filmsprache macht sich in den im Heute spielenden Episoden Elemente der Game-Ästhetik zu Nutze, immer wieder baut sich die Gamewelt in die Welt des Protagonisten ein. Die Szenen um Ratz sind ein eigenwilliger Mix zwischen Drama, Actionfilm und Psychothriller. Ganz anders die in den Fünfzigern spielenden Episoden, die von Jonas' alias Ulrich Tukurs ruhiger Erzählung seiner dramatischen Lebensgeschichte leben und konstant Spannung aufbauen. Als Bindeglied zwischen den beiden völlig unterschiedlichen Protagonisten funktioniert die geheimnisvolle Mimi, die undurchsichtigste Figur des Filmes. Verkörpert wird sie von der Schweizerin Sabine Timoteo. Allen, die sich bei Räuberinnen gefragt haben, wieso die attraktive Dame dort mit einer Fast-Glatze auftritt, offenbart sich hier die Lösung: Ihre Rolle in vorliegendem Film erfordert nämlich die Absenz sämtlicher Haare am Körper - was in einer Szene auch unter Beweis gestellt wird.

Das Vaterspiel ist die Adaption des gleichnamigen Romanes von Joseph Haslinger. Dies erklärt auch den Fakt, dass diverse Subplots, wie beispielsweise das inzestuös angehauchte Verhältnis des Protagonisten zu seiner Schwester oder das Schicksal von Ratz' Vater, nur kurz angeschnitten werden - wobei sich das klassische Problem des Reduzierens im Verfilmen eines Romanes manifestiert. Erfreulicherweise ist es Glawogger gut gelungen, trotzdem ein stimmiges Gesamtbild zu zeichnen und einen Film zu drehen, der nachhaltig in Erinnerung haften bleibt.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.05

 

15.02.2009 / ebe

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