Die Standesbeamtin (2009)

Die Standesbeamtin (2009)

Oder: Die Herrin der Ringe

Die Standesbeamtin

"Ich unterschreib dann schon mal für sie, ok?"

Für Rahel Hubli (Marie Leuenberger) gehört der schönste Tag im Leben von vielen Pärchen zum Alltag - als Standesbeamtin nimmt sie in einer idyllischen Schweizer Kleinstadt regelmässig Trauungen vor. Im Moment tut sie das allerdings eher lustlos, denn sie durchlebt selbst eine Ehekrise und glaubt ganz generell nicht mehr an das grosse Liebesglück.

Die Standesbeamtin

Kasperlitheater vor der Kanzel

Eines Tages trifft sie in einer Buchhandlung ihren Jugendfreund Ben (Dominique Jann), mit dem sie früher in einer Popband musiziert hatte. Dieser lebt nun, nachdem er als Solokünstler ein Hit-Album verbuchen konnte, gemeinsam mit der Schauspielerin Tinka (Oriana Schrage) in Deutschland. Es kommt, wie es kommen muss: Ben und Tinka wollen unbedingt von Rahel verheiratet werden, aber zwischen Rahel und Ben flackert im Verlauf der Hochzeitsvorbereitungen ein altes Feuer auf...


Kinofilm-Rating

Das Plakat, der Trailer und die Synopsis von Die Standesbeamtin trügen nicht: Der Film stellt sich in unmittelbar in die Tradition von romantischen Hochzeitskomödien wie My Best Friend's Wedding, The Best Man, 27 Dresses oder wie sie alle heissen mögen, und bietet eine Schweizer Version des hinlänglich bekannten Rezepts: Die wahre Liebe steht einer geplanten Eheschliessung im Weg, und die Auflösung wird bis zum entscheidenden Ja-Wort hinausgezögert.

Die Drehbuchschreiber haben voll und ganz auf die Wirksamkeit der klassischen Dreiecksgeschichte vertraut und sich dabei auch nicht gescheut, die drei Hauptfiguren stark zu typisieren: die pflichtbewusste, etwas unscheinbare Beamtin, der charmant-lockere Rockstar und die schnippisch-ehrgeizige Schauspielerin. Die Konstellation ist somit klar, der Verlauf der Geschichte vorgegeben und das Ende absehbar - und das muss auch alles genau so sein, denn es gehört nun einmal zu den ungeschriebenen Regeln dieser Art von Komödie, dass sie die Erwartungen der Zuschauer im Gegensatz zum Thriller nicht unterläuft, sondern sie Punkt für Punkt bestätigt. In diesem Sinne ist Die Standesbeamtin ein reichlich generöser Film - er versucht dem Publikum haargenau das zu geben, was es verlangt, nämlich Romantik.

Und das wird hier mit soliden Grundwerten getan: Ein attraktiver Drehort bei mehrheitlich schönem Wetter (gedreht wurde zum Grossteil in der Altstadt von Bremgarten), intelligente Dialoge, welche die Figuren erstaunlich vielschichtig erscheinen lassen (wenn man bedenkt, in welch engem Handlungsgerüst sie sich bewegen), ein wohltuend zurückhaltender Umgang mit Slapstickszenen und karikierendem Humor, durchwegs einfach gestrickte, aber wirkungsvolle Popsongs im Vor- und im Hintergrund, eine generelle Verspieltheit im Ton und - vor allem - drei neue Schauspielgesichter in den Hauptrollen, die aufgrund ihrer Unverbrauchtheit eine maximale Identifitikation mit ihren Rollen ermöglichen.

Marie Leuenberger - sie wurde dem Ensemble des Schauspielhauses Hamburg entlehnt - erinnert mit ihrer Darstellung wohl nicht von ungefähr an Renée Zellweger; aber im Gegensatz zu deren Paraderolle Bridget Jones, die vor allem vom einen Fetttnapf in den nächsten zu treten hatte, erhält Leuenberger mit dem Drehbuch von Die Standesbeamtin die Chance zu einer nuancierten, tiefer greifenden Performance, die sie dann auch nach allen Regeln der Kunst nutzt. Neben ihr besteht Dominique Jann eher mit Charme als mit Vielschichtigkeit - obwohl es ja eigentlich seine Figur ist, die sich zwischen zwei Frauen entscheiden muss. Dass Jann allerdings auch zu komplexeren Leistungen in der Lage ist als hier, das zeigte er unlängst in Luftbusiness von Dominique de Rivaz - wofür er beim Schweizer Filmpreis auch prompt als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde.

Aber so kurzweilig und gut gelaunt Die Standesbeamtin auch daherkommt - manchmal wirkt die Tendenz, absolut allen handelnden Figuren eine sympathische Seite abgewinnen zu wollen, auch etwas zu sehr nach Eierkuchen. Sei's drum, der Regisseur/Drehbuchautor Micha Lewinsky ist nun einmal alles andere als ein Mann der lauten und schrillen Gags, und er hat seine Protaganisten halt über alles lieb. Und das darf es ja ruhig auch einmal geben: Filmgewordene Philanthropie.

3.7 Sterne
3.7 Sterne (35 Bewertungen) | 3 Kommentare

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11.03.2009 / juz