Ricky (2009)

Ricky (2009)

Oder: Engelchen oder Teufelchen

Ricky

Himmelhoch jauchzend

Katie (Alexandra Lamy) arbeitet in derselben Fabrik wie der spanischstämmige Paco (Sergi López). Flüchtiger Blickkontakt reicht und beide verlieben sich ineinander. Auf den Quickie im Arbeiterklo folgen das erste Date und die gemeinsam verbrachte Nacht. Katies Tochter Lisa (Mélusine Mayance) fürchtet jedoch um ihre Stellung und akzeptiert den neuen Mann im Haus vorerst nicht. Bald wird Katie aber schwanger und bringt einen Knaben zur Welt: Ricky.

Ricky

Red Bull? Ne, trink ich nicht!

Dieser bringt die junge Familie an den Rand des Zusammenbruchs: Er schreit unentwegt und sein Riesenappetit zwingt Katie dazu, ihm ständig zu stillen. Als Katie aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehrt, bleibt Paco tagsüber bei dem Kleinen und hütet ihn so gut es geht. Eines Tages kommt sie nach Hause und findet auf dem Rücken des Kleinen einen grossen Bluterguss vor, später sogar zwei. Schlägt Paco etwa den Kleinen? Mit diesem Vorwurf konfrontiert, haut er ab.

Eines Tages ist auch Ricky nicht mehr in seinem Gitterbettchen, dessen Leintuch voller Blutspuren ist. Ein schrecklicher Verdacht kommt Katie, doch Lisa findet ihn nach kurzer Suche auf dem Schrank. Doch wie ist er da raufgekommen? Die Antwort versetzt sie ins Staunen: Ricky wachsen Flügel!


Kinofilm-Rating

François Ozon, vielfältiger Regisseur und Drehbuchautor (8 femmes, Swimming Pool), überrascht mit seinem neuesten Werk wohl wieder die ganze Welt. Da beginnt der Film im Stile eines bedrückenden, realistischen Millieudramas, das dem Kino der Dardenne-Brüder sehr nahe kommt. Eine Fabrik, eine überforderte, alleinerziehende Mutter, eine hoffnungsvolle Liebe zweier gewöhnlicher Menschen, die nach kurzer Blüte bald beginnt zu welken. Und dann das! Ein Baby mit Flügeln! Ein fliegender Säugling in einer solchen Welt macht in etwa so viel Sinn, wie wenn Superman in einem Dogma-Film auftauchen würde.

Dies soll jedoch nicht als Kritikpunkt verstanden werden. Im Gegenteil: Mit diesem unglaublich skurrilen Einfall manövriert Ozon den Film weg vom tristen Drama hin zu einer fast schon mythologisch angehauchten, tragischen Komödie, deren Grundzüge aber weiterhin durch den realistisch gezeichneten Alltag bestimmt werden. So versucht der Film gar nicht, dieses Kuriosum zu erklären, sondern nimmt dies als Anlass, die Geschichte aufzuhellen. Nicht, dass plötzlich alle Figuren durch die Strasse tanzen würden, doch durch Rickys Aussergewöhnlichkeit entwickelt sich die Familie auch weiter und mit ihr die reichhaltigen Deutungsversuche, wieso, warum, weshalb dies jetzt so passiert?

Spontan fällt natürlich die Ähnlichkeit zur Ikarus-Fabel ein, dessen Flügel durch die Nähe zur Sonne verbrannten, worauf er ins Meer stürzte. Auch hier spielt Licht und Wasser eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig wird mit Ricky aber auch das Recht auf anders sein propagiert. Mutter und Tochter sehen die Flügel nie als Handicap an, sondern erfreuen sich über Rickys erste Flugversuche. Dass diese bizarren Szenen mit ausgesprochen realen Momenten verknüpft werden, macht es dem Zuschauer jedoch oft schwierig, sich mit den Figuren zu identifizieren, da er immer wieder aufs Neue "geschockt" wird.

Letztlich hat es Ozon aber erneut geschafft, mehrere Genres zu mixen, zu verzwirbeln und neu zu arrangieren. Dass sich viele Leute bei Ricky vor den Kopf gestossen fühlen, ist nachvollziehbar und gleichzeitig aber auch Ausdruck unserer festgefahrenen Schaugewohnheiten. Ricky ist eine skurrile Filmmischung, ein seltsames Werk und doch irgendwie echt sympathisch.

4.3 Sterne
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06.02.2009 / hut