Le refuge (2009)

Le refuge (2009)

Oder: Schwangere sind in!

Le refuge

Grabschalarm!

Das junge Pärchen Louis (Melvil Poupaud) und Mousse (Isabelle Carré) lebt schnell und wild. Heroin bringt den zwei den täglichen Kick, ohne den beide nicht mehr leben könnten. Sie verbindet eine grosse Liebe, die jedoch durch eine mit Valium gesteckte Dosis des weissen Gifts jäh endet. Louis stirbt daran, Mousse überlebt wie durch ein Wunder.

Le refuge

Wann wird es mal wieder richtig Sommer?

Nach dem ersten grossen Schock mit der Todesnachricht ihres Geliebten folgt sogleich ein weiterer: Mousse ist schwanger! Die wohlhabende Familie von Louis, allen voran seine distanzierte Mutter (Claire Vernet) raten der drogenabhängigen Mousse, die Schwangerschaft abzubrechen. Darauf lässt sie sich jedoch nicht ein und zieht sich in ihr Refugium - ein altes Landhaus an der Küste der Côte d'Azur - zurück.

Bald erhält sie dort Besuch von Louis Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy), der auf dem Weg nach Spanien Halt macht und sich sogleich zu der Schwangeren und dem ungeborenen Kind hingezogen fühlt. Aus einem kurzen Zwischenstopp wird ein längerer Aufenthalt.


Kinofilm-Rating

Regisseur François Ozons Arbeitsweise (Sous le Sable, 8 femmes) gleicht einem Uhrwerk. Ähnlich wie Woody Allen bringt er praktisch jedes Jahr einen neuen Film ins Kino. Während der Stadtneurotiker jedoch jedes Jahr eigentlich denselben Film neu dreht, überrascht Ozon mit genreübergreifenden Handlungsmustern, verworrenen Geschichten oder unerwarteten Wendungen. War es letztes Jahr die fantasievolle Sozialdramödie Ricky, greift der Franzose dieses Jahr eine Geschichte auf, die wesentlich stärker dem Realismus verpflichtet ist.

Le refuge, mit einer starken Isabelle Carré (Cliente) in der Hauptrolle, erzählt von einer gestrandeten Frau ohne Perspektive, deren psychische Verfassung zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt. Ständig umgeben von Tod (ihrem verstorbenen Freund) und Leben (ihrem ungeborenen Kind) dient Mousse der Zufluchstort auf dem Land gleichzeitig als Flucht vor der Wirklichkeit, aber auch als Möglichkeit, fernab von Paris ein neues Leben aufzubauen. Carré gelingt dieser emotionale Spagat bravurös, in dem kleine Gesten, der Ausdruck in ihren Augen den Schmerz zeigen, welchen sie oberflächlich ihrem Besucher nicht zugestehen möchte. Dieser Gast wird vom französischen Sänger und Neoschauspieler Louis-Ronan Choisy verkörpert, dessen attraktives Äusseres mit der Verletzlichkeit seines Charakters optimal kontrastiert. Ihre Begegnung auf dem Land, in diesem alten Landhaus sorgt für eine örtliche Begrenzung der Handlung, weshalb Le refuge zu einem intensiven Kammerspiel wird.

François Ozon gelingt es, die emotionale Spannung in ein funktionierendes Drama über die Verlorenheit zweier kaputter Charaktere zu transformieren, welches durch seine Intensität berührt. Le refuge ist ein Film, bei dem kleine Handlungen wichtiger sind als grosse emotionale Ausbrüche, doch gerade durch diese auf die Abbildung der emotionalen Bindung der Figuren zielende Massnahme hebt sich den Film positiv von der Masse der französischen Sozialdramen ab. Komplettiert wird der positive Eindruck mit dem mutigen Schluss, mit welchem Ozon seinen Ruf unterstreicht, einer der kreativsten, aber auch kompromisslosesten Regisseure Frankreichs zu sein.

4.6 Sterne
4.6 Sterne (4 Bewertungen) | 1 Kommentar

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09.05.2010 / hut