Nowhere Boy (2009)

Nowhere Boy (2009)

Oder: Here Comes The Familiendrama

Nowhere Boy

John ist Elvis Presley.

John Lennon (Aaron Johnson) ist der Coole an der Schule: Er macht Ärger, schwänzt, stört, präsentiert den Mädchen auf dem Schulhof sein Glied und steht - zurecht - immer kurz davor, suspendiert zu werden. Als Johns lustiger Onkel stirbt und er seine Tante Mimi (Kirstin Scott-Thomas) weinend umarmt, schickt sie ihn zum Weinen auf sein Zimmer. "Don't be silly!", sagt sie.

Nowhere Boy

John ist Buddy Holly.

Er geht zu seiner Mutter Julia (Anne-Marie Duff), die er nicht mehr gesehen hat, seit er ein kleiner Junge war - und die ist silly as hell. Mit ihr sieht er im Kino ein Elvis-Konzert und hört, wie die Mädchen kreischen. Darauf beschliesst John, eine Band zu gründen. Seine Freunde machen mit. Nach dem ersten Konzert stösst Paul (Thomas Sangster) dazu, ein sauberer Bursche, der leider lieber Tee trinkt als Bier, aber verdammt viel Talent hat.

Nowhere Boy

MILF.

Währenddessen verbringt John immer mehr Zeit mit seiner jung gebliebenen, rock'n'rollenden Mutter. Tante Mimi gefällt das nicht. Sie findet, John sollte sich auf die Schule konzentrieren, statt seine Zeit mit Musik und Mädchen zu vertrödeln. John streitet mit Tante Mimi, weil sie seine Gitarre verkauft. John streitet mit seiner Mutter, weil sie ihn als Kind im Stich gelassen hat. Und wer ist eigentlich Johns Vater - und wieso kennt er ihn nicht? Das Drama geht los.


Kinofilm-Rating

Zuerst erleben wir die Anfänge der Beatles aus der Sicht John Lennons. Bevor es aber richtig zur Sache geht, wendet der Film sich von den Beatles ab und konzentriert sich ganz auf Lennons schwierige Beziehung zu seiner Mutter und der Tante. Nichts gegen Familiendramen und so, aber es geht hier um den Sänger der wahrscheinlich besten Band aller Zeiten. Der geneigte Zuschauer wartet also darauf, mehr von den Beatles zu sehen - und wird enttäuscht.

Überraschend ist, dass der Film nicht von Beatlessongs begleitet wird, sondern von der Musik, die in John Lennons Jugend en vogue war und die ihn - und damit auch die Musik der Beatles - beeinflusst haben dürfte. Unterstützt durch die eleganten, warmen Bilder kommt da so richtig Fünfzigerjahre-Heile-Welt-Gefühl auf. "Hach, das waren noch Zeiten!", bin ich versucht zu seufzen. Dabei wurde ich erst in den Achtzigern geboren.

Die Schauspieler überzeugen. In Anne-Marie Duff als Lennons lebensfreudige Mutter Julia hätte ich mich um ein Haar verliebt. Dagegen ist ihr Gegenstück Kirstin Scott-Thomas, Tante Mimi, so richtig schön britisch-zugeknöpft: eine vom Leben frustrierte, harte Frau, die es doch am Ende nur gut meint. Über den jungen Paul McCartney, der von Thomas Sangster mit einer interessanten Mischung aus Schüchternheit und Selbstvertrauen dargestellt wird, würde man gerne mehr erfahren.

Auch Aaron Johnson in der Hauptrolle ist ganz anständig. Nur scheint er ein bisschen zu gutaussehend, zu wild, zu smart. Das soll derselbe Typ sein, der mit seinen dünnen, langen Haaren neben Yoko Ono im Bett rumsass und "Give peace a chance!" säuselte? Das LSD muss sehr viel verändert haben bei John Lennon. Fairerweise ist zu sagen, dass Lennon als Jugendlicher ziemlich genau so aussah, wie er im Film dargestellt wird, und wohl auch ungefähr so drauf war. Das Hippietum hat erst später eingeschlagen.

Fazit: Da kommen die zuerst mit Saufen und Rock'n'Roll und Blowjobs - und dann hauen sie einem ein heimeliges Familienmelodram um die Ohren. Sicher kein schlechter Film, aber irgendwie weder Fisch noch Vogel. Das ideale Publikum ist weiblich und hat die Beatles damals noch live erlebt.

4.6 Sterne
4.6 Sterne (20 Bewertungen) | 1 Kommentar

3.53.5
03.10.2010 / vil