Kerity, la maison des contes (2009)

Leon und die magischen Worte

Kerity, la maison des contes (2009) Leon und die magischen Worte

Oder: ...da kommt was aus den Büchern raus!

Kerity, la maison des contes

Ein Beatle im Wunderland

Jeden Sommer verbrachten der kleine Natanaël und seine Familie die Ferien bei Tante Eleonore im Küstenstädtchen Kérity. Eleonore konnte ihm die wunderbarsten Geschichten erzählen - doch nun ist die liebenswerte Dame verstorben und hat ihr altes Strandhäuschen der Familie hinterlassen. Als die Familie wieder dorthin in die Sommerferien fährt, erhält Natanaël ein ganz besonderes Erbe: Eleonores umfangreiche Bibliothek. Dumm ist nur: Natanaël kann nicht lesen.

Als das Haus bei einem Sturm beschädigt wird, überlegen die Eltern, es zu verkaufen, da ihnen das Geld für die Reparaturen fehlt. Um das Haus und damit die Erinnerung an die geliebte Tante nicht zu verlieren, will Natanaël die Bücher verkaufen. Zu spät merkt er, dass es sich bei den Büchern um Erstausgaben handelt, deren Figuren - unter anderem Peter Pan und Captain Hook, Pinnocchio, Rotkäppchen und der Wolf - lebendig werden und ihre Bücher verlassen können. Wenn die Büchersammlung aber aufgelöst wird und Natanaël nicht bis zum Mittag einen ganz bestimmten Zauberspruch vorgelesen hat, verschwinden die Buchfiguren, und die Geschichten geraten weltweit in Vergessenheit. Mit Alice aus dem Wunderland und dem weissen Kaninchen sowie einem hungrigen Oger macht sich der Kleine deshalb auf, um seine neuen Freunde zu retten.


Kinofilm-Rating

Es sei das Geständnis eines drei- oder vierjährigen Buben gewesen, der Drehbuchautorin Anik le Ray auf die Idee für Kerity, La Maison des Contes brachte. Dieser konnte nämlich nicht lesen und hatte das Gefühl, dass ihm im Vergleich zu den Grossen etwas fehlte. Genau dieses Gefühl der Unzulänglichkeit eines Leseschwachen, aber auch die bezaubernde Kraft und Fülle an fantastischen Figuren, die aus Büchern geschöpft werden können, wurden beim Abenteuer des kleinen Natanaël eindrucksvoll und mit viel Liebe zum Detail auf die Leinwand gebracht.

Der Mix aus fantastischer Reise und Figuren aus Märchen und Klassikern der Kinderliteratur überzeugt, insbesondere dank der sympathischen Darstellung der bekannten Figuren und des feinen, kindgerechten Humors. Dabei halten sich Spass und tiefergehende Botschaft auf angenehme Weise die Waage. Im Laufe des Filmes macht sich der Kleine mit der Beatles-Frisur in mehrfacher Hinsicht auf eine Reise: Einerseits tritt er wagemutig den Weg zur Rettung seiner Buch-Freunde an, was gerade für kleine Zuschauer spannend sein dürfte - schliesslich wurde Natanaël von der bösen Märchenfee Carabos auf eine Grösse von wenigen Zentimetern geschrumpft. Er muss also buchstäblich über sich hinauswachsen, um seine Aufgabe zu meistern. Andererseits entwickelt er sich aber auch vom kleinen Buben, dem man seine Lieblingsgeschichten vorlesen muss, zum etwas reiferen Jungen, der nicht nur selber lesen, sondern auch vorlesen und andere (etwa seine anfangs etwas fiese Schwester Angélica) wieder zum Träumen und Fantasieren bringen kann.

Letztlich wird es aber wohl vor allem die visuelle Umsetzung sein, die den kleinen und grossen Zuschauern in Erinnerung bleiben wird. Mit dem ganz besonderen, verträumten Zeichenstil ist es Illustratorin Rébecca Dautremer gelungen, eine wunderbar detailreiche Bildsprache zu finden, welche auch durch die vielen runden Formen und sorgfältig gewählten Farbtöne überzeugt. Ganz nach dem Motto des Zauberspruchs "Ce n'est pas parce que c'est inventé que ca n'existe pas" zeigt der Film ein eindrückliches Plädoyer für die Fantasie, und damit eine Welt, in die auch Erwachsene gerne eintauchen.

Kérity, La Maison des Contes ist ein wunderschön gestaltetes Filmmärchen geworden, das von berühmten Figuren bevölkert ist, welche auf originelle Art und Weise neu zusammenwürfelt wurden. Dass die Botschaft des Filmes - die Wichtigkeit der Fantasie und des Lesens - bekannt und gerade in Filmen und Büchern für Kinder immer wieder auftaucht, mindert den Unterhaltungswert des Filmes in keiner Weise. Bei einer derart umwerfenden Umsetzung dürften nämlich auch Lesemuffel zweifellos ihren Spass haben.

5.0 Sterne
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13.09.2010 / pps