J'ai tué ma mère (2009)

J'ai tué ma mère (2009)

Oder: Pubertieren für Fortgeschrittene

J'ai tué ma mère

Was soll denn dieser Pulli?

Hubert (Xavier Dolan) zählt gerade mal jugendliche 17 Lenze und steckt damit noch mitten in der Pubertät. Dies ist bekanntlich die Zeit, in der die Eltern schwierig werden. In Huberts Fall ist da nur seine Mutter Chantale (Anne Dorval), und diese macht es ihm ziemlich einfach, alles an ihr zu hassen. Ihr Kleider- und Möbelgeschmack ist der eines blinden Paradiesvogels, sie schmatzt beim Essen, und ihr Gedächtnis gleicht in letzter Zeit einem Löchersieb. Die Konsequenz davon sind laute Hasstiraden, die sich die eiden beim Autofahren oder zuhause beim Abendessen liefern.

J'ai tué ma mère

Keiner versteht mich!

Als dann die Mutter unerwartet und quasi als Letzte von einer anderen Mutter erfährt, dass ihr Sohn homosexuell ist, gerät die häusliche Situation endgültig ausser Kontrolle. Nebst den üblichen Irrungen und Wirrungen eines jugendlichen Lebens muss sich Hubert auch noch mit seinem Mutterhass auseinandersetzen. Dabei erregt der junge Wilde die Aufmerksamkeit seiner Lehrerin Julie (Suzanne Clément), welche sich ihm anzunähern versucht. Huberts Gefühle spielen verrückt, und als ihm schliesslich das Internat droht, wird es ihm zu viel.


Kinofilm-Rating

Xavier Dolan liefert mit diesem semi-autobiographischen Film ein beeindruckendes Debüt. Nicht nur hat der 20- jährige Frankokanadier selbst das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und den Film produziert, er spielt sich auch gleich selbst als wilden, 17 jährigen Jungendlicher. Dass er schon seit seinem vierten Lebensjahr vor der Kamera steht, kommt dem Film dabei sehr zugute.

Dolan erzählt die Geschichte auf eine sehr eindringliche und ehrliche Weise. Obwohl der Hass gegen die eigene Mutter wohl nur bei den wenigsten solche Ausmasse annimmt, bieten die zum Teil sehr heftigen Tiraden und Auseinandersetzungen einen hohen Identifikationsfaktor. Dolan beweist sehr viel Gespür für seine Figuren und zeigt zum Beispiel auch die Sichtweise der Mutter. Gleichzeitig lässt er aber auch den Humor nicht zu kurz kommen. Gerade die Zankereien zwischen Mutter und Sohn sind mitunter amüsant. Hinzu kommt das kanadische Französisch, welches sich einfach seltsam anhört und selbst für die Französischsprechenden in Europa untertitelt werden musste.

Um die Geschichte zu erzählen, hat Dolan unglaubliche Bilder gefunden. Der ganze Film ist wunderschön fotografiert und weckt eine passende, bedrückende Stimmung. Die Drehorte sind überaus detailreich, und gerade die Räume der Mutter sind so schräg und übertrieben ausgestattet, dass es sich einfach um ein 0riginalschauplatz handeln muss. Zwischendurch richtet sich Hubert in hübschen Schwarzweissbildern immer mal wieder direkt in die Kamera und analysiert die Beziehung zu seiner Mutter. Diese Szenen wirken sehr authentisch und spannend, womit sie dem Film zusätzlich Intensität verleihen.

Ein grosses Lob gebührt auch den Schauspielern. Xavier Dolan, der mehr oder weniger sich selbst spielt, findet dabei ein gelungenes Mass aus Ekelpaket und Identifikationsfigur. Anne Dorval gefällt als stoische Mutter, die sich von den Tiraden ihres Sohnes nicht einfach so beeindrucken lässt. Und auch die weiteren Schauspieler in den Nebenrollen vermögen zu überzeugen.

J'ai tué ma mère ist ein spannendes, eindringliches und imponierendes Debüt des jungen Frankoanadiers Xavier Dolan. Sein semi-autobiographischer Film ist mitunter ein wilder und chaotischer Stilmix aus Zeitlupensequenzen, Texteinblendungen und Schwarzweissbildern, was aber hervorragend zur intensiven und humorvollen Geschichte passt.

4.6 Sterne
4.6 Sterne (9 Bewertungen) | 0 Kommentare

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28.01.2010 / mab