L'enfer d'Henri-Georges Clouzot (2009)

L'enfer d'Henri-Georges Clouzot (2009)

Oder: Das Un-Making-of von "Sissi auf LSD"

L'enfer d'Henri-Georges Clouzot

Die Sissi auf LSD

Im Jahre 1964 versuchte sich der französische Kultregisseur Henri-Georges Clouzot (1907-1977) an ein monströses Eifersuchtsdrama und scheiterte an seinen eigenen Obsessionen und Grössenwahn. Der Film mit dem Titel "L'enfer" handelt von einem frisch vermählten Paar, Odette (Romy Schneider) und Marcel (Serge Reggiani), die an einem malerischen Kurort (Auvergne) bei einem Staudammsee ein Hotel führen. Alles fängt fröhlich an, doch langsam schleichen sich finanzielle Probleme ein, und als Marcel seine Frau mit dem muskulösen Weiberhelden Matineau (Jean-Claude Bercq) herumflirten sieht, kann Marcel seine Eifersuchtsanfälle nicht mehr unter Kontrolle halten.

L'enfer d'Henri-Georges Clouzot

Clouzot kurz vor seinem Herzinfarkt

Der Filmarchivar Serge Bromberg spürte die seit vielen Jahren unter Verschluss gehaltenen, 15-stündigen Rohaufnahmen von L'enfer auf und versucht in diesem Dokumentarfilm den unvollendeten Clouzot-Film zu rekonstruieren. Aus Interviews erfährt Bromberg, dass vor allem die Strapazierfähigkeit des ganzen Filmteams vom tyrannischen Clouzot bis aufs Äusserste getrieben wurde.


Kinofilm-Rating

Aus einer vagen Idee hat der Filmarchivar und Filmpianist Serge Bromberg zusammen mit Ruxandra Medrea einen Rekonstruktionsversuch des gescheiterten Meisterwerks L'enfer gewagt und ist zum zweiten Mal gescheitert. Der gefürchtete Film-noir-Regisseur Henri-Georges Clouzot wollte einen tiefenpsychologischen Film drehen, der die Wahnvorstellungen eines eifersüchtigen Mannes cineastisch revolutionär auf Film bringt. Ein ewiges Unterfangen, vor allem als er von der Produktionsfirma Columbia ein unlimitiertes Budget zugesagt bekam. Grössenwahn beim perfektionistischen Regisseur ist vorprogrammiert.

Doch der Film versteift sich zu sehr auf die selbstzerstörerische Obsession des legendären Henri-Georges Clouzot. Es war ein machbarer Film, wie es Clouzot selbst vier Jahre später mit dem ähnlichen Film La prisonnière bewiesen hat. Posthum kaufte sich Claude Chabrol das Drehbuch zu L'enfer und realisierte 1994 einen gelungenen Psychothriller mit Emmanuelle Béart. Die hypnotisierenden Op-Art-Special-Effects, an denen Clouzot so lange herumexperimentierte, waren auch schon von den Dadaisten der 1920er Jahren entwickelt worden. Ein entscheidender Tiefschlag bei L'enfer war die plötzliche Flucht des Hauptdarstellers Serge Reggiani vom Drehort. Als Ersatz konnte Jean-Louis Trintignant nicht gewonnen werden, und Henri-Georges Clouzot erlitt daraufhin beim Dreh einer lesbischen Bootsszene zwischen Romy Schneider und der aufreizenden Dany Carrel einen Herzinfarkt, welches den Todesstoss dieses unglücklichen Projekts bedeutete.

Fazit: Für Filmhistoriker und Romy-Schneider-Fans bietet der Film einiges an Augenschmaus. Die Filmgöttin Schneider hat man noch nie so diabolisch gesehen. Als Unterhaltungs- oder Dokumentarfilm bietet es dem Zuschauer aber eher wenig. So wird die Fingerübung zur persönlichen Interpretation des unvollendeten L'enfer vom Filmenthusiasten Serge Bromberg. Dieser stellt damit zwar seine eigene Obsession für wertvolle Filmfragmente zur Schau, scheitert bei der Nachahmung der fehlenden Filmszenen (mit den unpassenden Schauspielern Bérénice Bejo und Jacques Gamblin) aber kläglich.

3.7 Sterne
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01.02.2010 / dap